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Blohm + Voss : Liebesgrüße aus Hamburg

Desaster: Blohm + Voss hat mit dem Bau der Yacht Eclipse viel Geld verloren Bild: dpa

Die Hamburger Werft Blohm + Voss baute einst Schiffe wie die „Gorch Fock“ und die „Bismarck“. Doch beim Bau von preisgekrönten Luxusyachten für Superreiche hat sich die Werft gründlich verhoben. Sie soll verkauft werden. Wenn das nicht klappt, sieht die Zukunft düster aus.

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          Es sind die Reichen und die Schönen, die am 7. Mai dieses Jahres in die ehrwürdige Guildhall im Herzen Londons strömen. Die Herren im feinen Smoking, die Damen schmuck im Abendkleid. Auf dem Vorplatz des Prachtgebäudes aus dem 15. Jahrhundert, das früher mal als Rathaus diente, ist ein Maybach aufgefahren. Daimler hat das Edelgefährt dort zu Werbezwecken geparkt. Ein guter Ort: Die meisten Gäste könnten das Luxusmobil wohl aus der Portokasse bezahlen. Wer zur Verleihung der „World Superyacht Awards“ eingeladen wird, kennt ganz andere Preisdimensionen. Hier geht es um die teuersten Spielzeuge der Welt. Es geht um die Luxusschiffe der Superreichen, der Milliardäre vom Schlage eines Roman Abramowitsch.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Der russische Oligarch ist nicht in die Guildhall gekommen. Sein Name indes ist an den festlich gedeckten, blumenverzierten Tischen in aller Munde. Denn die Jury hat sein Schiff, die „Eclipse“, zur Motoryacht des Jahres 2011 gekürt. Überraschend ist diese Wahl nicht. Noch vor ihrem Stapellauf rankten sich ungeheure Spekulationen um diese Megayacht, die nicht nur der Länge nach (163 Meter) alle Rekorde gebrochen hat. Auch wenn sie, wie wohl fälschlich kolportiert wurde, keine Raketengeschütze zur Piratenabwehr an Bord hat: Das Luxusgefährt würde jeden James-Bond-Film zieren. U-Boot-Ausstieg, versenkbarer Hubschrauberlandeplatz, Disco, Kino, Formel-1-Fahrsimulator (Ferrari), Operationssaal, Wände mit Rochenhaut, Stühle mit Leopardenfell – all das und noch viel mehr soll auf 8000 Quadratmetern und neun Decks zu finden sein. Mit Liebesgrüßen aus Hamburg.

          Das Gegenteil ist der Fall

          Denn gebaut hat dieses Luxusschiffchen die Hamburger Werft Blohm + Voss. Deren Geschäftsführer Herbert Aly nimmt an jenem Samstag im Mai den Siegerpokal – eine recht hässliche, goldene Neptun-Figur – entgegen. Aly geht schließlich sogar mit zwei Pokalen nach Hause: Für die 95 Meter lange „Palladium“ bekommen die hanseatischen Schiffbauer den Spezialpreis der Jury.

          An dieser Stelle könnte ein Loblied auf Ingenieurskunst „Made in Germany“ beginnen, wenn, ja, wenn der Bau dieser Schiffe auch ein wirtschaftlicher Erfolg für die 1877 gegründete Traditionswerft an der Elbe gewesen wäre. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Norddeutschen, die einst die „Bismarck“ und die „Gorch Fock“ bauten, haben sich an diesen und weiteren Yachtaufträgen gründlich verhoben. Die Lieferfristen waren viel zu kurz für die im Manufakturbetrieb und unter Einbindung zahlreicher externer Lieferanten und eigenwilliger Designer gebastelten Luxuspötte. Die „Eclipse“ sollte ursprünglich 300 Millionen Euro kosten. Am Ende wurde sie offenbar mehr als doppelt so teuer und erst mit einjähriger Verzögerung an Abramowitsch ausgeliefert.

