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Boston-Consulting-Chef Bürkner : „Berater vernichten keine Arbeitsplätze“

  • Aktualisiert am

Gibt nicht gerne Interviews: Hans-Paul Bürkner Bild: Frank Röth / F.A.Z.

Hans-Paul Bürkner wird drei weitere Jahre die Unternehmensberatung Boston Consulting Group führen. Um zu sparen, verordnet er Flüge in der Economy-Klasse - und keine Scheu vor der Restrukturierung. Ein Gespräch über Berater, die Krise, blaue Anzüge und Bürkners Abneigung gegen Interviews.

          Hans-Paul Bürkner wird drei weitere Jahre die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) führen. Um zu sparen, verordnet er Flüge in der Economy-Klasse - und keine Scheu vor Restrukturierungsprojekten.

          Herr Bürkner, leiden Sie gerade sehr?

          Warum?

          Es heißt, Sie hassen Interviews.

          So schlimm ist es nun auch wieder nicht.

          Die rund 600 Partner haben Sie gerade zum dritten Mal zum internationalen Vorsitzenden von BCG gewählt. Waren Sie überrascht?

          Nein. Wir waren in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich, deshalb habe ich mit diesem Ergebnis gerechnet.

          Ein Deutscher führt seit sechs Jahren eine amerikanische Beratungsgesellschaft - und wird es noch drei weitere Jahre tun. Ist das so selbstverständlich?

          Formal ist unser Sitz in Amerika, aber das ist mehr eine historische Reminiszenz, weil die Boston Consulting Group dort gegründet wurde. Wir sind längst keine amerikanische Beratungsgesellschaft mehr, sondern eine international agierende mit amerikanischen Wurzeln. Gut die Hälfte unseres Umsatzes kommt aus Europa, ein Drittel aus Amerika.

          Wie viele Wochen im Jahr sind Sie in Ihrem Büro in Frankfurt?

          Drei bis vier.

          Was haben Sie sich für Ihre dritte Amtszeit vorgenommen?

          Unseren Kunden helfen, die Krise zu meistern. Ich gehe davon aus, dass sie uns noch mindestens anderthalb Jahre beschäftigen wird. Sie wird auch langfristig die Anforderungen an Unternehmen deutlich verändern. Und wir werden als Beratungsgesellschaft noch internationaler werden.

          Das klingt nicht gerade revolutionär.

          Ziele zu formulieren ist immer einfach. Sicherzustellen, dass sie auch erreicht werden, ist die größere Herausforderung.

          Sie hatten kürzlich Partnertreffen in Wien. Was haben Sie dort beschlossen?

          Wir werden an unserem Kurs festhalten - auch jetzt in der Krise.

          Geht es etwas konkreter?

          Wir wollen weiterhin in unsere Mitarbeiter, unsere Kunden und unsere Expertise investieren, aber gleichzeitig auf der Kostenseite sehr vorsichtig agieren.

          Wie soll das gehen?

          Wo Einsparungen notwendig sind, werden wir diese auch vornehmen, etwa bei Veranstaltungen oder Reisekosten. Ein Partnertreffen in Wien ist deutlich günstiger als eines in Asien. Auch die Wahl der Klasse im Flugzeug macht einiges aus. Unter drei Stunden ist auch Economy völlig in Ordnung.

          Fliegen Sie selbst Economy?

          Ja.

          Sie haben im vergangenen Jahr 2,4 Milliarden Dollar Umsatz erwirtschaftet. Wie sieht Ihre Prognose für 2009 aus?

          Ich rechne mit einem Wachstum im unteren einstelligen Prozentbereich.

          Einen Rückgang schließen Sie aus?

          Ich habe keine Kristallkugel, die mir zeigt, wie das dritte und vierte Quartal aussehen werden. Man kann einen Rückgang nie ausschließen. Aber im Moment erwarte ich das nicht. Unsere Aktivitäten haben sich auf einem guten Niveau stabilisiert.

          Der Abstand zu Marktführer McKinsey ist nach wie vor groß. Glauben Sie, dass Sie ihn irgendwann schließen können?

          Dieser Zweikampf mag plakativ sein, aber er ist falsch. Größe ist kein direktes Maß für Qualität, und Unternehmensberatung umfasst mehr als McKinsey und BCG. Der Markt ist viel heterogener. Unsere Konkurrenten variieren von Land zu Land und reichen von akademischen Gurus über eine Vielzahl von Spezialisten und internen Beratungen bis zu den großen Wirtschaftsprüfern. Diese Vielfalt muss man immer auf dem Radar haben.

          BCG pflegte lange Zeit das Image der netten Strategieberatung. Jetzt fällt immer wieder das Wort Restrukturierung. Wie dehnbar ist die Marke BCG?

          Wie dehnbar ist der Begriff Strategie? Strategieberatung heißt, Kunden zu helfen, wettbewerbsfähig zu sein, Wettbewerbsvorteile zu erlangen. Das kann durch Innovationen geschehen, aber auch durch Restrukturierungen und Kostenabbau. Letztlich geht es darum, unseren Kunden einen Vorsprung zu erarbeiten.

          Haben Sie keine Angst, dass BCG bald den Ruf des Arbeitsplatzvernichters hat?

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