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F.A.Z. exklusiv : Boehringer Ingelheim strafft seine Wirkstoffproduktion

  • -Aktualisiert am

Ein Forschungsgebäude der Boehringer Ingelheim Deutschland GmbH in Biberach an der Riß (Baden-Württemberg). Bild: dpa

Deutschlands zweitgrößter Pharmakonzern will ein Werk in Spanien verkaufen. Das Geschäft mit den dort produzierten Präparaten litt in den vergangenen Jahren unter dem Verlust der Monopolstellung.

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          Boehringer Ingelheim strukturiert seine Wirkstoffproduktion um. Deutschlands zweitgrößter Pharmakonzern konzentriert seine eigene chemische Herstellung auf zwei Standorte und veräußert den dritten, wie eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage sagte. Boehringer sei dabei, einen Käufer für die Produktionsstätte im spanischen Malgrat zu suchen und lasse sich dabei von der Unternehmensberatung PWC unterstützen. Damit bestätigte das Unternehmen entsprechende Informationen der F.A.Z. In eigener Hand verbleibe die Herstellung am Stammsitz Ingelheim und im italienischen Fornovo, sagte die Konzernsprecherin.

          Boehringer Ingelheim hatte die Fabrik in Malgrat im Mai dieses Jahres in eine Tochtergesellschaft umgewandelt – oft ein Vorbote dafür, dass eine Sparte zum Verkauf gestellt wird. „Dieser Prozess läuft derzeit mit dem Ziel, noch in diesem Jahr einen Käufer zu finden“, teilte die Sprecherin mit. Das Unternehmen bereitet den Schritt den Angaben zufolge schon seit drei Jahren vor – öffentlich bekannt wurde das aber bislang nicht. „Dies ist Teil der Optimierung des chemischen Produktionsnetzwerks“, erläuterte das Unternehmen. Boehringer Ingelheim setzt zunehmend auf biotechnisch hergestellte Wirkstoffe. „Sie werden an Bedeutung gewinnen“, sagte die Sprecherin.

          Malgrat stellt den Wirkstoff Telmisartan her, der in Boehringer Ingelheims Blutdruckmittel Micardis und Twynsta eingesetzt wird, letzteres ein Kombinationspräparat, das noch einen anderen Wirkstoff enthält. Das Patent für beide Arzneien ist auf aller Welt abgelaufen. Alle Micardis-Chargen global basieren auf der Produktion des Standorts Malgrat, wie die Sprecherin sagte. Betroffen seien 270 Mitarbeiter. Wichtig sei, „dass die Arbeitsplätze möglichst erhalten werden“.

          Platz Zwei hinter Bayer

          Denn Malgrat soll auch unter neuem Eigentümer für Boehringer Ingelheim produzieren. Man wolle sich längerfristig an den Käufer binden, er werde „künftig als strategischer Partner im Auftrag weiterhin die für Micardis und Twynsta benötigten Mengen Telmisartan zuliefern“.

          Doch das Geschäft mit diesen Präparaten litt in den vergangenen Jahren unter dem Verlust der Monopolstellung. Micardis war lange einer der wichtigen Wachstumstreiber des Unternehmens, begann aber vor einigen Jahren wegen des schrittweisen Patentverlusts in verschiedenen Märkten empfindlich Umsatz zu verlieren und rutschte im Jahr 2015 unter die Milliarden-Euro-Grenze. Im vergangenen Jahr fiel das Präparat auch aus dem Quartett der umsatzstärksten verschreibungspflichtigen Medikamente von Boehringer Ingelheim heraus; der jüngste Geschäftsbericht weist die Erlöse des Präparats nicht mehr aus.

          Die nicht börsennotierte Boehringer Ingelheim ist mit 18 Milliarden Euro Jahresumsatz der größte deutsche Arzneimittelanbieter hinter dem Dax-Konzern Bayer. Das Unternehmen verspricht sich Wachstum mit biotechnisch hergestellten Produkten, im Konzern Biopharmazeutika genannt. Das Geschäftsfeld umfasst zum einen eigene Produkte – namentlich die Herzinfarktprodukte Actilyse und Metalyse sowie das Antidot Praxbind, das unerwünschte Nebeneffekte bei Patienten bekämpft, die den Gerinnungshemmer Pradaxa nehmen. Es produziert zum anderen für Drittkunden und zwar auch „Biosimilars“, also biotechnologisch hergestellte Nachahmerpräparate. Produktionsstandorte sind der zweite große deutsche Boehringer-Ingelheim-Standort Biberach sowie im Ausland Wien, Fremont (Vereinigte Staaten) und Schanghai.

          Die Biopharmazeutika steuerten 2017 allerdings erst 4 Prozent zum Umsatz bei; der Großteil des Konzerngeschäfts entfällt auf konventionelle Medikamente für den Menschen, Boehringer Ingelheim nennt die entsprechende Sparte Humanpharmazeutika. Wirkstoffe und ihre Zwischenstufen – also die zentralen Bestandteile der Medikamente – stellt Boehringer an den drei genannten Orten her und künftig an den verbleibenden zwei.

          Neun Standorte verarbeiten die synthetisierten Wirkstoffe zum eigentlichen Arzneimittel weiter und verpacken sie: Das sind die beiden deutschen Kernstandorte Ingelheim und Biberach, je ein Standort in Griechenland und Spanien und fünf außereuropäische Standorte. Die eigenen Standorte stellen nach Unternehmensangaben Produkte her, die von hoher Relevanz für den Unternehmensverband sind oder deren Herstellungstechnik einzigartige Expertise erfordern. An anderer Stelle versorgt man sich durch Kooperationen mit Lohnherstellern.

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