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Übernahme : Brezel-Ditsch wird mexikanisch

Einkaufsstraßen-Klassiker: Ditsch hat knapp zweihundert Filialen – unter anderem diese in Liverpool. Bild: Mauritius

Der Mainzer Brezelbäcker gehört künftig einem mexikanischen Einzelhandelsriesen. Dieser hat viel vor in Europa und will neue Arbeitsplätze schaffen.

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          Die Brezel-Stände der Bäckereikette Ditsch gehören zum Inventar vieler deutscher Bahnhöfe. Das ofenfrische knatschige Laugengebäck hilft gut über den Hungerast im Zugabteil. Namensgeber ist der Bäckermeister Wilhelm Ditsch, der den Betrieb vor mehr als hundert Jahren als „Bäckerei für Brezel und Laugengebäck“ in Mainz gründete. Dessen Sohn Heinz Ditsch rationalisierte die Herstellung der Brezelrohlinge und begann in den 1980er-Jahren mit dem Aufbau eines Netzes von Verkaufsständen. Zuvor hatte er wegen des Überangebots an kleinen Bäckereien in Mainz entschieden, überwiegend Brezelprodukte anzubieten. 1990 übernahm Peter Ditsch, der Enkel des Gründers, die alleinige Geschäftsführung der Ditsch GmbH. Mit ihm endete die Geschichte der expansionslustigen Bäckerei als Familienunternehmen: 2012 verkaufte Ditsch den Betrieb, der heute mehr als 190 Verkaufsstellen hat, an die Schweizer Einzelhandelsgruppe Valora. Im Gegenzug avancierte er mit einem Anteil von 17 Prozent zum größten Einzelaktionär von Valora.

          Johannes Ritter
          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Doch nun steigt Peter Ditsch ganz aus. Er dient seine Anteile dem mexikanischen Einzelhandelskonzern Fomento Económico Mexicano (FEMSA) an. FEMSA hat am Dienstag ein Barangebot zum Erwerb aller Aktien der börsennotierten Valora Holding AG vorgelegt. Die Mexikaner bieten 260 Franken je Aktie, was einer Prämie von 57,3 Prozent gegenüber dem volumengewichteten Durchschnittspreis der letzten 60 Handelstage und von 52 Prozent auf den Schlusskurs der Valora-Aktie am 4. Juli 2022 entspricht. Den gesamten Kaufpreis von bis zu 1,1 Milliarden Franken will FEMSA nach eigenen Angaben aus den verfügbaren Barmitteln finanzieren.

          Aktienkurs schießt in die Höhe

          Nicht nur der Großaktionär Peter Ditsch, dem der Anteilsverkauf rund 190 Millionen Franken in die Kasse spült, ist mit der Offerte einverstanden. Auch der Verwaltungsrat von Valora spricht sich laut einer Mitteilung geschlossen für die Annahme des Übernahmeangebots aus. Wenn FEMSA bis September mindestens zwei Drittel aller Aktien angetragen werden, steht der Transaktion nichts mehr im Weg. Am Dienstag schoss der Valora-Aktienkurs um 51 Prozent auf 258,50 Franken nach oben und erreicht damit fast das Niveau des gebotenen Preises.

          Nach zahlreichen Zukäufen finden sich unter dem Dach von Valora heute zahlreiche Einzelhandelsketten, die im vergangenen Jahr mit 15.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 2,2 Milliarden Franken und ein Ergebnis vor Steuern und Zinsen von 30 Millionen Franken erwirtschafteten. Zur Gruppe gehören neben Ditsch auch die deutsche Kette Backwerk, die Back-Factory, Brezelkönig sowie die Ketten K-Kiosk, Press & Books, Avec, Caffè Spettacolo und die Eigenmarke Ok.

          Die in Mexiko und New York an der Börse notierte FEMSA kommt mit mehr als 320.000 Mitarbeitern auf einen Jahresumsatz von 27 Milliarden Dollar. Davon entfallen 15 Milliarden Dollar auf Einzelhandelsgeschäfte, die sich bisher auf Lateinamerika konzentrieren. Der Konzern ist zudem der größte Franchise-Abfüller für Coca-Cola-Produkte und der zweitgrößte Aktionär der Heineken-Gruppe. Der Vorstandsvorsitzende von FEMSA, Daniel Rodriguez, will Valora und deren operative Tochtergesellschaften weiterhin eigenständig arbeiten lassen. Bei dieser Übernahme gehe es nicht darum, Synergien zu heben und Kosten zu senken. „Dies ist eine Wachstumsgeschichte“, sagte Rodriguez auf einer Pressekonferenz in Zürich. Man benötige jeden einzelnen Mitarbeiter und wolle Valora dabei helfen, den Wachstumskurs in Europa fortzusetzen respektive zu beschleunigen.

          Der Hauptsitz von Valora in Muttenz bei Basel soll laut Rodriguez erhalten bleiben. Auch am Management unter Führung von Michael Müller will der Eigentümer in spe festhalten. Müller selbst hieß die Übernahme gut: Valora könne von den Ressourcen von FEMSA und deren großer Erfahrung als führendes Einzelhandelsunternehmen profitieren. Da sich die Präsenz der beiden Gruppen geographisch nicht überlappe, sei kein Arbeitsplatzabbau zu erwarten. „Die beiden Unternehmen gehen vielmehr davon aus, dass durch das anvisierte Wachstum in Europa eine erhebliche Anzahl neuer, attraktiver Arbeitsplätze in der Schweiz und anderen europäischen Ländern geschaffen wird.“

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