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Branche im Umbruch : Die Banken sind nicht digital genug

Die Zahl der Filialen sinkt: Das Internet ersetzt den Weg zur Bank Bild: ddp

Wir lösen unsere Finanzangelegenheiten immer öfter online. Gerade die traditionellen Banken müssen sich anstrengen: Denn ihre IT hinkt hinterher.

          Die Macht verschiebt sich in Richtung der Kunden. Das spüren alle Unternehmen, die mit der Digitalisierung der Wirtschaft konfrontiert sind. Aber vor allem im Finanzgewerbe wird sich eine ohnehin angespannte Situation in den kommenden Jahren noch dramatisch zuspitzen. Es läuft eine Attacke auf das Filialgeschäft, die sich mit Zahlen gut erfassen lässt: Die Zahl der Filialen ist in Deutschland seit 1995 schon um 47 Prozent gesunken, und in dieser Richtung geht es weiter. Noch im Jahr 2000 sind rund 70 Prozent der Kundenkontakte der Unicredit-Bank in der Filiale erfolgt.

          Für das kommende Jahr geht die Bank nun davon aus, dass nur noch 5 Prozent der Kunden direkt kontaktiert werden. Die Deutsche Bank erreichte Ende 2012 rund 24 Millionen Privatkunden mit Einlagen von 433 Milliarden Euro – nicht zuletzt über rund 2.800 inländische Filialen. Die ING Diba aber hat inzwischen rund 8 Millionen Privatkunden mit Einlagen von mehr als 100 Milliarden Euro – ohne Filialen.

          Aufgeben auf ureigenstem Terrain

          Der Kunde hat schon entschieden, und vor allem unter den jungen von ihnen ist die Tendenz eindeutig: Die Adaptionsraten beim Online-Banking liegen in der Altersgruppe der 18 bis 39 Jahre alten Kunden zwischen 60 und 65 Prozent. Sie sind im Internet zudem mit alternativen Lösungen für den Zahlungsverkehr aufgewachsen und kennen sich deshalb mit den Angeboten von Paypal, Sofortueberweiung.de oder Yapital bestens aus. Auf ihrem ureigensten Feld, also dem Zahlungsverkehr, scheinen die Banken das Rennen um die innovativsten Lösungen in der gar nicht mehr so neuen Online-Welt sogar schon aufgegeben zu haben.

          Wenn es um das Thema Kreditvergabe geht, drohen die nächsten Marktanteilsverluste an aufstrebende Wettbewerber mit Namen wie Lendico und Auxmoney, ein Unternehmen mit Sitz in Düsseldorf, das sich soeben erst über eine Kapitalerhöhung und drei zusätzliche Eigentümer freuen durfte. Das Ziel von Auxmoney ist es, in den nächsten zwei Jahren eine halbe Milliarde Euro an Krediten vermittelt zu haben. Das ist eine ehrgeizige Ansage. Denn bisher hat Auxmoney zwar rund 20.000 Kredite von Privatleuten an Privatleute vermittelt, und das Kreditvolumen erreicht erst knapp 100 Millionen Euro. Aber die Tendenz ist stark steigend.

          Eine trügerische Perspektive auf eine gute Zukunft

          Damit ist das neue Wettbewerbsumfeld für die alten Banken noch lange nicht vollständig beschrieben. Denn auch Wagnisfinanzierer wie Kickstarter und Seedmatch finden stetig neue Geldgeber und Beteiligungsmöglichkeiten, und wenn es um die Beratung, Vermittlung und Verwaltung von Geld geht, überraschen Institute wie die Fidor Bank in ihrer Preisliste mit Belohnungen für Kunden, die anderen Kunden in Geldfragen helfen oder die der Bank selbst innovative Geschäftsideen bringen.

          Befragt man Vertreter von Volks- und Raiffeisenbanken, Sparkassen und privaten Geschäftsbanken zu diesen Themen, heißt es zwar allenthalben, dass man begriffen habe, dass der Kunde künftig im Mittelpunkt allen Handelns stehe. Aber an den radikalen Wandel glaubt man nicht. Im Gegenteil setzt ein jeder auf seine eigene sogenannte Multikanalstrategie, also auf eine mehr oder weniger intelligente Verbindung von Online- und Filial-Banking. Sie hoffen darauf, dass die Kunden am Ende aus Sorge vor dem Datenschutz doch nicht jedem neuen Anbieter hinterherrennen.

          Das aber könnte eine trügerische Perspektive auf eine gute Zukunft sein. Denn das größte Problem ist, dass die traditionellen Banken in der Informationstechnologie und ihrer Nutzung keine Vorreiter mehr sind. Das war früher einmal anders, zum Beispiel bei der Einführung kommerzieller Großrechner (Mainframes) oder der Verbreitung von Terminals. Geht es aber um mobile Endgeräte, soziale Netzwerke oder den Einsatz von Multimedia in der heranwachsenden Youtube-Generation, folgen die Banken atemlos den von Kunden gesetzten Trends.

          Im Online-Banking wurde erst in jüngster Zeit erkannt, dass es in Sachen Bedienung und Kundenorientierung eine riesige Lücke zu den perfektionierten Angeboten im Online-Einzelhandel zum Beispiel von Amazon oder Zalando gibt. Personalisierte Empfehlungen abgeben zu können, zum Beispiel auf der Basis des bisherigen Kundenverhaltens im Netz, das wäre etwas, seufzte jüngst ein Vorstand einer großen deutschen Bank. Aber es klang wie ein Traum, der sich so schnell nicht realisieren lassen wird.

          Tatsächlich sind den Banken durch die Regulierer und den Datenschutz viele Dinge nicht erlaubt, die im Handel mit Büchern und Schuhen normal sind. Und doch bleibt das Gefühl, dass die Banken aus dem Datenschatz, auf dem sie sitzen, mehr machen könnten als bisher. Ist es wirklich ausgeschlossen, Kunden darauf hinzuweisen, dass andere in ähnlichen Wohnlagen und Familiengrößen sehr viel weniger für ihre Stromrechnung bezahlen – und daraus Empfehlungen abzuleiten?

          Bis hin zu der Frage, wie man das bei einem Anbieterwechsel gesparte Geld bei der Bank für die Altersvorsorge anlegen könnte? Die bisherige Haltung der etablierten Banken zur Digitalisierung ist zu defensiv. Die sogenannten „Digital Natives“ werden sie so nicht halten können.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

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