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Milliardenauftrag storniert : Boeing trifft der nächste Tiefschlag

Eine Boeing 737 Max 8 von Garuda Bild: Reuters

Die indonesische Fluggesellschaft Garuda zieht die Reißleine: Die 49 bestellten Maschinen des Typs 737 Max 8 wolle man nun doch nicht kaufen, teilt die Fluggesellschaft mit. Es geht um bis zu fünf Milliarden Dollar.

          Die erste Fluggesellschaft hat nun die härtesten Konsequenzen aus den Absturzdramen der Boeing 737 Max gezogen. Sie kommt aus Indonesien, ist aber nicht Lion Air, die selber einen Absturz im vergangenen November hinnehmen musste. Stattdessen hat die staatliche Garuda Air in einem Schreiben an den amerikanischen Hersteller darum gebeten, die Bestellung von 49 Maschinen des Typs 737 Max 8 zu stornieren. Deren Listenpreis liegt bei 4,9 Milliarden Dollar (4,3 Milliarden Euro). Die fatale Begründung: Die Fluggäste in Indonesien hätten das Vertrauen in die Maschine verloren. Die Antwort der Amerikaner steht noch aus.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Ende Oktober vergangenen Jahres stürzte eine Max 8 der privaten indonesischen Fluggesellschaft Lion Air zwölf Minuten nach dem Start in die Java See: 189 Menschen verloren ihr Leben. Am 10. März geriet dann eine Maschine gleichen Typs von Ethiopian Airlines nach dem Abheben in Schwierigkeiten – 157 Menschen starben. Inzwischen haben die meisten Länder der Erde die Boeing 737 Max 8 bis auf Weiteres stillgelegt und Überflugverbote verhängt. In Amerika prüft das FBI, ob bei Boeing alles mit rechten Dingen zuging.

          Nach dem Vertragsabschluss mit Boeing 2014 hat Garuda bislang eine 737 Max 8 erhalten. Die Fluggesellschaft erklärte, mit dem Hersteller auch über die Rücknahme dieses ersten Flugzeuges zu verhandeln. Bislang habe sie 26 Millionen Dollar an Boeing überwiesen.

          Eine lange, hässliche Geschichte

          Den amerikanischen Hersteller verbindet eine lange, hässliche Geschichte mit dem Wachstumsmarkt Indonesien, der größten südostasiatischen Volkswirtschaft mit mehr als 270 Millionen Menschen. Ende Mai vergangenen Jahres wurde die erste Maschine des neuen Typs Max 8 an Malindo Air ausgeliefert. Sie ist die Billigtochter von Lion Air.

          Die in Europa kaum bekannte Fluggesellschaft hält derzeit einen Schlüssel für die Zukunft der Max 8 in den Händen. Denn ihr Gründer, der Milliardär Rusdi Kirana, geriet über den tödlichen Absturz im Oktober so sehr in Wut, dass er Boeing mit sehr weitreichenden Konsequenzen drohte – dabei ist er deren wichtigster Kunde in Asien. Seine Fluggesellschaft hat in den vergangenen Jahren Maschinen für mehr als 22 Milliarden Dollar bei Boeing in Auftrag gegeben.

          Kirana drohte wenige Wochen später, seinen Riesenauftrag für die Amerikaner zu streichen. Der 55 Jahre alte Milliardär wirft den Amerikanern vor, Lion Air zu verunglimpfen, um sich selbst rein zu waschen: „Ich war in Schwierigkeiten, und sie haben sich entschieden, mich fallen zu lassen. Sie haben sich unethisch verhalten, sie haben in unserer Beziehung unmoralisch agiert, und deshalb trennen wir uns.“ Gleichzeitig ließ er Papiere zum Auflösen der Bestellungen vorbereiten. Der Auslöser für Kiranas Zorn: Die Amerikaner hatten die Befunde der Indonesier über die Absturzursache zwischen den Zeilen stark kritisiert. Unter anderem ging es dabei um die Schulung der Piloten auf der Max 8, die inzwischen rund um die Erde für Stirnrunzeln sorgt.

          Nun aber kam die staatliche Garuda mit ihrer Kündigung Lion Air zuvor. Ein Wunder ist das nicht. Denn zum einen müssen die Indonesier darauf achten, bloß keinen weiteren Absturz zu erleiden – seit 2007 standen Fluggesellschaften des aufstrebenden Inselstaates aus Sicherheitsbedenken auf der Schwarzen Liste und erhielten auch in Europa keine Landegenehmigung.

          Das hat sich geändert, und Garuda wurde Anfang des vergangenen Jahres zu einer der besten zehn Fluggesellschaften der Welt gewählt. Diesen Ruf will man keinesfalls gefährden. Sehr früh nach dem Absturz in Äthiopien – und damit deutlich eher als etwa die Amerikaner – entschied deshalb die indonesische Luftaufsicht nach dem zweiten Absturz, alle 737 Max 8 zunächst aus dem Verkehr zu ziehen: So sollte „Zeit für Inspektionen“ gewonnen werden. In der größten Volkswirtschaft Südostasiens fliegen elf Max-8-Flugzeuge, zehn davon bei Lion Air und eine bei der staatlichen Garuda.

          Allerdings ist es auch gut möglich, dass etwa Boeing-Konkurrent Airbus von der Krise der Amerikaner weiter profitieren will, und hinter den Kulissen nun „Seitenwechslern“ besonders attraktive Angebote macht – die diese nun bewerten.

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