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Elektromobilität : BMW setzt sich unter Strom

Die BMW-Vorstände Krüger (links) und Fröhlich mit dem i3s und einem „Tesla-Fighter“ (den sie aber verhüllt ließen) Bild: BMW

Alles mit Stecker: Von 2021 an will BMW jedes Auto in einer Elektroversion anbieten. Die Reichweite steigt beachtlich.

          Vor mehr als vier Jahren hat BMW mit seinem Elektroauto i3 die Automobilwelt in Atem gehalten. Weil der i3 eine Karosserie aus carbonfaserverstärktem Kunststoff (CFK) hat, Türrahmen und Dächer nicht geschweißt, sondern geklebt werden und die Batterien so clever im Flachboden verstaut sind, dass genügend Platz für vier Personen samt Gepäck bleibt, galt das Kompaktmodell als Speerspitze der Elektrobewegung. Nun lud BMW in sein Forschungs- und Entwicklungszentrum ein und zeigte ein gutes Dutzend neue Modelle, darunter auch den i3s mit einem Reichweiten-Verlängerer und einer um 10 auf 160 Stundenkilometer verbesserten Höchstgeschwindigkeit.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Der i3s darf getrost als Facelift bezeichnet werden, zu gering sind die Neuerungen. Der nächste große Wurf von BMW wird der „i-Next“ sein. Das erste komplett selbstfahrende Elektroauto des bayerischen Autokonzerns soll im zweiten Halbjahr 2021 auf den Markt kommen. Und von da an soll es, was die Elektrifizierung der BMW-Modellreihen betrifft, Schlag auf Schlag gehen. „Bis 2025 werden wir 25 elektrifizierte Fahrzeuge anbieten, zwölf davon werden vollelektrisch sein“, sagte der Vorstandsvorsitzende Harald Krüger.

          Derzeit können BMW-Kunden neun mehr oder weniger elektrifizierte Autos der weiß-blauen Premiummarke ordern. Krüger geht davon aus, dass der Konzern allein in diesem Jahr 100.000 Elektroautos verkaufen wird, darunter auch etliche Hybridmodelle, die als Teilzeitelektriker nur auf kurzen Strecken batteriegetrieben fahren und zur Absicherung der Reichweite einen Verbrennungsmotor besitzen. Damit bringe es BMW bei den Batterieautos schon heute auf einen dreimal höheren Marktanteil als bei den Verbrennern, sagte Krüger.

          Elektrische Reichweite von bis zu 700 Kilometern

          Was der Münchner Konzern wenige Tage vor Beginn der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt an seinem Heimatstandort zeigte, war neben den Messeneuheiten ein ausführlicher Ausblick auf kommende Modellgenerationen. Entwicklungsvorstand Klaus Fröhlich und Chefdesigner Adrian van Hooydonk öffneten dafür die sonst verschlossenen Türen des Designzentrums: Hier simulieren die Entwickler und Designer die automobile Zukunft. In der zwei Fußballfelder großen Halle standen fünfzehn Konzeptautos und Prototypen, alle verhüllt unter blauen oder grauen Tüchern. Sieben Fahrzeuge wurden „enthüllt“. Zum Vorschein kamen zum Beispiel ein vollelektrischer Mini, der 2019 auf den Markt kommt, der gemeinsam mit Toyota gebaute Roadster Z4, der Nachfolger des Rolls-Royce Phantom und die „Scooter Concept link“ getaufte Studie eines zweirädrigen Elektro-Stadtrollers.

          Vor allem zwei Modelle aus der Luxusklasse, der riesige BMW X7 und ein neues Coupé der 8er Reihe, ließen mit ihrer neuen Formensprache, den sehr flachen Laserleuchten und der noch breiter gezogenen „BMW-Niere“ die aktuellen BMW-Modelle recht alt aussehen. Die 8er-Reihe hatte BMW 1999 wegen Erfolglosigkeit eingestellt, jetzt soll sie – neu aufgelegt – die Lücke der 150.000 Euro teuren Autos zwischen der 7er-Limousine und den Rolls-Royce-Boliden schließen.

          Das 8er Coupé und der neue X7 dürften zu jenen BMW-Modellen mit den höchsten Gewinnspannen im Konzern gehören. Für Entwicklungsvorstand Fröhlich beweist der wuchtige X7 indes, dass ein sogenanntes Sports Activity Vehicle und ein Elektroantrieb perfekt zusammenpassten. BMW habe als einziger Hersteller der Welt entschieden, „dass wir ab 2020 in allen Klassen Autos aller Antriebe, je nach Marktwunsch, anbieten können“, sagte Fröhlich. Spätestens im Jahr 2021 sorgten die dann verfügbaren Batterien der neuesten Generation für elektrische Reichweite von bis zu 700 Kilometern.

          Hoffnungsträger i-Next

          Die volle Alltagstauglichkeit will BMW in seinem heute noch „i-Next“ genannten Zukunftsauto beweisen. Es wird laut Fröhlich über einen skalierbaren modularen Baukasten verfügen. Die Modellarchitektur sorge nicht nur dafür, dass alle Antriebsvarianten gebaut werden könnten, sie halbiere obendrein die Kosten. „Das ist der Masterplan von BMW“, sagte Fröhlich und ließ keinen Zweifel daran, dass der Münchner Konzern den Technologiewandel in der Automobilindustrie bestehen werde.

          Der i-Next ist für BMW ein Hoffnungsträger. Das Auto wird die neuen Technologien wie das autonome Fahren und die Digitalisierung vereinen. Deshalb kooperiert BMW auch branchenübergreifend und entwickelt den i-Next gemeinsam mit dem amerikanischen Chipkonzern Intel und dem israelischen Kameraspezialisten Mobileye. Bei dem selbstfahrenden Auto spielen Hochleistungsprozessoren und -sensoren eine genauso wichtige Rolle wie automatisierte Bildauswertung, die selbstlernende Karte und künstliche Intelligenz. Die Partner wollen ein Fahrzeug entwickeln, in dem der Fahrer während der Fahrt lesen oder E-Mails schreiben kann und nur in besonderen Situationen wieder ans Lenkrad greifen muss.

          Nicht ganz so weit in die Zukunft weist ein Auto, das BMW noch unter einem blauen Tuch verhüllt ließ. Dabei soll es sich aber um jenen BMW handeln, der die seit Jahren klaffende Lücke zwischen den beiden Elektromodellen i3 und i8 schließen könnte: Ein batteriebetriebenes, viertüriges Stromauto in der Größe eines BMW 3er fehlt den Bayern im Modellangebot. Zu haben ist ein solches Fahrzeug von Tesla. Die Amerikaner haben gerade die ersten Exemplare ihres Model3 auf den Markt gebracht, mit dem sie vom Luxussegment in den Massenmarkt vorstoßen. Das Model3 kostet 35.000 Dollar und damit weniger als halb so viel wie ein ModelS. Tesla-Chef Elon Musk ließ wissen, dass es mittlerweile 450.000 Reservierungen für das Model 3 gebe. Und täglich kämen 1800 hinzu. Solche Zahlen blieb BMW schuldig.

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