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Digitale Bankeschäfte : Unternehmenskredite per Mausklick

Die Hälfte soll weg: Die Hypo-Vereinsbank will rund 300 Filialen schließen Bild: Schmitt, Felix

Die Hypo-Vereinsbank setzt in der Betreuung ihrer Firmenkunden auf das Internet. Ein Viertel von ihnen geht nicht mehr in die Filiale. In der Videoberatung liege der Schlüssel zum Erfolg.

          Die Bank spricht nicht mehr persönlich mit ihren Unternehmenskunden. Der Kontakt findet nur noch im Internet über eine Videokonferenz statt. Das kann für die ältere Generation von Unternehmern, die den vertraulichen Kontakt zum Berater ihrer Hausbank schätzen, eine Schreckensvorstellung sein. In der Hypo-Vereinsbank (HVB) ist sie seit eineinhalb Jahren Realität. Der Online-Zugang für Firmenkunden nennt sich „Business Easy“.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Lutz Diederichs, als HVB-Vorstandsmitglied für das Firmenkundengeschäft verantwortlich, ist davon überzeugt: „Das ist die Zukunft im Geschäft mit Unternehmenskunden, und wir sind unseren Wettbewerbern zwölf bis 18 Monate voraus“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Seiner Ansicht nach wird der Vorsprung schmelzen, weil alle Banken im Mittelstandsgeschäft den Online-Kanal ausbauen werden.

          Ein Beispiel ist die Commerzbank, die sich als Marktführer im deutschen Mittelstand sieht. Sie hat eine Tochtergesellschaft Main Incubator gegründet, die neue Ideen und Lösungen von jungen Internetunternehmen (Startups) fördert und sich daran beteiligt. Schwerpunkt ist das Firmenkundengeschäft.

          Viele Privatkunden misstrauen dem Online-Kanal

          Die Frage stellt sich, warum ein mittelständischer Unternehmer bereit sein soll, ein vertrauliches Gespräch mit seiner Bank über den immer weniger vertrauenswürdigen Online-Kanal zu führen. Eine aktuelle Studie der Initiative D21, ein Netzwerk aus Wirtschaft und Politik für die digitale Gesellschaft, zusammen mit Fiducia, dem IT-Dienstleister der Volks- und Raiffeisenbanken, belegt die Skepsis. Denn 70 Prozent der Deutschen nutzen zwar das Online-Banking, doch rund 20 Prozent lehnen es wegen Sicherheitsbedenken bewusst ab.

          Das Ergebnis der Privatkunden ist aber nicht übertragbar auf Unternehmen. Mehr als ein Drittel der Mittelständler wollen online einen Kredit abschließen, und mehr als zwei Drittel forderten den Multikanalvertrieb, also den Internetzugang neben der Filiale. Das berichtet Johannes Bussmann von der Unternehmensberatung Strategy& (ehemals Booz). Wie aus aktuellen Umfragen weiter hervorgeht, wollen nur 11 Prozent ausschließlich die Filiale.

          Bussmann folgert daraus, dass die Firmenkunden den Online-Zugang fordern. „Sie fragen sich, warum sie überhaupt noch in die Filiale kommen sollen.“ Seinen Worten zufolge gehen gegenwärtig alle deutsche Banken das Thema Digitalisierung des Firmenkundengeschäfts an. Doch die Fortschritte sind überschaubar: „Es bleibt mühsam, da für Online und Digitalisierung immer auch ein Stück Technik erforderlich wird“, sagt Bussmann.

          Der physische Bank-Kontakt verliert an Bedeutung

          Das Einsparpotential ist nach seinen Berechnungen enorm: 700 Millionen Euro würden deutsche Banken durch die mangelnde Digitalisierung ihres Firmenkundengeschäfts verschenken, schätzte der Berater vor zwei Jahren in einer Studie. An den Ergebnissen hat sich wenig geändert: „So dynamisch ist der Markt nicht.“ Vor allem einfache Transaktionen, die noch von Bankmitarbeitern ausgeführt werden müssen, bergen hohe Kosten. Diese könnten sich die Banken sparen, wenn die Unternehmen diese über den Online-Zugang selbst ausführen.

          Dabei wären die Firmenkunden dafür dankbar, wie das Beispiel HVB zeigt: Denn 125.000 Unternehmen treffen sich mit ihrem Berater nur noch online. Das ist ein Viertel aller Unternehmenskunden. „Die jungen Unternehmen wünschen diesen Zugang“, sagt Diederichs. Der physische Kontakt in der Filiale verliere an Bedeutung. Das gilt für die deutsche Tochtergesellschaft der italienischen Unicredit auch im Privatkundengeschäft.

          Die Hälfte der 600 Filialen soll geschlossen und 1.500 Arbeitsplätze, also fast jede dritte Stelle, abgebaut werden. Diederichs betont aber, dass den deutschen Firmenkunden weiterhin ein Netzwerk von 150 Standorten zur Verfügung steht, wenn sie ihren Berater persönlich sprechen wollen. Daran soll sich seinen Worten zufolge auch nichts ändern. Dieses Angebot richte sich vor allem an die größeren Mittelständler mit einem komplexen Beratungsbedarf.

          „Keine Bankfiliale ist zwölf Stunden verfügbar“

          Jedoch werde auch hier irgendwann der Wunsch zunehmen, digitale Kanäle stärker zu nutzen, erwartet Diederichs. Über diesen Kanal betreuen inzwischen 220 Mitarbeiter, davon 150 Berater, die Firmenkunden. Bis Ende des Jahres sollen 35 weitere Berater hinzukommen. Im Durchschnitt kämen 350 Kreditanfragen im Monat über den Online-Kanal. Ein wichtiger Vorteil für die Kunden ist nach Ansicht von Diederichs die bessere Verfügbarkeit der Berater.

          Denn sie seien von 8 bis 18 Uhr erreichbar. Für allgemeine Dienstleistungen wie etwa im Zahlungsverkehr geht es sogar bis 20 Uhr. „Keine Bankfiliale in Deutschland ist zwölf Stunden verfügbar“, fügt er hinzu. Die Kunden nutzen das Angebot für Beratungsgespräche. Auch der Austausch von Dokumenten zum Beispiel für Außenhandelsfinanzierungen sei möglich. Ihm ist klar, dass die Bank weiter in den Online-Kanal investieren muss, insbesondere auch in die Sicherheit. Gleichzeitig steht für Diederichs fest, dass die Firmenkunden immer stärker auf diese Kontaktform zurückgreifen werden.

          „Der Bauunternehmer kann von der Baustelle aus mit seinem Tablet-Computer mit dem Berater sprechen und spart sich gegenüber einem Termin in der Filiale kostbare Zeit.“ In die technologische Umsetzung hat die HVB schon einige Jahre investiert. Diederichs führt die Anfänge auf die Telefonberatung vor rund zehn Jahren zurück. Doch der Telefonberatung hätten die Kunden kaum vertraut. „Der Schlüssel zum Erfolg ist die Videoberatung, weil der Kunde seinen Gesprächspartner beobachten kann.“ Nun soll das Produkt auch innerhalb der Unicredit-Gruppe auf andere Märkte übertragen werden.

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