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Fielmann : Der Brillenkönig regelt seine Nachfolge

Sohn und Vater: Marc und Günther Fielmann bei der Pressekonferenz zum Generationenwechsel. Bild: dpa

Günther Fielmann hat den größten Brillenhändler in Deutschland aufgebaut. Statt hässlicher Kassengestelle bot er erstmals modische Brillen ohne Zuzahlung an. Nun bereitet er seinen Rückzug vor, mit Hilfe seiner Familie.

          Günther Fielmann fasst sich kurz. Der 76 Jahre alte Unternehmer sitzt in einem schmucklosen Raum am Firmensitz im Hamburger Stadtteil Uhlenhorst und verkündet, wie er sein Unternehmen an die nächste Generation übergeben will. Viele Worte braucht er dafür nicht: Zum 1. Januar werde sein Sohn Marc in den Vorstand aufrücken und dort die Verantwortung für das Marketing übernehmen. Und in ein paar Jahren, so stellt Fielmann es sich vor, beruft der Aufsichtsrat den Sprössling zum Vorstandsvorsitzenden. Sonst gibt es dazu nicht viel zu sagen, findet der kauzige Firmenchef, vielleicht noch dies: „Sie können sich vorstellen, dass ich mich darüber freue.“

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Sein Sohn Marc, 26 Jahre alt, sitzt neben ihm. Sichtlich nervös blickt der junge Mann abwechselnd zu seinem Vater und den beiden Vorständen Stefan Thies und Georg Alexander Zeiss, die der Patriarch und Firmengründer zu dieser kurzfristig einberufenen Pressekonferenz mitgebracht hat. Dann fängt Marc Fielmann an zu sprechen, zunächst mit zitternder Stimme, später dann zunehmend locker und eloquent. Sein Vater habe das Unternehmen aus dem Nichts aufgebaut, sagt er. Dass er nun selbst in die oberste Führungsriege aufrücke, sei für ihn „Herausforderung und Verpflichtung zugleich“.

          Die Fielmann AG ist einer der größten Brillenhändler Europas. In den knapp 700 Filialen im In- und Ausland gehen jedes Jahr rund 6 Millionen Brillen über den Ladentisch. Mehr als 17.300 Beschäftigte arbeiten für das Unternehmen, das im Mittelwerteindex M-Dax notiert ist und mehrheitlich von der Familie Fielmann kontrolliert wird. Der Vorstandsvorsitzende ist Günther Fielmann, allerdings bereitet der wortkarge Schleswig-Holsteiner schon seit einigen Jahren seinen Abgang vor. Den größten Teil seiner Aktien hat er in eine Stiftung eingebracht, in der die Familie das Sagen hat. Sein Sohn Marc hat rund 9 Prozent der Unternehmensanteile erhalten, auch seine Tochter Sophie Luise hält ein großes Aktienpaket.

          Die Zukunft als Familienunternehmen ist damit gesichert. Das bedeutet aber nicht, dass der Senior sich nun schnell aus dem Tagesgeschäft zurückzieht: „Ich habe mir keinen festen Termin gesetzt, wann ich den Chefposten endgültig abgeben werde“, sagte er. Fielmann ist erst spät Vater geworden, von seinem Sohn trennen ihn 50 Jahre. Dennoch plant der Firmenlenker nicht, vorübergehend einem familienfremden Manager die Führung zu überlassen. Obwohl sein Sohn noch sehr jung sei, müsse er sich jetzt bewähren. Er könne sich dabei aber auf ein erfahrenes Management-Team stützen, sagte der Senior.

          Die Kassenbrille schön gemacht

          Marc Fielmann betonte, er habe sich in den vergangenen Jahren intensiv vorbereitet und in die Materie eingearbeitet. Studiert hat er an der London School of Economics. Danach absolvierte er Praktika bei verschiedenen Wettbewerbern, um dann durch Dutzende Filialen von Fielmann zu ziehen: „In dieser Zeit habe ich mehr als 3000 Kunden bedient und über 1000 Brillen abgegeben oder verkauft.“

          Gegründet wurde das Unternehmen vor 43 Jahren in Cuxhaven. Damals war der Optikermarkt kartellähnlich organisiert. Die Preise waren regional einheitlich hoch, die Kassenmodelle zeitlos hässlich. Günther Fielmann sah darin eine Marktlücke und bot den Kunden in seinem neu eröffneten Geschäft erstmals schöne Brillen an, die sie ohne eigene Zuzahlung kaufen konnten. Die Konkurrenz sah das gar nicht gern, doch die Kunden strömten nur so herbei. „Mein Vater hat die Kassenbrille schön gemacht und die Diskriminierung per Sozialprothese abgeschafft“, würdigte Marc Fielmann die Leistung des Gründers. Heute kommt jede zweite Brille, die in Deutschland verkauft wird, aus dem Hause Fielmann. Basis des Erfolgs sind nach wie vor die extrem niedrigen Preise. Dank der eigenen Fertigung von Gläsern und Gestellen umgeht Fielmann den Großhandel, und Markenprodukte kann der Handelsriese wegen seiner hohen Einkaufsvolumina ebenfalls sehr günstig anbieten.

          Der Geschäftserfolg schlägt sich in den Zahlen nieder. In den ersten drei Quartalen des laufenden Jahres hat der Konzern den Umsatz um 6 Prozent auf 990 Millionen Euro gesteigert, der Vorsteuergewinn wuchs sogar um 8,6 Prozent auf 193 Millionen Euro. Grund für den überproportionalen Ergebnisanstieg ist, dass die Gruppe mehr teure Gleitsichtbrillen verkauft, die eine höhere Rendite abwerfen. Außerdem baut Fielmann das Geschäft mit Hörgeräten aus, in dem ebenfalls hohe Margen locken. Aus dem Internetversand hält sich der Konzern dagegen heraus, und daran wird sich auch so schnell nichts ändern: „Im Netz fehlen uns die Möglichkeiten, eine Brille optimal an die Bedürfnisse des Kunden anzupassen“, sagte Marc Fielmann und wiederholte damit ein Argument, das sein Vater seit Jahren vorbringt. Zugleich betonte er, dass die Gruppe an eigenen Konzepten für den digitalen Handel feile. Als Beispiel nannte er eine App, über die Kunden Kontaktlinsen bestellen können und die in wenigen Monaten auf dem deutschen Markt starten soll.

          Günther Fielmann sagte, er würde es gerne sehen, wenn auch seine 21 Jahre alte Tochter eines Tages für das Unternehmen tätig wird. Doch an dieser Stelle bremste sein Sohn ihn ein wenig aus, wohl auch vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrung: „Wir würden uns riesig darüber freuen. Aber das muss jeder Mensch allein entscheiden, weil es viel verändert.“

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