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BP : Rechnung könnte auf 70 Milliarden Dollar wachsen

Bild: F.A.Z.

BP drohen durch die Ölpest im Golf von Mexiko astronomisch hohe Schadenersatzforderungen. Dem viertgrößten Unternehmen der Welt könnte ein Ende auf Raten bevorstehen: Der Ausverkauf seiner wertvollsten Beteiligungen.

          Die Börse feiert schon: Frühestens in einigen Wochen wird klar sein, ob es dem britischen Ölkonzern BP gelingt, das fatale Ölleck im Golf von Mexiko dauerhaft zu verschließen. Doch der Aktienkurs des Energieunternehmens, der sich in den vergangenen Monaten zeitweise mehr als halbiert hat, steigt und steigt. Seit Ende Juni hat das Papier um mehr als ein Drittel zugelegt – ein Wertzuwachs von mehr als 15 Milliarden Pfund (19 Milliarden Euro). Es ist ein schriller Cocktail aus Spekulationen und Hoffnungen, der den Börsenkurs beflügelt, gemixt aus Erwartungen auf ein baldiges Ende der Umweltkatastrophe, Übernahmegerüchten und einem möglichen Befreiungsschlag von BP durch Beteiligungsverkäufe.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Wetten am Finanzmarkt sind gewagt, denn tatsächliche stehen dem gemessen am Umsatz viertgrößten Unternehmen der Welt die dramatischsten Wochen seiner Geschichte erst noch bevor. In den vergangenen Tagen hat BP zwar eine neue Abdeckkappe über dem havarierten Bohrloch installiert, die den Ölfluss vorerst wirksam eindämmen soll, doch sie ist nur ein Provisorium. Erst durch die sogenannten Entlastungsbohrungen, die voraussichtlich im August fertiggestellt werden, kann das Leck endgültig mit Spezialzement verschlossen werden. „Die Chancen, dass das funktioniert, liegen bei deutlich über 90 Prozent“, sagt Geoffrey Maitland, Professor für Energietechnik am Imperial College in London. Aber eine Garantie für das Gelingen der schwierigen Operation 6000 Meter unter dem Meeresspiegel gibt es nicht.

          Kann ein Konzern derart gigantische Belastungen überleben?

          Auch im Erfolgsfall wäre damit der Überlebenskampf für BP noch lange nicht ausgestanden. Es sei „hochgradig ungewiss“, wie viel die größte Umweltkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten den Ölriesen an Schadenersatz und Strafen am Ende kosten werde, warnt Michele della Vigna, Analyst bei der Investmentbank Goldman Sachs. Die Rechnung für BP könne aber schlimmstenfalls bis zu 70 Milliarden Dollar erreichen, schätzt der Branchenexperte – eine Zahl mit zehn Nullen, eine Summe größer als der komplette Börsenwert deutscher Industriewerte wie Daimler und Eon.

          Kann ein Konzern derart gigantische Belastungen überleben? „BP ist ein finanzstarkes Unternehmen“ versichert stoisch Carl-Henric Svanberg, der Verwaltungsratschef des Konzerns, aber der britische Regierungschef David Cameron lässt angeblich bereits Notfallpläne für eine mögliche Pleite des wankenden Riesen aufstellen. Analysten halten ein solches Szenario freilich für sehr unwahrscheinlich, weil in den tausenden von Tochtergesellschaften und Beteiligungen von BP gewaltige Werte schlummern, die durch den Verkauf von Konzernteilen realisiert werden können.

          Die Konkurrenten sollen schon wegen einer feindlichen Übernahme vorgefühlt haben

          Der Kronjuwel von BP trägt den Namen „Thunder Horse“. Der Wert des BP-Anteils an diesem riesigen Ölfeld im Golf von Mexiko wird auf 22 Milliarden Dollar geschätzt. Die Investmentbank Goldman Sachs taxiert den Substanzwert (Net Asset Value) des gesamten Unternehmens auf knapp 250 Milliarden Dollar. Andere Branchenexperten nennen ähnlich hohe Summen, denn BP ist dank des wachsenden Energiehungers der Welt hoch profitabel. In den vergangenen drei Jahren hat das laufende Geschäft einen Mittelzufluss (Cash Flow) von 91 Milliarden Dollar und Nettogewinne von 60 Milliarden Dollar eingebracht.

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