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Branchen (118): Logistik : Teurer Transport

Bild: F.A.Z.

Die Logistikwirtschaft rangiert an dritter Stelle der europäischen Wirtschaftszweige - nach der Bau- und der Ernährungswirtschaft und noch vor Metall- und Autoindustrie. Die selbstbewussten Unternehmen arbeiten am Anschlag.

          Das Transportgewerbe ist auf der Tagesordnung der Politik angekommen. Auf dem Kongress der Bundesvereinigung Logistik (BVL) vor einigen Tagen in Berlin gab sich Bundeskanzlerin Angela Merkel höchstpersönlich die Ehre. Es war das erste Mal in der vierundzwanzigjährigen Geschichte dieses Treffens, dass ein Regierungschef bei den versammelten Logistikern vorbeischaute. Mit geschätzten 189 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2006 und 2,6 Millionen Beschäftigten ist die Branche in Deutschland zu einer Größe geworden, die eine Eintragung im dichten Kanzler-Terminkalender rechtfertigt.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Auch Vorstände mehrerer als Großkunden gern gesehener Dax-Konzerne hatten den Weg nach Berlin gefunden: René Obermann zum Beispiel, der Chef der Deutschen Telekom, und Hans-Joachim Körber, der Vorstandsvorsitzende der Metro. Ohne ausgefeilte Logistik laufen die Geschäfte weder im größten europäischen Telekommunikationskonzern noch in den Warenhäusern der Metro. Allein die Telekom bringt jeden Tag 30 000 Pakete an ihre Kunden auf den Weg. "Ich hoffe, dass die Preise in der Logistik so schnell sinken wie die bei uns", sagte Obermann nur halb im Scherz.

          Diese Hoffnung wird sich vorerst kaum erfüllen. Denn die Branche arbeitet am Anschlag. Zusätzlich verteuern hohe Energiepreise, die Lastwagenmaut und steigende Löhne die Transporte. Die Zeiten, in denen kräftige Produktivitätszuwächse für sinkende Kosten sorgten, sind erst einmal vorüber. "Seit dem zweiten Quartal 2006 schießen neben den Entfernungen auch die Mengen nach oben", sagt der Logistik-Wissenschaftler Peter Klaus, der die Fraunhofer-Arbeitsgruppe Logistik leitet. "Die Zuwächse der Transportleistungen übertreffen die Produktivitätssteigerung, und das treibt die Preise." Er und sein Kollege Christian Kille erwarten für 2007 und 2008 jeweils Umsatzzuwächse von 8 Prozent in Deutschland. Schon in diesem Jahr könnte die deutsche Logistikwirtschaft erstmals mehr als 200 Milliarden Euro Umsatz erreichen. Ähnliche Wachstumsraten gibt es im übrigen Europa. Den europäischen Gesamtumsatz 2006 geben Klaus und Kille mit 836 Milliarden Euro an. Damit rangiere die Logistikwirtschaft an dritter Stelle der großen europäischen Wirtschaftszweige - nach der Bauwirtschaft und der Ernährungswirtschaft und noch vor der Metall- und Autoindustrie. Die Branche gibt sich entsprechend selbstbewusst. Der gemeinsam von der BVL und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) entwickelte Logistikindikator zeigt eine robuste Konjunktur, in der die Zeichen weiter auf Expansion stehen.

          Erste Preiserhöhungen angekündigt

          Vor allem der Landverkehr wird noch teurer werden. Die ersten Unternehmen haben Preiserhöhungen angekündigt. Die Großspedition Dachser aus Kempten etwa will ihre Stückgutpreise zum Jahreswechsel um 6,4 Prozent anheben, so der Sprecher der Geschäftsführung Bernhard Simon. "2008 wird bei den Fuhrkosten keine Entspannung bringen", sagt er. Hugo Fiege, Mitinhaber der Fiege-Gruppe aus dem westfälischen Greven, rechnet im Branchendurchschnitt mit einer Preissteigerung von 4 bis 6 Prozent. Grob gerechnet kostet in Deutschland ein gefahrener Kilometer mit einem Durchschnittslastwagen einen Euro. Davon entfallen jeweils 30 Cent auf Energie und Personalkosten. Die Dieselpreise sind binnen drei Jahren schon um 50 Prozent gestiegen, und ein Ende ist nicht abzusehen. "Im kommenden Jahr werden die Löhne zum wichtigsten Kostentreiber", prophezeit Klaus. Schon durch die verschärften Sozialvorschriften für Lastwagenfahrer rolle eine gewaltige Kostenlawine auf die Spediteure zu. Die Verkürzung der zulässigen Arbeits- und Lenkzeiten, zusätzliche Qualifikationsanforderungen und die Einführung des digitalen Tachographen werden die Wirtschaft nach Berechnungen des Fraunhofer-Instituts etwa 4,7 Milliarden Euro im Jahr kosten. Das entspricht fast 10 Prozent der Gesamtkosten des Güterverkehrs auf der Straße. Zusätzlich werden die Löhne steigen müssen, um freie Stellen zu besetzen. Michael Kubenz, Präsident des Deutschen Speditions- und Logistikverbandes (DSLV), rechnet vor, dass in Deutschland etwa 50 000 Fahrer fehlen. Vor allem im Fernverkehr werde es eng. Das Ausweichen auf die Schiene ist begrenzt, da die Deutsche Bahn im Gütertransport am Limit arbeitet.

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