https://www.faz.net/-gqe-6yy9c

Bobby-Car : Das erste Auto des Lebens

Rutschrenner: Bobby-Cars sind die Klassiker unter den Kinderfahrzeugen. Bild: dpa

Das Bobby-Car wird 40 Jahre alt und ist längst noch nicht aus der Mode. Die Flotte der Rutschautos wächst Tag für Tag. Über 17 Millionen wurden mittlerweile ausgeliefert.

          Kein anderes Fahrzeug ist hierzulande für so viele das erste Auto des Lebens. Mehr als 17 Millionen Bobby-Cars hat der fränkische Hersteller BIG mittlerweile ausgeliefert - und da die meisten Rutschrenner aus Polyethylen in ihrer Lebensdauer mehr als einen Fahrer haben, dürften gut 34 Millionen Mädchen und Jungen ab einem Jahr mit dem bekannten lauten Rumpeln der Plastikreifen über Gehwege gerollt sein. In diesem Jahr wird das Bobby-Car 40 Jahre alt. Und passend zum Beginn des Feierjahres wurde bekannt, dass ein Exemplar auch in der Kinderspielecke des Bundespräsidentensitzes im Schloss Bellevue steht. Ein deutsches Erfolgsprodukt, erdacht in Fürth und bis heute in Franken gefertigt, obwohl die Masse der Spielwaren längst in China oder Osteuropa hergestellt wird.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Jahr für Jahr verlassen bis zu 600000 Bobby-Cars das Werk in Burghaslach. Nach den Verkaufszahlen kommt das Rutschauto für Kinder damit dem Traditionsfahrzeug für Erwachsene, den Käfer, immer näher. 21,5 Millionen Wagen ließ der Volkswagen-Konzern bis 2003 bauen. Wie Tempo für Taschentücher und Tesa für Klebefilm ist der Name Bobby-Car zum Synonym für eine ganze Produktkategorie geworden. Einer Umfrage zufolge wissen 98 Prozent der Deutschen, was ein Bobby-Car ist.

          1972 - der erste Auftritt des Bobby-Cars

          Der Erfinder Ernst A. Bettag erlangte nie einen derartigen Bekanntheitswert, obwohl er die Spielwarenwelt nachhaltig prägte. Anfang der siebziger Jahre ersann Bettag das in Blasform- und Spritzgießtechnik aus Kunststoff gefertigte Rutschgefährt. Wenige Jahre zuvor hatte er die Produktion in der 1954 von seinem Schwiegervater Johann Höfler übernommenen Fürther Metallwarenfabrik komplett auf Polyethylen umgestellt. Das Bobby-Car, das seinen ersten Auftritt auf der Nürnberger Spielwarenmesse 1972 hatte, bestätigte ihn, dass die Abkehr vom aus der Mode gekommenen Blechspielzeug richtig war.

          Rot ist out: Bobbycars gibt es längst nicht nur in anderen Farben, sondern auch als Werbeartikel von diversen Unternehmen

          „Mit dem Bobby-Car gelang Bettag der große Durchbruch“, erinnert sich Unternehmenssprecherin Isabel Weishar. Später punktete der Ingenieur auch mit anderen Kunststoffartikeln. Das Wiederaufflammen der Hüftschwungwelle mit Hula-Hoop-Reifen ging auf ihn zurück. Kunststoffdominosteine machte er zum Verkaufsschlager, indem er 1984 vor laufender Kamera eine Reihe von 281581 Klötzchen zum Umfallen brachte - damals ein Weltrekord, der Bettag einen Eintrag im Guinessbuch einbrachte.

          Die Bobby-Car-Muster waren dagegen aus Holz. Für die Schleif- und Hobelarbeiten engagierte Bettag seinerzeit den Handwerker Christoph Meyer. „Der war von Beruf eigentlich Kruzifixschnitzer“, erzählt Sprecherin Weishar. Das Muster in Gestalt eines Oldtimers mit Scheinwerferattrappen, die wie Augen listig nach vorn blicken, überzeugte die beiden am meisten. Bis heute ist diese Variante die am meisten gefragte. Das seit acht Jahren erhältliche New-Bobby-Car - stromlinienförmig wie ein moderner Sportwagen - konnte das Ursprungsmodell nicht verdrängen. „Vom Sitzkomfort ist der Klassiker unerreicht“, sagt Weishar. Die Oldtimerform fördere zudem die Körperhaltung von Kindern. „Früher gab es Spreizhosen, heute fahren die Kleinen Bobby-Car“, sagt sie mit einem Schmunzeln.

