https://www.faz.net/-gqe-733q3

Brandgefahr : Daimler boykottiert Kältemittel für Auto-Klimaanlagen

  • -Aktualisiert am

Klimaanlagen-Test bei einer S-Klasse von Daimler. Bild: dpa/dpaweb

Es hätte das Klima schützen sollen: ein neues Kältemittel für Klimaanlagen. Doch die Sicherheit des Mittels steht in Zweifel. Daimler hat sich jetzt endgültig dagegen entschieden.

          3 Min.

          Gut fürs Klima oder giftig und ätzend? Entgegen den Vorschriften der EU-Kommission will Daimler in den Klimaanlagen seiner Autos nicht das umstrittene neue Kältemittel mit dem sperrigen Namen „R1234yf“ einsetzen. Das kündigte der Konzern völlig überraschend am Dienstagmorgen an.

          Hintergrund für diese Entscheidung seien umfangreiche eigene Unfalltests gewesen, hieß es. Diesen ausführlichen Untersuchungen zufolge könne mit dem neuen Kältemittel bei schweren Unfällen nicht die Sicherheit der Insassen gewährleistet werden. Deshalb sei Daimler jetzt im Gespräch mit den Behörden, insbesondere mit dem Kraftfahrtbundesamt, das neue Autotypen genehmigen muss. „Das ist eine völlig neue Sachlage“, sagte ein Konzernsprecher.

          Das Kältemittel gilt als gefährlich

          Die EU-Kommission dürfte sich über Daimlers Entscheidung ärgern. Sie hatte das neue Kältemittel vorgeschrieben, weil es wesentlich umweltfreundlicher ist als das bisher verwendete: „R1234yf“ trägt fast gar nicht mehr zur Klimaerwärmung bei – im Unterschied zum alten Kältemittel.

          Auch wenn die Autoindustrie lange Zeit abwiegelte: Die Substanz in dem neuen Kältemittel steht in dem gefährlichen Ruf, sich – wenn sie zum Beispiel bei einem schweren Unfall in Brand gerät – in hochgiftige Flusssäure zu verwandeln. Diese kann sich bei Hautkontakt schnell bis auf die Knochen durchätzen und dort schmerzhafte und irreversible Schäden anrichten. Davor warnte zumindest die Deutsche Umwelthilfe, die stattdessen Kohlendioxid als Kältemittel bevorzugt hätte. Zwischenzeitlich schienen die Sicherheitsbedenken jedoch durch ein von der Autoindustrie finanziertes Gutachten des TÜV Rheinland weitgehend ausgeräumt. Allerdings wurde das Gutachten nicht der Öffentlichkeit vorgestellt, weil es als zu schwer verständlich galt.

          Die anderen Autobauer könnten folgen

          Daimlers Ausstieg aus dem neuen Kältemittel wirft viele Fragen auf. Die wichtigste ist, ob der Rest der deutschen Autoindustrie dem Beispiel folgen wird. Rivalen wie etwa Volkswagen hatten sich bisher um die Entscheidung herumgedrückt. Sie hatten sich Typgenehmigungen für neue Modelle noch vor Beginn des Jahres 2011 eingeholt, gewissermaßen auf Vorrat. Damals war das neue Kältemittel noch nicht vorgeschrieben, darum dürfen sie das alte weiter verwenden.

          Ein Hindernis beim Ausstieg dürften neben den Klimaschutzzielen auch internationale Vereinbarungen sein. Auch die Vereinigten Staaten haben das neue Kältemittel erlaubt, und es kommt dort auch schon zum Einsatz. Eine international uneinheitliche Lösung dürfte zusätzliche Kosten verursachen, die die ohnehin derzeit von der Absatzflaute geschwächte Branche nicht brauchen kann.

          EU-Kommission gewährt einen Aufschub - wegen Lieferschwierigkeiten

          Das Kältemittel hat schon lange für Wirbel in der Autoindustrie gesorgt: Erst warnten mehrere Umweltverbände, die verwendete Chemikalie sei gefährlich für Menschen und könne im Falle schwerer Unfälle schlimme Verletzungen hervorrufen. Dann eröffneten die Kartellbehörden ein Verfahren gegen die beiden Hersteller wegen des Verdachts auf Betrug bei der Anmeldung des Patents. Und schließlich gewährte die EU-Kommission der Branche einen Aufschub bis zum Jahresende für die Einführung.

          Als offizielle Begründung für den Aufschub nannte die Kommission im April in einem amtlichen Brief an die technischen Zulassungsbehörden Lieferschwierigkeiten der Hersteller. Produziert wird „R1234yf“ nur von den beiden amerikanischen Chemiekonzernen Dupont und Honeywell, die dank eines Patents ein vorübergehendes Monopol besitzen. Laut EU ist die Produktion wegen des Erdbebens in Japan 2011 und wegen eines schwerfälligen Registrierungsverfahrens für eine Fabrik in China noch immer eingeschränkt.

          Die deutsche Autoindustrie ging aber bislang davon aus, dass das neue Kältemittel von Anfang 2013 an schrittweise seinen Weg auf den Markt finden wird. „Ich glaube nicht, dass nach der internationalen Einigung auf dieses Kältemittel noch einmal Alternativen erwogen werden“, hatte Ulrich Eichhorn, der für technische Fragen verantwortliche Geschäftsführer des Verbands der Automobilindustrie (VDA), der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im April gesagt. Erste Autos deutscher Produktion würden zum Ende des Jahres mit dem neuen Kältemittel vom Band laufen.

          Im Daimler-Konzern zum Beispiel waren die Kompaktwagen der neuen B-Klasse und der Sportwagen SL die ersten Fahrzeugmodelle von Mercedes-Benz, die mit dem neuen Kältemittel zertifiziert wurden. Wegen der Lieferschwierigkeiten der Chemiekonzerne konnte Daimler bisher aber nur eine kleine dreistellige Zahl an SL-Sportwagen mit dem neuen Kältemittel auszurüsten. „Diese Autos werden nun in Absprache mit den Kunden umgerüstet“, sagte ein Daimler-Sprecher.

          Weitere Themen

          Platz da, Boomer! Video-Seite öffnen

          F.A.Z. Woche : Platz da, Boomer!

          Keine Generation hat in Deutschland so viel Macht wie die der Babyboomer. Doch bald gehen sie in Rente. Wie verändert sich dann unser Arbeitsmarkt?

          Topmeldungen

          Gefeiert wie ein Popstar: Heinz-Christian Strache am Donnerstagabend in Wien.

          Strache-Auftritt in Wien : „Hier steht das Original“

          Heinz-Christian Strache will in Österreich mit einer neuen „Bürgerbewegung“ in die Politik zurückkehren und seiner früheren Partei FPÖ das Leben schwer machen. Doch noch lässt er seine Anhänger zappeln – und vermeidet Festlegungen.

          Überfüllte Kliniken in China : Ein Patient alle drei Minuten

          Überfüllte Kliniken, gewalttätige Angehörige, Arztkosten als Existenzbedrohung, Menschen, die sich selbst ein Bein amputieren – und nun auch noch ein unbekannter Virus: In China sollte man besser nicht krank werden.
          Jürgen Klopp nach dem Sieg des FC Liverpool bei den Wolverhampton Wanderers

          Premier League : Liverpool marschiert weiter Richtung Titel

          Auch in Wolverhampton behält Jürgen Klopp mit dem FC Liverpool eine weiße Weste. Ein früherer Bundesliga-Spieler macht den entscheidenden Treffer. Für die „Reds“ ist es der 22. Sieg im 23. Spiel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.