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Biotechnologie in Rhein-Main : Gen-Schnipsel, Insulin und Bakterien als Goldschürfer

Brutkasten: Die Brain AG in Zwingenberg züchtet im Reaktor allerlei Bakterien für Anwendungen wie das sogenannte Green Mining zur Rohstoffgewinnung. Bild: Helmut Fricke

Ist von Biotechnologie in Rhein-Main die Rede, geht es meistens um Biontech. Dabei haben die Mainzer Krebsforscher noch kein Produkt am Markt. Andere in der Branche sind weiter. Ein Firma ist sogar ein Börsenstar.

          Alles Biontech oder was? Fast könnte der Beobachter den Eindruck gewinnen, das Unternehmen aus Mainz sei mittlerweile der Mittelpunkt der regionalen Biotechnologie-Branche. Schließlich haben die Krebsforscher wie berichtet sage und schreibe 270 Millionen Euro von internationalen Investoren erhalten. Das ist selbst für die Milliarden verschlingende Wirkstoff-Forschung ein namhafter Betrag. Das Geld soll in die Entwicklung individuell zugeschnittener Impfstoffe gegen Tumore fließen. Mit diesem Geschäftsmodell fügt Biontech sich gut ein in die Reihe von Firmen, die auf personalisierte Medizin setzen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Gewiss ist Biontech mit seinen mittlerweile fast 700 Mitarbeitern ein Vorzeigeunternehmen in der Region. Zumal das Rhein-Main-Gebiet in der öffentlichen Wahrnehmung hinter andere deutsche Biotech-Regionen wie München und den Rhein-Neckar-Raum zurücktritt. Dabei haben die Mainzer noch kein Produkt am Markt; in zwei bis drei Jahren soll es soweit sein. Nun ist das keineswegs ungewöhnlich: „Therapieentwickler wie Biontech brauchen einige Jahre, bis sie am Ziel sind, das liegt in der Natur“, heißt es bei Bio Deutschland, dem Branchenverband der Biotechnologie hierzulande. Doch drängt der mediale Wirbel um die Mainzer andere regionale Unternehmen aus diesem noch recht jungen Wirtschaftszweig in den Hintergrund.

          Neuartige Süßstoffe sorgen für Umsatzphantasie

          Darunter sind große Adressen wie der Merck-Konzern in Darmstadt, der seit September über eine Zulassung für einen Antikörper zur Immuntherapie gegen eine bestimmte Hautkrebsart verfügt, und Sanofi in Frankfurt-Höchst mit seiner Insulin-Sparte und Umsätzen in Höhe von mehreren Milliarden Euro mit diesen Arzneimitteln für Zuckerkranke. Vor allem aber prägen Mittelständler in Frankfurt und an der Bergstraße diese Branche. Mögen diese Unternehmen auch unterschiedliche Geschäftsfelder beackern, so eint sie doch eines: Sie erzielen steigende Umsätze und machen teils ansehnliche Gewinne. Und eine Firma hat gerade mit ihrer Aktie an der Frankfurter Börse ein Rekordhoch erreicht: die Brain Biotechnology AG.

          Bevor Biontech in den Blickpunkt gerückt ist, sonnten sich die Zwingenberger in der Rolle des Aushängeschilds. Diesem Vertreter der sogenannten weißen Biotechnologie gelang vor zwei Jahren etwas Seltenes: der Börsengang eines deutschen Biotech-Unternehmens. Seitdem hat sich die Brain-Aktie prächtig entwickelt. Für 9 Euro je Schein ausgegeben, ist der Titel zu Wochenbeginn bis auf 26,10 Euro geklettert. Höher stand Brain noch nie im Kurs. 470 Millionen Euro ist der Mittelständler wert. Die Umsätze halten mit der Bewertung aber nicht annähernd Schritt. 24,1 Millionen Euro hat Brain in seinem Geschäftsjahr 2016/17 erlöst. Das Betriebsergebnis wurde mit roter Tinte geschrieben und belief sich auf minus 5,8 Millionen Euro. Doch für dieses Geschäftsjahr trauen Analysten, die Brain bewerten, der von Mitgründer Jürgen Eck geführten einen kleinen Gewinn zu.

          „Brain macht tolle Sachen“, heißt es bei Bio Deutschland. Die Zwingenberger liefern zum Beispiel gewisse Eiweißstoffe, die Waschmittel wirksamer machen. Sie haben biotechnisch bearbeitete Bakterien im Portfolio, die Kohlenstoff fressen und in Vorstufen von Bioplastik verwandeln. Andere Kleinstlebewesen aus den Brain-Laboren nehmen winzige Edelmetallpartikel etwa aus gewässertem Elektroschrott Huckepack und ermöglichen auf diese Weise das Recycling von Gold und Silber, das sonst verloren ginge. Nicht zuletzt arbeitet die Firma an neuartigen Süßstoffen und hat damit einen internationalen Riesenmarkt im Blick. Das sorgt im Verein mit den Patenten, über die Brain verfügt, für Umsatzphantasie.

          Rhein-Main „sehr wichtiger Hub“ der Biotechnologie

          Biospring ist nicht an der Börse und erfährt weniger Aufmerksamkeit als die Zwingenberger. Auch sitzt die Firma nicht in einem schicken Gründerzentrum, sondern in einem Chemiepark im Frankfurter Osten. Doch schreibt die 1997 aus der Goethe-Universität heraus gegründete Biospring GmbH Jahr für Jahr kleine Millionengewinne. Außerdem holen die Gründer Sylvia Wojczewski und Hüseyin Aygün immer mehr Leute in ihr Unternehmen. Im Sommer 2008 zählte sie 25 Mitarbeiter, bald werden es 120 sein, wie Wojczewski sagt. Biospring stellt in Fechenheim synthetisches Erbgut her, sogenannte DNA-Schnipsel für Diagnose und Therapie. So etwas machen auf der Welt nur noch zwei weitere Unternehmen. Im vergangenen Jahr haben Wojczewski und Aygün ihre Produktionskapazität nach eigenen Worten aufgrund der Nachfrage von Kunden vervierfacht. Der Hintergrund: Experten erwarteten mehr Zulassungen für Medizinprodukte auf Basis von DNA-Schnipseln.

          Dass die Biotech-Branche in Rhein-Main hinter der Konkurrenz aus dem Raum München mit börsennotierten Unternehmen wie Morphosys und Medigene zurücktritt, erachtet Wojczewski nicht als tragisch. Rhein-Main verfüge über sehr erfolgreiche Branchenvertreter, die schon signifikante Geschäfte machten.

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          So beginnt der Tag in Frankfurt und Rhein-Main: das Wichtigste in Kürze, mit Hinweisen auf mobile Blitzer, Straßensperrungen, Gaststätten.

          Zu ihnen gehört auch Biologis aus dem Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie. Die Firma steht auf zwei Beinen: einem Diagnosedienstleister und einem Datenbank-Betreiber. Diese Datenbank liefert Antworten auf die Frage, wie Gene die Wirkung von Arzneien beeinflussen. Mit EU-Geldern führt Biologis dieses System in den klinischen Alltag europäischer Länder ein. Vor diesem Hintergrund gilt Rhein-Main beim Verband Bio Deutschland als „sehr wichtiger Hub“ der Biotechnologie. Und wenn die Biontech AG, die unter anderem mit Sanofi kooperiert, wie geplant Erfolg hat, steigt die Bedeutung der Biotech-Region Rhein-Main noch.

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