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Brexit-Pläne : Manager stellen sich hinter Theresa May

Brückenbauer gesucht: Gegner und Befürworter des Brexit-Vertragentwurfs zeigen sich unversöhnlich. Bild: AFP

Viele Unternehmen stützen den umstrittenen Brexit-Plan von Großbritanniens Regierungschefin. BMW will notfalls eine Luftbrücke einrichten.

          Es wird einsam um Theresa May: Aus allen politischen Lagern schlägt der britischen Premierministerin die Kritik an ihrem geplanten Brexit-Deal mit Brüssel entgegen. Minister treten aus Protest zurück, Gegner aus der eigenen Partei betreiben ein Misstrauensvotum gegen die Regierungschefin. Die Brexit-Hardliner unter den britischen Konservativen sehen in dem nun vorliegenden Entwurf für einen Austrittsvertrag mit der EU eine Kapitulationserklärung ihres Landes.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Doch ganz allein steht die bedrängte May dann doch nicht da: Aus den Chefetagen der Wirtschaft bekommt sie Unterstützung. Viele Manager hoffen inständig, dass es der Regierung mit ihrem ungeliebten Brexit-Deal doch noch gelingt, das rettende Ufer eines geordneten EU-Austritts zu erreichen – und einen Chaos-Brexit im nächsten Frühjahr zu verhindern. Große Industriekonzerne auf beiden Seiten des Ärmelkanals wie Airbus, BAE Systems, BMW und Rolls-Royce stellen sich demonstrativ hinter den Brexit-Plan der Premierministerin. Mays Schatzkanzler Philip Hammond hatte am Mittwoch rund hundert britische Spitzenmanager in einer Telefonkonferenz auf den Kurs der Premierministerin eingeschworen.

          Airbus-Chef Tom Enders nennt den politisch heftig umstrittenen Austrittsvertrag einen „willkommenen Fortschritt“. Der europäische Flugzeugbauer beschäftigt auf der Insel rund 14.000 Mitarbeiter. Ähnlich positiv äußert sich BMW. Das geplante Austrittsabkommen sei immer noch besser als ein No-Deal-Brexit, sagt Warren East, der Chef von Rolls-Royce. Der britische Triebwerkshersteller fürchtet ähnlich wie Airbus und BMW, dass nach einem ungeordneten EU-Austritt Bauteile, die in den britischen Fabriken dringend benötigt werden, nicht rechtzeitig angeliefert werden. Denn in diesem Fall drohen am Ärmelkanal kilometerlange Lastwagenstaus, weil Zollkontrollen und andere Grenzformalitäten wieder eingeführt werden müssten.

          In der Wirtschaft wächst die Brexit-Angst

          Nicht alle Manager unterstützen freilich den Brexit-Deal der Premierministerin. Justin King, früherer Vorstandschef der britischen Supermarktkette Sainsbury’s zählt zu einer Gruppe von Wirtschaftsführern, die stattdessen eine Wiederholung des Brexit-Referendums vom Sommer 2016 fordern. Er setzt darauf, dass die Briten dieses Mal für den Verbleib in der EU stimmen würden. „Geschäftsleute sind Pragmatiker, aber keine Fatalisten“, sagte King am Freitag. „Wenn man sieht, dass etwas zu keinem guten Ergebnis führt, dann muss man für Alternativen kämpfen.“ Auch in der britischen Politik wird der Ruf nach einem zweiten Volksentscheid lauter. May schließt dies weiterhin aus.

          Dass in der Wirtschaft die Brexit-Angst wächst, zeigt der Kurszettel der Londoner Börse: Der Aktienkurs der Royal Bank of Scotland und anderer britischer Großbanken wie Barclays und Lloyds fielen am Freitag weiter. Die RBS-Aktie hat seit Mittwoch rund 13 Prozent an Wert verloren. Der Kurssturz der Finanzriesen hat auch die Aufsichtsbehörden alarmiert. Immobilienaktien und Fluggesellschaften wie Easyjet und Ryanair standen am Freitag ebenfalls wieder unter Druck. Die Airlines müssten nach einem ungeordneten Brexit mit Störungen des Luftverkehrs rechnen. Am Devisenmarkt stabilisierte sich das Pfund nach starken Einbußen. Sollte sich der Ausverkauf fortsetzen, werde die Bank von England eingreifen müssen und den Leitzins erhöhen, sagte der frühere Finanzminister Kenneth Clarke.

          Wie dramatisch die Auswirkungen eines No-Deal-Brexits sein könnten, zeigt auch eine Warnung der britischen Polizei: Mögliche Versorgungsengpässe bei Nahrungsmitteln und Medikamenten nach einem ungeordneten EU-Austritt könnten zu gewaltsamen Unruhen führen, fürchtet diese. „Es gibt wirkliche Bedenken, dass es zu Ausschreitungen kommt, wenn die Leute keine Nahrung kaufen können oder kein Insulin bekommen“, sagte ein Sprecher des Polizistenbundes von England und Wales am Freitag. Große britische Supermarktketten warnen seit Monaten, dass der Brexit die Regale in den Läden leerfegen könnte.

          Industriekonzerne fürchten derweil um den Nachschub für ihre Fabriken. Beispiel BMW: Der Münchner Autobauer fertigt auf der Insel den Kleinwagen Mini und hat schon angekündigt, die Fabrik in Oxford nach dem Brexit-Termin Ende März für einen Monat zu schließen. BMW zieht dafür die Werksferien vom Sommer auf das Frühjahr vor. Die Bayern betreiben in England außerdem eine Produktionsstätte, die Motoren nach Kontinentaleuropa liefert. BMW bereitet mittlerweile auch unkonventionelle Notmaßnahmen vor: Falls die Lastwagen im Brexit-Zollstau steckenbleiben, sollen die Bauteile notfalls mit dem Flugzeug eingeflogen werden. „Wir haben uns auch Maßnahmen der Luftversorgung gesichert“, sagte Vorstandschef Harald Krüger kürzlich.

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