          Dieses verlustreiche Debakel erklärt, warum Thyssen-Krupp seine Tochtergesellschaft Blohm + Voss unbedingt loswerden will. Einfach ist das freilich nicht. Anfang Juli scheiterte der schon weitgehend ausgehandelte Verkauf an Abu Dhabi Mar. Immerhin tauchte sogleich ein neuer Übernahmeinteressent auf. Dass es sich dabei um einen Finanzinvestor handelt, sorgt für Unruhe in der Belegschaft. Die Sorgen der 1900 Mitarbeiter sucht der Werftengeschäftsführer Herbert Aly zu zerstreuen: „Sogenannte Wertsteigerung nach ‚Heuschreckenmanier‘ durch Personalabbau oder sonstiges Aushöhlen von Unternehmen wird es mit diesem Investor bei Blohm + Voss nicht geben“, teilte er seinen Leuten mit.

          Aber wenn der britische Finanzinvestor nicht über eine Schrumpfkur oder sofortige Teilverkäufe in Hamburg reüssieren will, wie will er dann auf seine Kosten, geschweige denn auf eine vernünftige Rendite kommen? Die Antwort liegt in dem Auftrag, den Blohm + Voss in Aussicht hat. Ein öffentlich nicht bekannter Kunde will eine mehr als 100 Meter lange Megayacht bestellen, pocht aber auf klare und vor allem zukunftssichere Verhältnisse im Gesellschafterkreis der Werft. Weil der Auftrag noch nicht unterschrieben ist, fließt er nicht in die derzeitige Bewertung von Blohm + Voss ein. Da Thyssen-Krupp zudem für den Fall, keinen Käufer für die Werft zu finden, die dann möglichen Abwicklungskosten einkalkulieren dürfte, kann der Finanzinvestor vermutlich auf einen relativ niedrigen Kaufpreis hoffen. Die Rechnung geht für die Briten allerdings nur dann auf, wenn Blohm + Voss mit dem Bau des neuen Schiffs endlich auch Geld verdient, wenn also die teure Lernkurve in der Vertragsgestaltung und Projektplanung sowie der komplette Umbau der internen Organisationsstruktur tatsächlich Früchte tragen.

          Zeit für ein neues Schiff?

          Doch was passiert, wenn der Finanzinvestor nach dem tiefen Blick in die Bücher doch noch vor den Übernahmerisiken zurückschreckt und der ersehnte Großauftrag ausbleibt? Strategische Investoren aus der Schifffahrtsbranche dürften sich allenfalls für die profitablen Teile der Werftgruppe interessieren, also für die auf Schiffsreparaturen und Maschinenbau spezialisierten Tochtergesellschaften. Der Schiffsfertigung (Blohm + Voss Shipyards) in Hamburg droht hingegen die Schließung, sobald die bestehenden Fregattenaufträge der Deutschen Marine abgearbeitet sind.

          Angesichts dieser Perspektiven ist es verwunderlich, dass sich die IG Metall zuletzt derart kritisch zu den Plänen des Finanzinvestors geäußert hat. Dieser will zwar mangels Perspektiven in der Tat nichts mit dem Militärschiffbau (Blohm + Voss Naval) zu tun haben. Aber deshalb lautstark vor einer „Zerschlagung“ zu warnen, wie dies der Gewerkschaftsfunktionär und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Thyssen-Krupp-Werften-Holding TKMS, Heino Bade, getan hat, geht an der Sache vorbei. Wenn Blohm + Voss im zivilen Schiffsgeschäft unter neuer Flagge und mit neuen Aufträgen eine Zukunft bekommt, dürfte davon auch das Militärgeschäft profitieren. Ohne die Belastung, die eigene Fertigung dauerhaft auslasten zu müssen, könnten die Konstrukteure und Entwickler von Blohm + Voss Naval leichter Exportaufträge ergattern für Schiffe, die dann im Land des Auftraggebers gebaut werden. Genau in diese Richtung entwickelt sich jedenfalls das unter großen Sparzwängen leidende Marinegeschäft.

          Roman Abramowitsch dürfte das Tauziehen um Blohm + Voss herzlich egal sein. Trotzdem fungiert er ungewollt als Werbeträger für die Hamburger Schiffbauer. Denn wo auch immer der Milliardär mit seiner „Eclipse“ haltmacht, warten schon die Paparazzi. Am vergangenen Wochenende dümpelte er mit seiner Yacht vor Porto Cervo (Costa Smeralda) in Sardinien. Auf einem Foto sieht man ihn mit Blümchenhemd und blauer Sonnenbrille. Der Russe wirkt nachdenklich. Vielleicht Zeit für ein neues Schiff?

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