https://www.faz.net/-gqe-8xdes

Biotech : Ein Adidas-Schuh aus Seide

Der Schuh aus Kunstseide Bild: Adidas

Eine kleines Start-up stellt künstliche Seide her und spinnt daraus das Obermaterial für einen Laufschuh von Adidas. Das soll bald im ganz großen Stil funktionieren.

          Textilindustrie? In Deutschland? Das klingt nicht nach Zukunft, sondern nach Geschichtsbuch. Schon vor mehr als 170 Jahren hat Heinrich Heine seine berühmte Ballade über die Not der schlesischen Weber geschrieben („Deutschland, wir weben dein Leichentuch“). Seitdem ging es stetig bergab, Spinnräder und Webstühle schauen wir uns heute gewöhnlich nur noch im Museum an, Jeans und T-Shirts werden viel billiger in Asien gefertigt.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die kleine Biotechfirma Amsilk aus Martinsried bei München glaubt trotzdem daran, mit Fasern und Fäden das ganz große Geschäft machen zu können. Und da sie nicht nur so potente Geldgeber wie die Zwillingsbrüder Thomas und Andreas Strüngmann auf ihrer Seite weiß, die mit dem Verkauf des Arzneimittelherstellers Hexal zu Milliardären geworden sind, sondern auch den Dax-Konzern Adidas, sollte man die Idee besser ernst nehmen.

          Denn Amsilk hält, verkürzt gesagt, das Patent auf ein Verfahren zur künstlichen Herstellung von Seide. Dafür haben Forscher herausgefunden, dank welcher Information in ihrem Erbgut Spinnen in der Natur Seidenproteine herstellen können. Dann haben sie Bakterien gezüchtet, die nun ebenfalls diesen Mechanismus beherrschen und, wenn sie nur mit genug Zuckerlösung versorgt werden, in großen Kesseln tagein, tagaus nichts anderes mehr tun, als die gewünschten Proteine auszustoßen.

          „Es geht um Material für Millionen von Schuhen“

          Das ist Biotechnologie, mal nicht für neue Medikamente oder Pflanzensorten, sondern für neue Werkstoffe. Amsilk liefert sie auch an die Kosmetikbranche, die ihre Produkte gerne „sanft wie Seide“ wirken lassen will, außerdem an Medizintechnikhersteller, die damit Implantate beschichten. Aber besonders eingängig ist, was das im Jahr 2008 gegründete Start-up nun mit Adidas vorhat.

          „Biosteel“ heißt das Material in diesem Fall. Viel reißfester als natürliche Seide und etwa 15 Prozent leichter als das bei Sportschuhen herkömmliche Polyester seien die Fasern, sagt der Amsilk-Geschäftsführer Jens Klein, der früher für den Chemiekonzern Evonik tätig war. Das geringe Gewicht ist interessant für alle, die schnell laufen wollen. Für alle Umweltfreunde – und das grüne Gewissen von Adidas – zählt noch ein anderer Aspekt: Für die Produktion der Fasern wird kein Rohöl gebraucht, das Material verrottet später auf dem Kompost.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Bis Ende des Jahres, kündigt Klein an, sollen die ersten prominenten Werbeträger mit dem neuen Laufschuh ausgestattet werden; aber auch Normalsterbliche sollen ihn kaufen können. Der Preis ist noch unbekannt, aber das nötige Kleingeld fürs Premium-Segment sollte man übrighaben. Auf Dauer peilt der Amsilk-Chef den Massenmarkt an. „Es geht um Material für Millionen von Schuhen“, sagt er. Nicht nur Läufer, auch Fuß- und Basketballspieler sollen Kunden werden.

          Klein sucht deshalb nun die passenden Fabriken samt Personal, um die Seidenfaser künftig im großen Stil herzustellen, also in drei Schichten und rund um die Uhr. Am Grundstoff sei kein Mangel, die Bakterien sind fleißig und genügsam. Aber danach muss aus dem weißen Proteinpulver eine Faser werden. Da liegt die größere Herausforderung. „Entscheidend ist die Spinnkapazität“, sagt Klein. „Wir schauen uns dafür auch stillgelegte Standorte in Deutschland und im europäischen Ausland an.“ Vielleicht kehrt so bald neues Leben in eine aufgegebene Textilfabrik ein. Heinrich Heine hätte wieder was zu dichten.

          Weitere Themen

          Schlechte Aussichten

          Deutsche und Commerzbank : Schlechte Aussichten

          Die Hauptversammlungen von Deutscher und Commerzbank haben einmal mehr gezeigt: Wer glaubt, die Unabhängigkeit der Geldhäuser sei ungefährdet, könnte eines Morgens aufwachen und sich verwundert die Augen reiben.

          60 Satelliten auf einmal ins All Video-Seite öffnen

          Internet 2.0 von SpaceX : 60 Satelliten auf einmal ins All

          Die erdnahen Trabanten stellen die erste Stufe eines geplanten Netzwerks des Internetdiensts Starlink dar, das Hochgeschwindigkeits-Internet für zahlende Kunden auf der ganzen Welt zur Verfügung stellen soll. Starlink ist ein Projekt des Unternehmers Elon Musk.

          Nach langem Anlauf fusioniert Video-Seite öffnen

          T-Mobile US und Sprint : Nach langem Anlauf fusioniert

          Ein Zusammenschluss der Nummer drei und Nummer vier des amerikanischen Mobilfunkmarktes war in den vergangenen Jahren schon zwei Mal gescheitert. Jetzt steht nur noch das Justizministerium als einzige Hürde im Weg.

          Topmeldungen

          Die Konzernzentralen von Deutscher und Commerzbank in Frankfurt am Main

          Deutsche und Commerzbank : Schlechte Aussichten

          Die Hauptversammlungen von Deutscher und Commerzbank haben einmal mehr gezeigt: Wer glaubt, die Unabhängigkeit der Geldhäuser sei ungefährdet, könnte eines Morgens aufwachen und sich verwundert die Augen reiben.

          Nach Mays Ankündigung : Brexit-Opfer

          Das Brexit-Thema wurde May wie zuvor schon Cameron zum politischen Verhängnis – und es ist eine Last, die auch die kommende Regierung nicht einfach abschütteln kann. Die EU allerdings auch nicht.
          Erst der Anfang: Dem „Spiegel“ stehen grundlegende Neuerungen bevor.

          Bericht zu „Spiegel“-Skandal : „Ein verheerendes Bild“

          Fünf Monate nach dem Bekanntwerden seines Fälschungsskandals hat der „Spiegel“ den Abschlussbericht seiner internen Untersuchung vorgelegt. Er offenbart eine Verkettung missachteter Warnungen.
          Kam 1996 auf den Markt: das Schmerzmittel Oxycontin

          Amerikanische Opioid-Tragödie : McKinsey berät Purdue nicht länger

          Die amerikanische Opioidkrise hat schon Tausende Amerikaner das Leben gekostet. Im Zentrum der Tragödie steht das Pharmaunternehmen Purdue. McKinsey hat nun die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen eingestellt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.