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Branchen (45): Mineralölindustrie : Teure Jagd nach Reserven

Bild: F.A.Z.

Der enorme Bedarf an Rohöl ist zunehmend auf die hohe Nachfage asiatischer Länder zurückzuführen. China etwa sichert sich deshalb immer stärker den Zugang zu internationalen Ölreserven.

          4 Min.

          Die Aussichten für die Ölmultis scheinen auf den ersten Blick rosig. Die Nachfrage nach Energieträgern steigt weltweit. Dank der hohen Preise am internationalen Rohöl-Markt sprudeln die Gewinne. Nach Schätzungen dürften die international führenden Anbieter Exxon Mobil, British Petroleum (BP), Royal Dutch Shell, Total, Chevron sowie Conoco Phillips in diesem Jahr zusammen rund 106 Milliarden Euro verdienen - ein Betrag, der das Bruttoinlandsprodukt von Tschechien oder Israel übersteigt.

          Ulrich Friese
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der üppige Geldregen müßte eigentlich einen gigantischen Investitionsschub in der Ölindustrie auslösen. Doch viele Produzenten stocken ihre Budgets für die Erschließung neuer Öl- und Gasfelder sowie für die Ausbeutung vorhandener Vorkommen nur zögerlich auf. Statt dessen fließt ein hoher Anteil der Barmittel über Aktienrückkauf oder Dividenden an Anleger und Investoren zurück. Die Gründe für diese Zurückhaltung sind im veränderten Marktumfeld, in politischen Risiken sowie in der fragwürdigen Effizienz der Projekte zu suchen.

          Versäumnisse korrigieren

          „Wir brauchen unsere Gewinne jetzt für hohe Investitionen“, sagt Rob Routs, Chefstratege im Vorstand von Royal Dutch Shell. Der Druck ist beim zweitgrößten Ölproduzenten der Welt besonders groß. Denn nach der falschen Bewertung des eigenen Energiereservoirs vor zwei Jahren muß der Konzern gegenüber den wichtigsten Konkurrenten aufholen.

          Gleichzeitig will Royal Dutch Shell strategische Versäumnisse der Vergangenheit korrigieren. Der britisch-niederländische Konzern verließ sich bis Ende der neunziger Jahre auf organisches Wachstum und investierte damals im Schnitt nur rund 9 Milliarden Dollar pro Jahr. Wichtige Konkurrenten pumpten indessen ein Vielfaches dieses Betrages in Zukäufe im Ausland oder schmiedeten Fusionen: Erzrivale BP etablierte sich vor Jahren mit den Übernahmen von Amoco und Atlantic Richfield für insgesamt mehr als 100 Milliarden Dollar in Nordamerika.

          In neue Öl- und Gasfelder investieren

          Dort fusionierten wiederum Exxon und Mobil (1998), Chevron und Texaco sowie Conoco und Phillips (2001/2002), während sich in Europa die französischen Produzenten Total, Elf Aquitaine und Belgiens Petrofina (1998/1999) verbündeten. Royal Dutch Shell stockt in diesem Jahr seine Investitionen von 15 Milliarden auf 19 Milliarden Dollar auf. Von 2007 an soll der Betrag auf 21 Milliarden Dollar steigen. Der Löwenanteil fließt in den „Upstream“-Bereich, also in das Erschließen und Fördern von Energievorkommen. Viele Wettbewerber ziehen mit, obwohl die Budgets nicht die Dimensionen von Shell erreichen.

          Dennoch sind fast alle namhaften Anbieter mit dem Vorwurf konfrontiert, nicht aggressiv genug in neue Öl- und Gasfelder zu investieren. Bis auf Frankreichs Total und die amerikanische Chevron ist keiner der führenden Konzerne gegenwärtig in der Lage, mehr „schwarzes Gold“ zu beschaffen, als verkauft wird. Selbst Marktführer Exxon schafft nur ein „Reserve Replacement Ratio“ von 83 Prozent. Die branchenrelevante Kennziffer weist das Verhältnis von erneuerten Reserven zur Produktion aus: Ein Wert von unter 100 Prozent bedeutet, daß mehr Öl gefördert und verkauft wird, als neue Vorkommen gefunden oder erschlossen werden.

          Verwertung von ölhaltigem Sand

          Während Chevron und Total jetzt mit 108 Prozent, beziehungsweise 106 Prozent an der Spitze liegen, bilden BP (89 Prozent) und Royal Dutch Shell (67 Prozent) in diesem Vergleich die Schlußlichter. Um Anschluß an die Branche zu finden, wollte Shell bis 2008 sämtliche Öl- und Gas-Reserven komplett durch neue Vorkommen ersetzen. Doch Anfang Mai deutete Vorstandschef Jeroen van der Veer an, daß sein Konzern die Zielmarke von 100 Prozent verfehlen werde.

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