https://www.faz.net/-gqe-9qghs

Umweltverschmutzung in Sambia : Betreiber von ehemaliger Bleimine steht am Pranger

Eine Platinmine von Anglo American in Shurugwi, Simbabwe Bild: Reuters

Der Betreiber der einst größten Bleimine der Welt soll sich vor Gericht für Umwelt- und Gesundheitsschäden verantworten. Die Anwälte sprechen von Zehntausenden Geschädigten.

          Anglo American holt die Vergangenheit ein. Zwei Anwaltskanzleien wollen eine Sammelklage gegen die südafrikanische Tochtergesellschaft des Rohstoffkonzerns bei dem Hohen Gericht in Johannesburg einreichen. Dabei geht es um den Abbau von Blei in einem Bergwerk in Sambia, das vor mehr als 40 Jahren verstaatlicht und vor 25 Jahren stillgelegt wurde. Die Anwälte werfen dem Unternehmen vor, für schwere Umwelt- und Gesundheitsschäden verantwortlich zu sein. Zehntausende Menschen litten heute noch unter Bleivergiftungen.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Die Kabwe-Mine, etwa 150 Kilometer nördlich der Hauptstadt Lusaka, war einst die größte Bleimine der Welt. Sie wurde vor mehr als 100 Jahren gebaut, kurz nachdem man Blei und Zink in dem afrikanischen Land entdeckt hatte. Während der Amtszeit von Kenneth Kaunda, dem ersten sambischen Staatspräsidenten nach der Unabhängigkeit, wurde die Grube 1974 vom Staat übernommen, der den Betrieb 20 Jahre später einstellte.

          Die Londoner Kanzlei Leigh Day bezifferte die Zahl der Menschen, die in den Dörfern nahe des Bergwerks heutzutage lebten, auf etwa 230.000. Zehntausende hätten über das Einatmen von Staub aus Schmelzen und Minenhalden erhebliche Mengen Blei aufgenommen, die im Blut nachweisbar seien. Die Kanzlei, die die Sammelklage gemeinsam mit der Johannesburger Kanzlei Mbuyisa Moleele eingereicht hat, vertritt nach eigenen Angaben die Interessen von 200 Kindern. Ziel sei es, die Opfer finanziell zu entschädigen, medizinische Analyseverfahren für den Bleigehalt im Blut zu finanzieren und dafür zu sorgen, dass die Menschen künftig geschützt würden. Die Umweltschäden seien so gravierend gewesen, dass sie fast „drei Generationen von Männern, Frauen und Kindern“ beträfen, sagte Zanele Mbuyisa, Chefin der Johannesburger Kanzlei.

          Anglo American weist die Vorwürfe zurück

          Richard Meeran, Partner bei Leigh Day, sprach von der „schlimmsten Umweltkatastrophe, die ich in 30 Jahren Arbeit gesehen habe“. Als verantwortungsbewusster Konzern müsse Anglo American die Opfer entschädigen und mithelfen, weitere Verseuchungen zu verhindern. Gegen Anglo American Südafrika richte sich die Klage, da der Förderer die Mine in ihrer produktivsten Phase von 1925 bis 1974 betrieben oder besessen habe, erklärten die Anwälte weiter. In dieser Zeit habe es Anglo American versäumt, die lokale Bevölkerung „adäquat“ vor Bleivergiftungen zu schützen. Die Folgen wirkten bis heute nach, wie viele wissenschaftliche Studien belegten.

          Anglo American wehrt sich gegen die Vorwürfe. Der Bergbaukonzern sei über die Jahre hinweg nur einer von mehreren Investoren in die Bleigrube gewesen und habe nie den Mehrheitsanteil besessen. „Wir sind besorgt über die Situation um die Kabwe-Mine, wie sie in der Presse dargestellt wird, aber seit der Verstaatlichung vor mehr als 40 Jahren ist die sambische Regierung federführend. Wir sind nicht der Ansicht, dass Anglo American für die aktuelle Situation verantwortlich gemacht werden kann“, teilte der Konzern mit.

          Die britische und die südafrikanische Kanzlei sind auf Menschenrechtsverletzungen spezialisiert und haben in der Vergangenheit schon mehrere aufsehenerregende Sammelklagen gegen Bergbaukonzerne eingebracht. Unter anderem hatten sie mehr als 4000 ehemalige Arbeiter in südafrikanischen Goldminen vertreten. Die Arbeiter waren an Staublunge erkrankt, die Klage richteten sich ebenfalls gegen Anglo American Südafrika sowie gegen den Goldförderer Anglo Gold Ashanti. 2016 einigten sich beide Seiten auf eine Entschädigung von 500 Millionen Rand (30 Millionen Euro) für die Opfer. Die Einigung galt als bahnbrechend.

          In Sambia vertritt Leigh Day derzeit auch 2000 Dorfbewohner in einem Streit um Umweltschäden mit dem Bergbaukonzern Vedanta, der dort Kupfer abbaut. Auch die Hilfsorganisation Human Rights Watch sprach von einer ernsten Notlage rund um die Kabwe-Bleimine. Die Bewohner der Region seien immer noch extrem hohen Mengen des giftigen Metalls ausgesetzt. Die sambische Regierung regiere nicht mit der gebotenen Dringlichkeit, obwohl sie sich der Lage seit den neunziger Jahren bewusst sei. In einem Brief an die Organisation habe die Regierung im Juli erklärt, nicht genügend Ressourcen zu haben, um wirksam etwas gegen die Umweltschäden zu unternehmen. Von 2003 bis 2011 hatte die Weltbank ein Hilfsprojekt der Regierung in den betroffenen Orten finanziert.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Spaniens amtierender Ministerpräsident Pedro Sanchez nach dem Treffen mit König Felipe

          Regierungsbildung gescheitert : Stillstand in Spanien

          Pedro Sánchez hat keine Mehrheit im Parlament. Zum zweiten Mal in diesem Jahr wird im November ein neues Parlament gewählt. Doch die politische Blockade könnte andauern.
          Demnächst möglicherweise seltener zu sehen: „Zu vermieten“-Schild an einem Haus in Berlin-Schöneberg.

          F.A.Z. exklusiv : Mietendeckel schadet den Mietern

          Der Mietendeckel in Berlin soll das Wohnen bezahlbar halten. Doch die Studie eines renommierten Forschungsinstituts zeigt jetzt: Tatsächlich könnte er genau das Gegenteil bewirken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.