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Brisantes Werbevideo : Kamerahersteller Leica droht Bann in China

Perfekte Zensur

Ebenso bemerkenswert wie das Leica-Video selbst ist die Tatsache, dass bis zum Freitagnachmittag die überwiegende Mehrheit der von der F.A.Z. befragten Chinesen wegen perfekter Zensur der Sicherheitsbehörden davon überhaupt nichts mitbekommen hatte. Auch die meisten Technologie-Analysten, deren Arbeit darin besteht, jede erdenkliche Information über Unternehmen wie Huawei und seine Zulieferer zu finden und zu bewerten, hatten von dem Vorfall nichts gehört.

Obwohl Chinesen mit je nach Umfrage 3 bis 4 Stunden täglich im Durchschnitt ähnlich viel Zeit im Internet verbringen wie Amerikaner, verbreiteten sich das Leica-Video und die Berichte und Nutzerkommentare darüber in China kaum. Zwar gab es vereinzelte kritische Kommentare wie etwa die Frage, ob es Leica überhaupt „verdient“ habe, mit „unserem patriotischen Huawei-Konzern zusammenzuarbeiten“.

Doch schon am Donnerstagabend hatten die Zensoren der Staatssicherheit und in den sozialen Plattformen begonnen, den Suchbegriff „Leica“ und alle damit verbundenen Berichte zu löschen. Wer den Namen des deutschen Unternehmens etwa auf dem Kurznachrichtendienst Weibo eingab, der dem amerikanischen Vorbild Twitter ähnelt, erhielt die Fehlermeldung, dass das Suchwort einen „Verstoß gegen relevante Gesetze und Vorschriften“ darstelle. Youtube und zehntausende weitere ausländische Dienste, Nachrichtenportale und Webseiten sind in China gesperrt und nur mit Hilfe von Hilfsprogrammen (VPN) abrufbar.

Zieht Huawei Konsequenzen?

Am Freitag hatten Pekings Zensoren schon so gründlich gearbeitet, als habe es den Vorfall überhaupt nicht gegeben – so, wie auch Chinas Führung das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens totschweigt. Bei Suchen nach „Leica“ in der in China führenden Suchmaschine Baidu erhielt der Nutzer zwar viele Artikel über den Einsatz der deutschen Kameratechnik in den Huawei-Smartphones, aber keinen einzigen Eintrag über das Werbevideo mit den Bildern auffahrender Panzer auf dem Tiananmen.

Trotzdem werde Huawei „definitv“ in Betracht ziehen, die Geschäftsbeziehungen mit dem deutschen Kamerazulieferer Leica zu beenden, sagt Su Minjian, Technologieanalyst aus Schanghai. „Patriotismus ist für das Smartphonegeschäft von Huawei in China von großem Wert“, sagte Su der F.A.Z.. „Ob es sich von Leica abwendet oder nicht, wird davon abhängen, wie sich die Affäre weiter entwickelt.“ Bisher habe Chinas Bevölkerung von dieser wenig mitbekommen, gibt auch der Analyst den verbreiteten Eindruck wieder.

Der Fall weckt Erinnerungen an die Affäre um einen Eintrag mit einer Lebensweisheit des Dalai Lama, den ein Mitarbeiter des deutschen Autobauers Daimler beim Bilderdienst Instagram eingestellt hatte. Chinas Führung sieht das geistige Oberhaupt der Tibeter als Separatist und Volksfeind Nummer eins an. Nach einem Aufschrei der Empörung hatte sich Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche in einem Brief an den chinesischen Botschafter entschuldigt, die „Gefühle des chinesischen Volks zutiefst verletzt“ zu haben.

Anmerkung der Redaktion: Das Werbevideo wurde inzwischen von den meisten offiziellen Seiten der beteiligten Agenturen und Unternehmen entfernt. Online ist das Video jedoch noch auffindbar. Das im Text verlinkte Video entspricht den Videos, die die Redaktion auf den Seiten der beteiligten Agenturen angeschaut hat.

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