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Booking.com-Chef im Interview : „Wir sind kein Torwächter in der Reisebranche“

Ein nahezu leerer Strand: Wegen Corona wird weniger gereist, darunter leidet auch Booking.com. Bild: dpa

Die Corona-Pandemie hat auch dem Reiseportal Booking.com viel Geschäft genommen. Für 2021 beunruhigen den Chef Glenn Fogel auch Pläne der EU, großen Netzkonzernen Grenzen zu setzen.

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          Wenn er an Europa denkt, dann hat Glenn Fogel, Chef des Onlinereisevermittlers Booking.com, gleich zwei Sorgen: Gestiegene Corona-Infektionszahlen, die aktuell viele vom Urlaub abhalten, und Pläne der EU-Kommission, große Internetkonzerne – nicht nur Google und Amazon – einzuhegen. Zur Pandemie klingt er hoffnungsvoll. „Mit Impfstoffen, die jetzt auf den Markt kommen, werden wir die Pandemie überwinden können. Das Reisegeschäft wird sich erholen, allerdings nicht sofort“, sagt er. „In einigen Jahren kann der Tourismus dann größer sein als 2019.“

          Timo Kotowski
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zu den EU-Plänen klingt er hingegen beunruhigt. „Booking.com ist eine europäische Erfolgsgeschichte mit IT-Technik aus Europa. Davon gibt es nicht allzu viele. Und ich befürchte, dass Fehler in der Regulierung dem europäischen Raum für neue Technologien mehr schaden, als sich viele vorstellen“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. Konkret könnten Grenzen im Netz Booking.com Geschäft nehmen. Nachvollziehbar ist daher das Bemühen, die Plattform als europäisches Unternehmen zu präsentieren. Booking.com entstand und sitzt in Amsterdam, gehört aber mittlerweile zu einem amerikanischen Konzern. Der hieß einst Priceline und übernahm dann den Namen seines wichtigsten Portals.

          Mit zwei Regelwerken, dem Digital Services Act und dem Digital Markets Act, soll es nach dem Willen aus Brüssel für Bürger nachvollziehbarer werden, was mit ihren Daten im Netz passiert. Und Marktmacht großer Konzerne vor allem aus Amerika soll im Sinne des Wettbewerbs begrenzt werden. Sie sollen weniger wie ein Torwächter beeinflussen können, was Nutzer bei Suchen im Netz finden. Für Booking.com ist das eine zweischneidige Sache. Wird Google ausgebremst, profitiert das Reiseportal. Kommen strenge Regeln für den hierzulande größten Onlinevermittler für Hotels, gilt das nicht mehr.

          Wie mächtig sind Hotelportale?

          „Es ist doch absurd, Booking.com und Google bei Regulierungsplänen in einem Atemzug zu nennen“, sagt Fogel. „Wir sind kein Torwächter in der Reisebranche. Nur 13 Prozent der europäischen Hotelumsätze werden über Booking.com abgewickelt. Google erreicht in seinem Marktsegment 80 bis 90 Prozent Marktanteil.“ Das zeige sich im Netz. „Wer im Internet nach ,Hotel in Berlin‘ sucht, findet Ergebnisse von Google und Angebote direkt von Hotels, die unmittelbar neben unseren stehen. Alle Online-Portale wie wir machen gemeinsam nur weniger als 30 Prozent des Hotelumsatzes aus.“

          Hoteliers beklagen dennoch die starke Stellung von Booking.com, In Deutschland hat das Portal den einstigen Marktführer HRS von der Spitze verdrängt und liegt bei Hotelzimmervermittlungen weit vor Expedia. Fogel sieht in der Aufmerksamkeit für Booking hingegen einen Vorteil für die Herbergen. „Wenn ein Hotel mit Booking.com zusammenarbeitet, bekommt es zunehmend mehr Zimmer gefüllt, was es profitabler macht.“ Abhängig seien die Häuser nicht von seinem Konzern. „Im Durchschnitt nutzen sie übrigens sechs bis sieben verschiedene Wege, um Buchungen zu generieren“, sagt er.

