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Branche in der Abwärtsspirale : Autokrise ohne Beispiel - wie konnte es dazu kommen?

Neuwagen sind günstig wie nie. Und kaum einer will sie Bild: dpa

Die Zahlen sind erschreckend: 34 Milliarden Dollar benötigen die drei amerikanischen Autokonzerne General Motors, Ford und Chrysler, um zu überleben. Und in Deutschland dürften 2009 so wenige Autos zugelassen werden wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Jetzt steht die Branche weltweit vor einer Rückbesinnung - sie wird schmerzhaft für alle.

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          Die Zahlen sind erschreckend: 34 Milliarden Dollar benötigen die drei amerikanischen Autokonzerne General Motors, Ford und Chrysler, um zu überleben. Nur noch 2,9 Millionen Autos, rund zehn Prozent weniger als sonst, dürften in Deutschland im kommenden Jahr neu zugelassen werden. Damit steuert der größte Markt Europas auf das schlechteste Ergebnis seit der deutsch-deutschen Wiedervereinigung zu. Immer mehr Autozulieferer und -händler werden in der Kreditklemme zerdrückt. Wie konnte es dazu kommen? Und ist der drohende Zusammenbruch der drei amerikanischen Autokonzerne das vorweggenommene Szenario für den einen oder anderen europäischen Hersteller?

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Richtig ist, dass General Motors, Ford und Chrysler schon in guten Zeiten hohe Verluste erlitten, als etwa Daimler, BMW oder Toyota noch Rekordgewinne erwirtschafteten. Richtig ist aber auch, dass mit dem Zusammenbruch des Bankhauses Lehman Brothers nun die gesamte Autoindustrie in allen Teilen der Welt von einem Abschwung erfasst worden ist, der in Geschwindigkeit und Ausmaß ohne Beispiel ist. Weil die Autokrise mit einer Krise der Banken zusammenfällt, ist die Lage von Autohändlern, -zulieferern und -herstellern so bedrohlich wie noch nie.

          Leere Autohäuser und volle Parkplätze

          Denn an allen Teilen der automobilen Wertschöpfungskette gibt es Sollbruchstellen. Weil beinahe jeder Autohersteller schon die Bänder angehalten hat und auch im kommenden Jahr die Produktion zurückfährt, müssen die Lieferanten mit Auftragsverlusten rechnen. Viele mittelständische Zulieferer leiden in ihrer ohnehin typischen Sandwichposition unter dem Druck von zwei Seiten: Die Autohersteller verlangen Investitionen in neue Technologien bei gleichzeitig erhöhten Einsparzielen, der vorgelagerte Lieferant benötigt wiederum ein längeres Zahlungsziel. Obendrein kündigt der private Kreditversicherer im Kurzfristgeschäft die Kreditversicherung. Auch verhält sich die Hausbank in der Kreditvergabe vorsichtiger als je zuvor.

          Hatte keine gute Nachrichten zu verkünden: VDA-Präsident Matthias Wissmann
          Hatte keine gute Nachrichten zu verkünden: VDA-Präsident Matthias Wissmann : Bild: dpa

          Das Bild im Handel ist in diesen trüben Dezembertagen geprägt von leeren Autohäusern und vollen Parkplätzen. Selbst mit hohen Rabatten lassen sich weder Neuwagen noch junge Gebrauchte verkaufen. Da bietet ein Mercedes-Händler einen Jahreswagen der C-Klasse für 20.000 Euro unter dem Listenpreis von 48.000 Euro an – und bleibt darauf sitzen. Wer als Kunde in der Rezession von Arbeitslosigkeit bedroht ist, für den ist auch ein solches „Schnäppchen“ schlicht zu teuer, sind die 28.000 Euro auf der hohen Kante krisensicherer angelegt. Diese Abwärtsspirale hat seit Mitte September die gesamte Autobranche erfasst, und niemand kann sich ihr entziehen.

          Die Autobranche steht vor einer Zäsur

          Die Finanzkrise hat Fehler der Vergangenheit schonungslos aufgedeckt. Nicht nur General Motors, Ford und Chrysler haben für ihre Planungen viel zu optimistische Szenarien unterstellt. Am Ende des Tages waren alle Autohersteller der Welt von dem Gedanken ergriffen, Chinesen, Inder oder Brasilianer zu motorisieren. In fast allen Erdteilen sind neue Autofabriken in der Annahme hochgezogen worden, dass die Nachfrage in den Schwellenländern über Jahre sprunghaft ansteigen wird. Mit der Folge, dass es nun auch in den Wachstumsmärkten mehr Autofabriken als nötig gibt.

          Viel zu lange ist die Autoindustrie alten Denkmustern gefolgt, haben die Hersteller geglaubt, über Volumensteigerungen den notwendigen Kapazitätsabbau aufhalten zu können. Die falschen Autos wurden nicht nur bei den „Big Three“ in Amerika gebaut, die mitten im Klimawandel noch unverdrossen auf schwere Geländewagen und spritschluckende Pick-ups setzten. Auch Mercedes, Volkswagen & Co. rüsteten neue Modelle mit Hightech-Spielereien auf, bis sie für Otto Normalverbraucher beinahe unerschwinglich wurden – und dann zu Lasten der Bilanz verramscht werden mussten.

          Produktionskürzungen, Werksschließungen, Entlassungen

          Zum Ende dieses Jahres steht die Autoindustrie vor einer Zäsur. Es wird aller Voraussicht nach zu einer Zeit der Rückbesinnung kommen. Das wird zunächst sehr schmerzhaft. Weitere Produktionskürzungen, Werksschließungen und Entlassungen, selbst das Verschwinden von traditionsreichen Automarken sind wahrscheinlich. Ihre Expansionspläne für die nächste Dekade können die Autohersteller getrost in der Schublade lassen. Vielmehr müssen sie sich ihren Lieferanten und Händlern zuwenden. Längst sind sie eine Notgemeinschaft geworden. Auf staatliche Hilfe dürfen sie sich hierzulande genauso wenig verlassen wie die drei angeschlagenen Wettbewerber jenseits des Atlantiks.

          Die Rückbesinnung muss zudem beim Auto beginnen. Glücklicherweise haben Autos made in Germany auf vielen Gebieten einen Technologievorsprung, auch gegenüber den Japanern. In der Entwicklung alternativer Antriebskonzepte gibt Toyota zwar mit der Kombination von Elektro- und Benzinmotor den Ton an, doch wissen auch Daimler, BMW und Volkswagen, wie man das Auto aus der Umklammerung des Erdöls befreit. Preiswerte Autos mit hocheffizienten Verbrennungsmotoren und Hybridantrieben können auch in der Krise echte Verkaufsschlager sein. Sie müssen gebaut werden, hoffentlich in Deutschland.

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