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Bis zu 100 Firmen „ernsthaft gefährdet“ : Autozulieferern droht Pleitewelle

  • -Aktualisiert am

Im Dezember Insolvenz angemeldet: Autozulieferer Wagon Automotive im unterfränkischen Waldaschaff Bild: ddp

Binnen vier Wochen haben fünf Autozulieferer mit 10.000 Beschäftigten Insolvenz angemeldet. Nun droht der Branche eine Pleitewelle, es macht bereits das Unwort von einem "Insolvenz-Tsunami" die Runde. 100 Firmen gelten als „ernsthaft gefährdet“.

          Der deutschen Autozulieferindustrie droht eine Pleitewelle. In der Branche macht bereits das Unwort von einem "Insolvenz-Tsunami" die Runde. Eine genaue Prognose darüber, wie viele Zulieferer zahlungsunfähig werden könnten, traut sich zwar keiner der Fachleute zu. Bis zu hundert Firmen gelten jedoch als ernsthaft gefährdet. Laut einer KPMG-Umfrage erwarten 90 Prozent der Zuliefer-Manager eine steigende Zahl von Pleiten. Als Hauptursachen nennen sie Umsatzverluste, zu hohe Kosten, Schulden und Pensionsverpflichtungen.

          Die gesamte Zulieferbranche zählt in Deutschland mehr als 320.000 Beschäftigte. In den vergangenen vier Wochen hat es bereits fünf Betriebe erwischt. Allein diese Unternehmen beschäftigen rund 10.000 Mitarbeiter und kommen addiert auf einen Umsatz von fast 2 Milliarden Euro. Größte Pleiten waren der Leverkusener Bremsbelaghersteller TMD Friction sowie der in Holland ansässige Antriebswellenproduzent Tedrive und der Schallisolationsspezialist Stankiewicz aus Celle. Bei TMD hatten Hedge-Fonds den Kredithahn zugedreht, obwohl das Unternehmen operativ Gewinn erzielte. Was auffällt: Alle drei Pleitebetriebe gehörten Beteiligungsgesellschaften - nämlich Montagu, Orlando und Gilde Buyout.

          Zulieferer im Eigentum von Finanzinvestoren gelten als besonders gefährdet

          Zulieferer, die sich im Eigentum von Finanzinvestoren befinden, gelten als besonders gefährdet. Der Grund: Ihre Besitzer haben ihnen die Kreditlast für die meist hochgradig kreditfinanzierten Übernahmen aufgebürdet und sind oft nicht in der Lage, frisches Geld nachzuschießen. Beispiele großer Zulieferer im Eigentum von Private-Equity-Fonds sind der Remscheider Scharnierhersteller Edscha (Carlyle), die Motorengießerei Honsel aus Meschede (Ripplewood) sowie Neumayer-Tekfor (Barclays). Andererseits haben Finanzinvestoren ihre Beteiligungsunternehmen oft frühzeitig zum Kosten sparen gedrängt. "Ich würde deshalb nicht allgemein sagen, dass Unternehmen in der Hand von Finanzinvestoren gefährdeter sind", sagt Norbert Wittemann vom Unternehmensberater PRTM.

          Insolvent: Bremsbelaghersteller TMD Friction in Leverkusen

          Für die Misere der Zulieferer machen manche Akteure der Branche schlicht die Autohersteller die Schuld verantwortlich: Anstatt an der eigenen Produktivität zu arbeiten, hätten die meisten Konzerne versucht, ihre Ertragsprobleme auf die vorgelagerten Wertschöpfungsstufen abzuwälzen. 2008 kam dann der Absatzeinbruch hinzu. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) rechnet 2009 mit einem Rückgang der Neuzulassungen in Deutschland von 3,1 Millionen auf 2,9 Millionen. Die Bestellungen aus dem Ausland brachen im Dezember um ein Drittel ein.

          Zu dem außergewöhnlich schnellen und starken Abschwung gesellt sich nun auch noch die Kreditklemme. Zwar werden grundsätzlich noch immer neue Darlehen zur Verfügung gestellt. Die Banken vergäben sie aber oft nur noch zu prohibitiv hohen Zinsen, heißt es in der Branche. Einerseits nähmen Geldhäuser den Rettungsschirm der Bundesregierung in Anspruch, der ihnen ermöglichen soll, die Wirtschaft weiterhin mit Krediten zu versorgen. Andererseits sähen die Institute sich nicht in der Lage, die Liquidität der Realwirtschaft tatsächlich sicherzustellen - und wenn, dann nur zu hohen Kosten.

          Verworfene Idee: Hilfsfonds für Zulieferer, in den die Autofirmen einzahlen

          Dabei geht es bei vielen Zulieferern mit solider Auftragslage nur um Überbrückungskredite für Betriebsmittel. Der VDA hatte im Fall des Zulieferers Stankiewicz auf die Pauke gehauen: "Wir fordern die Banken - gerade auch die Landesbanken - auf, rasch zu handeln und den Zulieferfirmen kurzfristig Kredite einzuräumen und bestehende Kreditzusagen einzuhalten", hieß es Mitte November. Genutzt hat der Appell wenig: Zwar verständigten sich Anfang Dezember Banken, Kunden und Lieferanten darauf, ein Rettungskonzept zu erarbeiten. Doch vier Wochen später musste Stankiewicz trotz der Bemühungen Insolvenz anmelden.

          Um die Liquidität bei den Branchenunternehmen zu sichern, erreichte der VDA aber zumindest, dass die Politik mehrere Maßnahmen ergreift. So durften auch die Autobanken unter den Rettungsschirm schlüpfen, und die Staatsbank KfW stellte zusätzliche Milliarden für Betriebsmittelkredite an Mittelständler zur Verfügung. Gleichzeitig wurden die Gelder der Europäischen Investitionsbank für Forschung und Entwicklung aufgestockt. Nicht weiterverfolgt wurde die Idee des VDA, einen Hilfsfonds für angeschlagene Zulieferer einzurichten, in den die Fahrzeughersteller einzahlen sollten.

          Hersteller können es sich nicht leisten, Lieferanten in Konkurs gehen zu lassen

          Diese stehen aber selbst oft unter Druck: "Manche Hersteller strecken ihre Zahlungsziele, weil sie stark von der Absatzkrise betroffen sind und ihre Liquidität schwindet", sagt Wittemann. Es gebe jedoch auch Hersteller, die - ganz im Gegenteil - die Zulieferer stützen, indem sie ihre Rechnungen früher bezahlen als bisher. "Die Zulieferer sind die Träger der Innovationskraft", sagt Wittemann. Die Hersteller könnten es sich deshalb schlicht nicht leisten, Lieferanten wichtiger Autoteile in den Konkurs gehen zu lassen. In einzelnen Fällen versuchen die Zulieferer auch, höhere Preise durchzusetzen. "Ohne Verhandlungen mit den Herstellern über Mindermengenzuschläge kommen viele gar nicht mehr über die Runden", berichtet Walter Bickel, Deutschland-Chef der Restrukturierungsberatung Alvarez & Marsal.

          Am besten gemeistert wird die Liquiditätsknappheit von Zulieferern, die Kapazitäten flexibel abbauen. So konnte kürzlich die Motorengießerei Honsel gerade noch rechtzeitig das Ruder herumreißen. Das Unternehmen aus dem sauerländischen Meschede, das mit einem Auftragsrückgang um fast ein Drittel rechnet, trennte sich von Leiharbeitern und ließ Zeitarbeitsverträge auslaufen. Danach handelte Honsel mit den Banken für die laufenden Kredite eine Zinsstundung bis Ende März aus. Nun tickt die Uhr.

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