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Brexit : Der Umzugshelfer der Londoner City

Von Natur aus Optimist: Steve Ingham Bild: Page-Group

Durch den Brexit stehen bei einigen Unternehmen Umzüge an. Auch Frankfurt macht sich große Hoffnungen auf Zuzügler. Personalvermittler Steve Ingham weiß, warum die Main-Metropole gute Karten hat.

          4 Min.

          Als leidenschaftlicher Rugby-Spieler hat Steve Ingham gelernt, einiges einzustecken. Begleitet von herzhaftem Lachen erzählt der Brite die Geschichte, als er bei einem Turnier mit der Betriebsmannschaft des Personaldienstleisters Michael Page durch eine Karambolage zwar für eine ganze Weile das Bewusstsein verlor und danach kurzzeitig den Namen seiner Frau nicht parat hatte, wenig später aber wieder auf dem Platz stand und die Partie zu Ende brachte. Mit seinen 55 Jahren wirkt Ingham immer noch erstaunlich durchtrainiert – obwohl er seit mittlerweile elf Jahren als Vorstandschef die Verantwortung trägt bei einem der größten Vermittler von Fach- und Führungskräften auf der Insel mit einem Jahresumsatz von zuletzt knapp 1,2 Milliarden Pfund.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Einer der härtesten Rückschläge in Inghams beruflicher Karriere liegt noch kein Jahr zurück. „Der Tag nach dem Brexitvotum war einer der Momente im Leben, den du nie vergisst“, sagt Ingham. Am 24. Juni 2016 stürzte der Aktienkurs von Michael Page an der Londoner Börse von 4auf 1,55 Pfund ab. Ingham erinnert sich an die Untergangsstimmung in der Geschäftswelt: „Alle hielten es für ein Desaster.“ Für die Personalberater war diese Stimmung am Markt eine Katastrophe. Kundenunternehmen legten Neueinstellungen auf Eis, die Wechselbereitschaft der Kandidaten sank rasant. Der Brexitriss zog sich sogar durch Inghams Familie. Während seine Töchter ihn fragten, wie das nur passieren konnte, hatte die Mutter des Managers für „out“ votiert.

          Die Aufregung hat sich jedoch auch schnell wieder gelegt. „Heute weiß jeder, dass nichts über Nacht passiert, sondern zwei Jahre dauert.“ Kunden und Bewerber kamen zurück, die Page-Aktie ist heute mehr wert als vor dem Votum. „Wir erleben gerade die Ruhe vor dem Sturm“, glaubt Ingham. Die britische Wirtschaft entwickele sich dank der Abwertung des Pfundes gut. Vor allem Industrieunternehmen profitierten davon, dass sie ihre Produkte jetzt 20 Prozent günstiger auf das europäische Festland verkaufen können. „Viele Briten sehen, dass nichts passiert und sagen: ,Brexit ist okay‘.“ Ingham jedoch warnt: „Der Brexit kommt erst noch.“ Im Gegensatz zur Industrie seien Banken und Konzerne auch etwas nervöser, was sich im Personalgeschäft niederschlage. Während die Vermittlung von Ingenieuren und Logistikern gut laufe, sei die Nachfrage nach Finanzfachleuten und Controllern in der City verhalten. Je näher man nach London komme, desto schwieriger wird es, je weiter raus, desto besser, lautet seine Faustformel.

          Bisher gibt es nur Spekulationen

          Sind die großen Geldhäuser im Londoner Finanzdistrikt Canary Wharf so zurückhaltend, weil dort schon die Umzugskartons gepackt werden? Ist die Verlagerung Tausender Stellen nach Frankfurt, Paris, Dublin oder Amsterdam hinter den Kulissen schon in Vorbereitung? Ingham winkt ab. Bislang gebe es „nur Spekulationen“ zu den Folgen des Brexits. Und ein paar Indizien, wie die Beobachtung, dass die Immobilienpreise in London mittlerweile nicht mehr steigen, nachdem sie zuvor über viele Jahre hinweg nur eine Richtung gekannt hatten.

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          Zudem gibt Ingham zu Bedenken, dass es kein einfaches Rechenspiel sei, 2000 Arbeitsplätze von London etwa nach Frankfurt zu verlagern: „Menschen haben Familien und Karrierepläne.“ Vor allem das Schulsystem im Zielland spiele eine große Rolle: Welche internationalen Abschlüsse können dort erworben werden? Nicht nur Englisch stehe dabei im Mittelpunkt, denn die Finanzszene in London sei international geprägt. Natürlich könne man sich auch von 2000 Mitarbeitern trennen und in Deutschland neu einstellen, aber auch dieses Personal müsse erst einmal gefunden werden. „Das ist ein sehr komplexes Projekt“, warnt Ingham.

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