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Branche in der Krise : Auf die Solarindustrie fällt der nächste Schatten

  • -Aktualisiert am

China baut Solarparks gerne im großen Stil. Diese Anlage steht in Hami, im Nordwesten der Region Xinjiang Bild: AFP

Große Solarparks entstehen rund um den Globus, aber die Zulieferer schlagen schon wieder Alarm: Die Ausweitung der Antidumpingzölle stoppt neue Investitionen.

          3 Min.

          Die Welt braucht immer mehr Strom - und sie holt ihn sich verstärkt von der Sonne. Das gilt hierzulande zwar nur noch bedingt: Weil die einst so großzügige staatliche Förderung des Solarstroms inzwischen deutlich gekürzt wurde, sinkt auch die Zahl an Haus- oder Fabrikdächern, die neu mit Solarzellen bestückt werden. Eine Kapazität von rund 2 Gigawatt kommt in diesem Jahr in Deutschland wohl dazu - das liegt unter dem staatlich erwünschten Ausbaukorridor von 2,4 und 2,6 Gigawatt.

          Doch in vielen anderen Ländern, insbesondere in China, Japan und Nordamerika sowie Großbritannien, feiert die Photovoltaik derzeit einen deutlichen Aufschwung. Insbesondere große Freiflächenparks werden dort errichtet. Zwar werden sich die ursprünglichen Erwartungen vieler Marktbeobachter für 2014 nicht erfüllen, die rund um den Globus einen Zubau an Photovoltaiksystemen von mehr als 50 Gigawatt vorhergesehen haben. Dazu hätten in China noch mehr Projekte verwirklicht werden müssen, sagt Stefan de Haan, Solarfachmann und Analyst des Marktforschungsunternehmens IHS.

          Großteil der Nachfrage aus China, Japan und Indien

          Gut 45 Gigawatt werden es laut IHS-Prognose aber wohl werden; „es ist im zweiten Halbjahr ein deutlicher Schub im Markt spürbar“, sagt er. Und das wäre immerhin ein Fünftel mehr als im Vorjahr, als knapp 38 Gigawatt dazukamen. Hohe Einspeisevergütungen insbesondere in der Region Asien/Pazifik und die fallenden Kosten für Photovoltaiksysteme sorgen dafür, dass rund 60 Prozent der globalen Nachfrage aus China, Japan, Indien, Australien und Thailand stammen, ergänzen die Analysten von NPD Solarbuzz.

          Den wenigen verbliebenen deutschen Solarzellenherstellern wird dieses Wachstum kaum helfen. Denn der Markt wird inzwischen fast vollständig aus asiatischen Fabriken heraus beliefert. Nur die Herstellung hochwertiger Module wird hierzulande noch betrieben. Anders sieht es dagegen für die Zulieferer der Solarbranche aus: Im deutschen Maschinenbau rühmt man sich noch immer, einen Weltmarktanteil von mehr als 50 Prozent zu behaupten. Und die Aussichten sollten gut sein, viele große Zellenhersteller in Asien wollen und müssen neue Fabriken oder Produktionslinien eröffnen, um künftig liefern zu können. „Die Solarindustrie ist wieder in einer besseren Verfassung, der Kapazitätsabbau ist zu Ende“, sagt de Haan.

          Doch nach einem sehr gelungenen Jahresauftakt ist 2014 schon wieder Sand in das Solargetriebe gekommen. Ein Umsatzwachstum von knapp 40 Prozent zum Vorjahr hatten die Solarmaschinenbauer nach Angaben ihres Dachverbands VDMA im ersten Halbjahr erzielt, wenngleich dieser Zuwachs von einem sehr tiefen Talboden aus erfolgte. Denn auch die Maschinenbauer mussten in den beiden Jahren zuvor tiefe Einschnitte in ihren Belegschaften und Produktionskapazitäten vornehmen.

          Die Branchenaussichten sind düster

          In den ersten sechs Monaten füllten sich die Auftragsbücher zunächst um gut 30 Prozent, und so sollte es weitergehen, hoffte die Branche. Doch die jüngsten Nachrichten klingen düster: Der schwäbische Solarmaschinenbauer Centrotherm, der 2013 eine Insolvenz in Eigenverwaltung überstand, muss abermals 50 Stellen am Stammsitz in Blaubeuren und weitere Arbeitsplätze an internationalen Standorten abbauen. Der Wettbewerber Singulus rechnet wieder einmal mit steigenden Verlusten und hat ebenfalls die nächste Restrukturierung angekündigt.

          Der Maschinenbauer Rena musste im Sommer dieses Jahres in die Insolvenz in Eigenverwaltung. Und der Schweizer Branchenprimus Meyer Burger feiert schon einen Auftrag in einstelliger Millionenhöhe für die deutsche Maschinenbau-Tochtergesellschaft Roth & Rau als „strategisch wichtige Botschaft“, machte zum Halbjahr aber weiterhin einen hohen Verlust von 88 Millionen Schweizer Franken.

          Zu schaffen mache den Zulieferern die nächste Runde der Antidumpingzölle gegen chinesische Solarzellenhersteller, heißt es unisono. Im Juli hatte die amerikanische Regierung diese Zölle auf Solarzellen „made in Taiwan“ ausgeweitet. China habe zuvor die Zölle mit Hilfe von Werken in Taiwan umgangen und seine Dumpingpreise beibehalten, wurde argumentiert.

          Keine weiteren Investitionen

          Der Beschluss der Amerikaner habe nun aber dazu geführt, dass Investitionen in neue Maschinen und Produktionslinien wieder auf Eis gelegt wurden, heißt es von Seiten der Maschinenbauer. „Die Ausweitung der Antidumpingzölle hat zu einer weiteren Verunsicherung im Markt geführt“, sagt Florian Wessendorf, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Photovoltaik-Produktionsmittel im VDMA. Daher müssen die Zulieferer wieder auf die Bremse treten und hoffen, dass ihre Aufträge nicht komplett verlorengehen.

          Grund für diese Zuversicht gibt es. Denn in Amerika werden in diesem Jahr Neuinstallationen von Solarzellen zwischen 5 und 7 Gigawatt erwartet, „und das können die amerikanischen Hersteller nicht selbst komplett liefern“, sagt Wessendorf. Also müssen auch weiterhin Zellen importiert werden. Am Markt wird erwartet, dass die großen chinesischen Konzerne den Zöllen ausweichen, indem sie neue Werke künftig in Ländern wie Malaysia oder auch Mexiko errichten - mit Maschinen, die wohl weiterhin aus Deutschland stammen.

          „Die deutschen Unternehmen haben in der Wertschöpfungskette der Photovoltaik noch immer den größten Anteil“, sagt Experte de Haan, „sie sind solide aufgestellt.“ Fünf Monate lang reicht das Auftragspolster der hiesigen Solarmaschinenbauer derzeit noch. Ein wirklich dickes Polster ist das aber nicht - auch wenn der VDMA zuletzt die Parole ausgegeben hat, dass die Branche ihre Hausaufgaben weitgehend gemacht habe.

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