          Als Bettag starb, fehlte ein Nachfolger

          Weniger erfolgreich war Bettag, der als eigenbrötlerisch galt, mit der Regelung seiner Nachfolge. Dass ein Büffel mit zwei spitzen Hörnern das Logo-Tier von BIG ist, entbehrt aus Sicht langjähriger Vertrauter nicht einer gewissen Symbolik. Seine Meinung verschwieg er nicht, kaum jemanden duldete er gleichberechtigt neben sich. Als er 2003 mit 74 Jahren starb, fehlte ein Nachfolger. Obwohl Bettag drei Söhne hatte, hatte er keinen im Familienunternehmen halten können. Zwei zogen nach Amerika, einer wirkte immerhin über Jahre im Hause BIG, schied dann aber aus. „Bettag und sein Sohn waren sich einfach zu ähnlich“, erinnert sich ein Weggefährte. BIG wurde zum Übernahmekandidaten. Ein Nachbar aus der Branche griff schließlich zu: Seit 2004 gehört der Bobby-Car-Hersteller zur Fürther Simba-Dickie-Gruppe.

          Bis zuletzt hatte sich Bettag stets in der Pflicht gesehen - vor allem, als er mit 68 Jahren quasi neu beginnen musste. Sein Werk in Fürth war 1998 niedergebrannt. Innerhalb weniger Wochen baute er in Burghaslach, direkt an der Autobahn 3 zwischen Würzburg und Nürnberg eine Notfertigung auf, heute steht dort das Hauptwerk. Die Fassade ziert der BIG-Büffel, der von rotem Horn zu rotem Horn 42Meter misst - und von der Autobahn aus im Vorbeifahren zu sehen ist.

          Mütter bevorzugen nach wie vor den roten Klassiker

          Die Rutschautos sind längst nicht mehr alle Ferrari-Rot. Die Kindermobile gibt es mittlerweile auch in Pink und Blau, in Leopardensonderlackierung - und in Schwarz. Dabei war die dunkle Variante ursprünglich gar nicht für den Fachhandel bestimmt. Der Reifenhersteller Fulda hatte die Gefährte mit Profilrädern geordert, um sie als Werbegeschenk Käufern eines Reifensatzes mitzugeben. Fulda wurde regelrecht überrannt von der Nachfrage, musste nachbestellen - und Kunden weiterschicken, die nur das Auto aber nicht die Reifen wollten. Vor allem Väter entscheiden sich für die schwarze Variante, während Mütter den roten Klassiker für den Nachwuchs bevorzugen. Manches Bobby-Car geht indes gar nicht an Kinder. Eine erwachsene Fan-Gemeinde fährt Rennen - an Abhängen und in Schwimmbadwasserrutschen. Es gibt sogar einen Bobby-Car-Sport-Verband. Der offizielle Geschwindigkeitsrekord liegt seinen Angaben zufolge bei 111 Stundenkilometern.

          Vom Bobby-Car zum Tretauto

          Für die Jungs, die dem Bobby-Car entwachsen sind, ist die nächste Stufe auf der automobilen Leiter das Tretauto. Fast synonym dafür steht in Deutschland der Name Kettcar. Vor 50Jahren wurde es zum ersten Mal gebaut. Heinz Kettler, der Firmengründer der Heinz Kettler GmbH & Co. KG, war 1962 in Amerika unterwegs und sah dort den kleinen Rennwagen zum ersten Mal. Zurück im sauerländischen Ense, so erzählt man sich, sagte er zu seinen Mitarbeitern: „Baut mir so etwas!“ Was dabei heraus kam, war ein vierrädriges Gefährt aus einem Rohrrahmen, einem Lenker und einem Sitz aus Blech. Angetrieben wurde der kleine Flitzer damals noch mit Pedalstangen, bevor diese 1965 einer Fahrradkette Platz machten. Bis 2012 hat Kettler nach eigenen Angaben mehr als 15 Millionen Kettcars auf der ganzen Welt verkauft und in Deutschland eine Markenbekanntheit von 95 Prozent erreicht. Besonders Ende der neunziger Jahre waren die Tretmobile gefragt. In einigen Jahren wurden damals eine halbe Million Stück im Jahr produziert. Heute sind es rund 200000 Kettcars. Produziert werden die Renner ausschließlich am Stammsitz in Ense. Kettler beschäftigt insgesamt rund 2000 Mitarbeiter. Außer dem Kettcar produziert das Unternehmen noch Freizeit- und Gartenmöbel, Fitnessgeräte, Fahrräder und Kinderartikel. Zahlen teilt das Familienunternehmen so gut wie keine mit, im vergangenen Jahr soll der Umsatz aber bei rund 300 Millionen Euro gelegen haben. okü.

          Weitere Themen

          Allzeit bereit

          Die Uhr der Apollo-Astronauten : Allzeit bereit

          Als Buzz Aldrin mit Neil Armstrong den Mond betrat, trug er eine Speedmaster. Bis heute tragen Nasa-Astronauten diese Uhr. Der Raumfahrer Charles Duke hat seine eigenen Erfahrungen damit gemacht.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.