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Branche im Wandel : Die deutsche Solarproduktion verliert an Boden

Bild: F.A.Z.

Die Solarbranche boomt - die Nachfrage auf dem Weltmarkt ist weiter ungebrochen. Hierzulande profitieren die Unternehmen davon aber nur wenig. Nur noch jede siebte Solarzelle weltweit kommt aus Deutschland - ein Alarmzeichen für eine Branche, die sich nun neu orientieren muss.

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          Die ersten Strahlen der Frühlingssonne wärmen Deutschland, und viele Deutsche denken nicht erst seit heute an ihre neue Solaranlage auf dem Dach. Bald wird die Einspeisevergütung für Sonnenstrom gekürzt. Das sorgt für Torschlusspanik der Kunden, eine überbordende Nachfrage nach Modulen und Wechselrichtern. Vor allem aber sorgt das für Lieferengpässe der Hersteller. Deutschland - ein Solarmärchen? Als das verkaufen es die Lobbyisten gerne, zumal die Branche schon in den vergangenen Jahren Zuwachsraten verzeichnet hat wie kaum eine andere. Doch das Märchen hat inzwischen seine Schattenseiten.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Einerseits ist die Solar-Produktion auf der ganzen Welt ungebrochen. Die Steigerungsraten der Zellenherstellung bewegen sich im hohen zweistelligen Bereich. Seit der Jahrtausendwende verging kein Jahr, in dem nicht mindestens 30 Prozent mehr an Megawattleistung produziert wurden. Richtig angezogen hat die Nachfrage seit 2007: Damals wuchs die globale Solarzellenproduktion um 69 Prozent, 2008 waren es gar 85 Prozent.

          Produktion erreicht neue Rekorde

          Die Wirtschaftskrise ließ die Boombranche nicht ungeschoren. Und doch fällt das Ergebnis selbst 2009 höher aus als von Pessimisten erwartet. Nach Erkenntnissen des Fachmagazins „Photon“ dürfte sich die Produktion auf eine Leistung von 12,3 Gigawatt zubewegt haben. Das wäre ein Plus von immerhin noch 56 Prozent. In absoluten Zahlen gerechnet ergibt sich wieder ein neuer Rekord: Das Plus von 4,4 Gigawatt überflügelt den Zuwachs des Jahres 2008.

          Bild: F.A.Z.

          Ein Blick auf die Herkunft des Wachstums lässt für Deutschland allerdings eine gemischte Bilanz erkennen. Zwar hat hierzulande die Produktion wieder zugenommen, um rund 400 Megawatt auf 1,85 Gigawatt. Doch Marktanteile haben die deutschen Hersteller kräftig eingebüßt. In Leistung gemessen, ergibt sich folgendes Bild: Kam 2008 noch fast jede fünfte Zelle aus Deutschland (18,5 Prozent), war es 2009 nur noch in etwa jede siebte (15 Prozent). Ein schwacher Trost: Andere Industrieländer verloren ebenfalls. Japans Quote sank von 16 auf 12,5 Prozent, der Anteil Nordamerikas schrumpfte von 5,5 auf 4,4 Prozent. Großer Gewinner war China (von 32,7 auf 38 Prozent). Aber auch andere Staaten - darunter Schwellenländer wie Malaysia - konnten ihren Platz an der Sonne ausbauen. Unterm Strich kommt Asien im vergangenen Jahr auf drei Viertel der Weltproduktion an Solarzellen.

          Entlassungen beim Marktführer Q-Cells

          Die Entwicklung des Herstellers Q-Cells wirft ein erhellendes Licht auf die Branche in Deutschland und der Welt. Bislang war das deutsche Unternehmen mit Abstand Marktführer. Noch 2008 lag Q-Cells mit einer Zellen-Jahresproduktion von 586 Megawatt an der Spitze der Hersteller-Top-Ten. Doch am Firmenstandort in der Thalheimer Sonnenallee, dem Industriegebiet am Rande Bitterfelds, hat sich die Lage im vergangenen Jahr verdüstert. Das Unternehmen musste Leute entlassen und verlagerte Produktionslinien nach Malaysia. Das Resultat: Ein Milliardenverlust und nur noch Platz vier auf der Zellhersteller-Rangliste.

          Wer ist schuld daran? Ja, es sind auch die preiswerten Chinesen, die inzwischen nicht nur billig, sondern auch noch gut sind. Berechnungen zufolge betragen die Produktionskosten für Solarzellen in einem in Asien neu errichteten Unternehmen 20 Cent je Watt. Großhersteller Suntech bewegt sich in der Nähe von 30 Cent. Dagegen hat es Q-Cells im vergangenen Jahr 44 Cent gekostet, das Ausgangsprodukt Wafer in eine Solarzelle zu verwandeln. Und die Qualität aus China ist inzwischen nicht mehr automatisch schlechter: Manchmal weisen die Fernostzellen sogar noch einen höheren Wirkungsgrad auf als europäische. „Viele haben gemerkt, dass man mit chinesischen Zellen sehr gut arbeiten kann“, sagt Photon-Fachmann Bernd Schüßler.

          Das obere Ende der Wertschöpfungskette

          Was bedeutet das für die Branche in Deutschland mit ihren rund 50.000 Beschäftigten? Die Marktanteilsverluste im globalen Maßstab setzen sich weiter fort: Photon erwartet für 2010 nur noch einen Zellen-Marktanteil von 12,2 Prozent. Den Unternehmen in Deutschland muss dann nicht bange sein, wenn sie die richtigen Konsequenzen daraus ziehen.

          Eine jüngst veröffentlichte Analystenstudie kam zum Schluss, Börsianer sollten diejenigen Solaraktien bevorzugen, die stärker am oberen Ende der Wertschöpfungskette tätig sind. Also weniger die reinrassigen Silikon-, Wafer- und Zellenhersteller als vielmehr die Modulproduzenten, -verteiler und Projektentwickler. Ein Branchenexperte spricht von „betriebswirtschaftlicher Logik“ und kleidet den Trend in eine rhetorische Frage: „Warum sollte es ausgerechnet in der Solarindustrie nicht so sein, dass die Massenproduktion aus Deutschland weggeht?“

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