          Preisklauseln sorgen für Unmut

          Hoteliers fühlen sich immer wieder bedrängt durch sogenannte Bestpreisklauseln, die Booking ihnen vorgeben will. Dabei hatte der Konzern zurückrudern müssen, auf anderen Portalen können Herbergen niedrigere Preise anzeigen lassen. „Wir verlangen nur, dass sie uns denselben Preis einräumen, den sie auf der eigenen Internetseite nennen“, sagt Fogel. „Wenn das jemandem nicht gefällt, ist das für mich in Ordnung. Er kann versuchen, Zimmer über unsere Wettbewerber zu vermarkten. Aber die handeln in diesem Punkt exakt wie wir.“

          Aus seiner Sicht sind solche Klauseln keine Gängelung von Geschäftspartner, die Regeln schützten Booking.com bloß vor Trittbrettfahrern. „Wenn ein Zimmer auf einem Portal 100 Euro kostet, das Hotel es aber für 95 Euro bewirbt, schmälert dies unser Geschäft, weil wir viel investieren mussten, um die Unterkunft für den Verbraucher sichtbar zu machen, was dann nicht bezahlt wird“, sagt er. „Jeder würde dann für 95 Euro buchen, ich auch.“

          Die Größe von Booking sei keineswegs zementiert. Gerade im Pandemie-Sommer habe sich eine besondere Rivalität mit dem jüngeren Appartmentvermittler Airbnb gezeigt. Der hat trotz anhaltender Diskussionen über Zweckentfremdungen von Wohnraum in Großstädten einen Stamm an Anhängern gewonnen. Und im Sommer nach der ersten Corona-Welle wählten Reisende seltener Großhotels, sondern mehr alternative Unterkünfte.

          Großer Hotelzimmervermittler: Glenn Fogel führt Booking.com.
          Großer Hotelzimmervermittler: Glenn Fogel führt Booking.com. : Bild: Bloomberg

          „Viele reden über uns wie über einen dominanten Riesen. Der Markt ist aber ständig in Bewegung. Wir hatten vor mehr als 20 Jahren die ersten Ferienappartements gelistet. Dennoch ist Airbnb entstanden“, sagt Fogel. „Nach dem Börsengang erreicht Airbnb sogar eine höhere Marktkapitalisierung als wir.“ An der New Yorker Nasdaq-Börse ist die Booking-Holding etwa 85 Milliarden Dollar wert, Airbnb 96 Milliarden Dollar. Ein Drittel des Geschäfts machte Booking im Sommer nicht mit Hotels, sondern mit Alternativen dazu, die als Domäne von Airbnb gelten.

          Nicht nur auf Hotelzimmer zu setzen, ist allerdings auch Konzernstrategie. „Wer nach Berlin reist, hat es einfacher, wenn er Unterkunft, Busfahrten sowie Karten für Shows oder Museen gebündelt buchen kann. Das wollen wir bieten“, sagt Fogel. Zuletzt wurde eine Kooperation mit dem Reisekonzern TUI geschlossen, der Angebote für Eintrittskarten und Ausflüge aller Art zuliefert. Das Ziel, Marktplatz für alles zu sein, was mit Reisen zu tun, sieht Fogel aber gefährdet. „Man stelle sich einmal vor: Mit neuen Regeln wird gesagt, dass Booking.com ein Gatekeeper bei Hotels sei und deshalb kein Geschäft mit Flügen oder Tickets für Sehenswürdigkeiten machen dürfe. Wir werden dann benachteiligt“, sagt er. „Die EU-Kommission würde verhindern, dass wir in Europa das gestalten, was unsere Wettbewerber wie Expedia aus Amerika oder Ctrip aus China machen und damit über alle Reiseleistungen mehr Volumen erreichen als wir.“

          Negativer Umsatz im Frühjahr

          279 Millionen Übernachtungen wurden 2020 bis Ende September trotz der Pandemie über Booking gebucht - ein Minus von mehr als 55 Prozent. Dahinter steht ein wechselvolle Geschäftsverlauf, unterm Strich blieb nach neun Monaten ein Überschuss von 224 Millionen Dollar, 6 Prozent des Vorjahreswerts. „Die Reisebranche ist von der Pandemie härter getroffen als alle anderen. Im Frühjahr war unser Umsatz negativ. Es gingen mehr Stornierungen als Buchungen ein. Das war für uns vorher unvorstellbar“, sagt Fogel.

          Im Sommer habe sich die Lage etwas aufgehellt, weil Infektionszahlen sanken und Reisen vom zweiten ins dritte Quartal verschoben wurden. „Wir haben im dritten Quartal Gewinn gemacht, allerdings 60 Prozent weniger als im gleichen Quartal des Vorjahreszeitraums. Das vierte Quartal ist wieder sehr herausfordernd.“ Auch die Sicht auf 2021 ist mit Unsicherheiten behaftet.

          „Wie lange die Erholung dauert, hängt davon ab, wie schnell Impfstoffe verteilt werden können und davon, ob Menschen Warnungen ihrer Regierungen befolgen oder nicht“, mahnt Fogel. Er rät mit Blick auf langfristige Folgen für das Geschäft zur Vorsicht – wohl auch in Bezug auf kurzfristige Reisen. Sein Rat daher: „Bürger sollten sich an Vorgaben halten, damit wir so schnell wie möglich die Pandemie-Zeit hinter uns lassen können.“

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