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Branchen (59): Pharmaindustrie : Mit Risiken und Nebenwirkungen

Bild: F.A.Z.

Nach der Übernahme von Schering ist es Bayer gelungen, Nummer eins in Deutschland zu werden. Im internationalen Vergleich spielen deutsche Pharmakonzerne eine untergeordnete Rolle.

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          Es gibt kaum eine Branche, die von der Öffentlichkeit mit mehr Emotionen begleitet wird wie die Pharmaindustrie. Ihre Produkte, die für einen Umsatz von rund 600 Milliarden Dollar im Jahr stehen, gehen alle an: die Kranken sowieso; aber auch die Gesunden, die über steigende Krankenkassenbeiträge spüren, welche Schwierigkeiten das Gesundheitswesen - und damit die Pharmaindustrie - zu bewältigen hat.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Dabei gibt es Mißverständnisse und gegenseitiges Unverständnis. So wird schnell behauptet, es gebe ein mächtige Pharmalobby, die die Politiker in Berlin und anderen Hauptstädten der Welt im Griff habe. Die Vertreter der Unternehmen quittieren diese Behauptung mit dem Hinweis, von irgendeinem Einfluß auf politische Entscheidungen merkten sie nicht viel - zumindest nicht in Deutschland.

          Zielscheibe für Kritik

          Die Pharmakonzerne sind eine Zielscheibe für Kritik. Denn sie verdienen prächtig. Die profitabelsten Unternehmen erwirtschaften Ergebnismargen vor Zinsen und Abschreibungen von mehr als 35 Prozent. Selbst die schlechteren schneiden nur rund 10 Prozentpunkte schwächer ab.

          Zum Vergleich: Ein bestens geführter Konsumgüterhersteller freut sich schon über eine Marge von 15 Prozent. Die Pharmaunternehmen verstehen die hohe Rendite als Risikoprämie für ihre aufwendige Forschung, Entwicklung und Zulassung - die jederzeit scheitern kann, aber rund 800 Millionen Dollar je erfolgreichem Medikament kostet.

          Fusionen sind Reaktion auf Druck

          Die Konzerne reagieren auf den Druck mit Zusammenschlüssen. Die bisher größte Transaktion war die Fusion von Pfizer und Warner-Lambert mit einem Wert von 90 Milliarden Dollar im Jahr 2000. Kurz darauf folgten Glaxo Wellcome und Smithkline Beecham (Wert: 74 Milliarden Dollar), zwei Jahre später Pfizer und Pharmacia (60 Milliarden Dollar) sowie Sanofi-Synthélabo und Aventis (55 Milliarden Euro).

          Dagegen nimmt sich der Kauf von Schering durch Bayer, eine rein deutsche Transaktion, für rund 17 Milliarden Euro klein aus. Überhaupt spielen deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich eine untergeordnete Rolle. Bayer hat es durch den Schering-Kauf geschafft, wieder zum größten deutschen Pharmakonzern zu werden. Den Titel hatte zuvor der Familienkonzern Boehringer Ingelheim.

          Vermarktungsstopp kann den Ruin bedeuten

          Andere mittelgroße Pharmakonzerne wie die im Rennen um Schering von Bayer geschlagene Merck KGaA oder die Altana AG stehen unter Druck. Sie haben eine Größe, die ungemütlich ist. Den hohen Kosten für die Forschung und für ein weltumspannendes Vertriebsnetz stehen zu wenig junge Präparate aus der eigenen Entwicklung gegenüber, die diese Struktur auch in der Zukunft rechtfertigen würden.

          Eine breite Risikostreuung gibt es nicht. Den Vermarktungsstopp eines wichtigen Medikaments, wie er Bayer mit Lipobay oder Merck & Co. mit Vioxx widerfahren ist, würde das Pharmageschäft von Unternehmen dieser Größe ruinieren.

          Konzentration auf Krebs-Produkte

          Besonders bei Altana hängt die Zukunft des Pharmageschäfts nur an einem Medikament, dem Magenmittel Pantoprazol. Mit Pantoprazol kam Altana 2005 auf einen Eigenumsatz von 1,4 Milliarden Euro, die Pharmasparte insgesamt verzeichnete einen Umsatz von 2,4 Milliarden Euro. Für das Präparat läuft aber bis zum Jahr 2010 Schritt für Schritt der Patentschutz aus. Neue Atemwegsmedikamente aus der eigenen Forschung haben bisher als Hoffnungsträger enttäuscht.

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