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Unternehmen in Mainz : BioNTech sorgt für Geldregen

An seinem Unternehmensitz in Mainz will BioNTech groß investieren. Bild: Imago

BioNTech ist nicht nur ein Unternehmen, das die Welt verändert. Mit den Gewerbesteuern des Impfstoff-Entwicklers wollen die Stadtoberen die Schulden abbauen und ein Netz aus Biotech-Unternehmen ansiedeln. Eine historische Chance für die Fastnachtshochburg.

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          Der kometenhafte Aufstieg des Mainzer Impfstoffherstellers BioNTech sorgt bei der Stadt für einen nie gekannten Geldregen. Statt mit einem Haushaltsminus von 36 Millionen Euro rechnen die Oberen der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt alleine für dieses Jahr mit einem Überschuss von sage und schreibe einer Milliarde und neunzig Millionen Euro. Im nächsten Jahr sollen es noch einmal fast eine halbe Milliarde Euro werden. „Damit bietet sich Mainz eine historische Chance“, sagt Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD). Für den grünen Finanzbürgermeister Günter Beck ist die neue Ausgangslage schlicht „historisch“. Den genauen Anteil der BioNTech-Gewerbesteuern nennt die Stadt nicht, aber er dürfte fast doppelt so hoch liegen wie das gesamte Gewerbesteueraufkommen aller Mainzer Unternehmen. Dank des Erfolges seines Covid-Impfstoffes hat BioNTech alleine im ersten Halbjahr 3,9 Milliarden Euro verdient.

          Bernd Freytag
          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          Die Mainzer Stadtoberen wollen mit dem Geld nach eigenem Bekunden klug umgehen, Schulden tilgen und Mainz von der Apotheke der Welt zum weltweit anerkannten Standort für Biotechunternehmen machen, zum „Biotech-Hub“, wie sie im Gespräch mit der F.A.Z erzählen. Dreißig Hektar an potentiellen Flächen haben die beiden schon ausgeguckt: darauf soll ein Netz aus Biotech-Unternehmen entstehen – im Zusammenspiel mit der Universität, dem Universitätsklinikum und den schon ansässigen Forschungseinrichtungen.

          Eine Milliarde Euro will die Stadt in den nächsten zehn Jahren dafür investieren, bis zu 5000 neue Arbeitsplätze könnten so entstehen, sagt Ebling. Ihm gehe es darum, das Momentum zu nutzen. BioNTech habe Mainz in der Welt sichtbar gemacht. Kaum ein Winkel, aus dem sich noch kein Journalist gemeldet habe.

          Mainz als neues Biotech-Zentrum

          Die „goldenen Wunschlisten“, die jetzt ohne Frage aus vielen Teilen der Stadt ebenfalls im Rathaus einlaufen werden, will Finanzdezernent Beck „erst mal nach hinten ziehen.“ Stattdessen sollen die Schulden runter. Nach seinen Worten will die Stadt mit dem BioNTech-Geld bis 2022 alle Kassenkredite in Höhe von 634 Millionen Euro zurückzahlen und so ganz neue Investitionsmöglichkeiten schaffen. Man können den Pensionsfonds der Stadt neu aufstellen und überlegen, Verwaltungsgebäude auf eigene Kosten zu bauen und nicht mehr verteilt über die Stadt zu mieten. Auch das spare auf Dauer Geld. Die Debatte, wer wann wie viel Geld bekommt, dürften nun erst beginnen. Noch hat der Stadtrat die Pläne der Bürgermeister nicht abgesegnet.

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          Ein Teil des Geldes soll den Unternehmen zugute kommen. Mit einem Seitenhieb auf das benachbarte reiche Ingelheim, den Hauptsitz des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim, kündigte Beck an, den Gewerbesteuerhebesatz auf eben den von Ingelheim deutlich zu senken. Damit würden die Mainzer Unternehmen im kommenden Jahr um 350 Millionen Euro entlasten. Zudem soll der gesenkte Steuersatz die Rahmenbedingungen für neue Biotechunternehmen weiter verbessern. Mainz werde alles tun, um weitere Firmen anzusiedeln, und so mit dem Geld ein gutes Fundament für die Zukunft zu schaffen, sagte Beck. Um die hundert Firmen, so schätzen die Stadt, könnten sich in den nächsten zehn Jahren rund um das „ Biotech-Mainz-Netzwerk“ ansiedeln.

          BioNTech investiert weiter

          Mainz will dauerhaft nicht von BioNTech abhängig sein, das ist ebenfalls Teil der neuen Strategie. Die Gewerbesteuern sollen sich auf mehr und neue Schultern verteilen. Fälle, in denen der Haushalt einer Stadt wesentlich an einer Firma hängt, gibt es bis heute in Hülle und Fülle, einige Firmen tragen sogar den Ort im Namen, wie Boehringer Ingelheim oder B.Braun Melsungen. Sindelfingen hatte einst im Überschwang der Gewerbemillionen von Daimler sogar Zebrastreifen aus Carrara-Marmor verlegt.

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          Die Abhängigkeit von BioNTech sei allen Beteiligten klar, auf der anderen Seite „erleben wir ein sehr belastbares Commitment“, wie Ebling sagte. Commitment bedeutet in diesem Fall: Die BioNTech-Gründer, das Ehepaar Ugur Sahin und Özlem Türeci, haben sich entschieden, weiter in Mainz zu investieren. Tatsächlich werde nach Darstellung der Stadt an allen drei Standorten zur Zeit gebaut. Aktuell beschäftige das Unternehmen etwa 1500 Menschen, weitere 500 Stellen seien ausgeschrieben. Eine ehemalige Kaserne unmittelbar neben der Hauptverwaltung an der mittlerweile bekannten Adresse „An der Goldgrube“ ist ebenfalls als Erweiterungsfläche für BioNTech vorgesehen.

          Eine Stadt, die die Welt verändert

          Wenn die Stadt ihre Schulden tatsächlich wie vorgesehen tilgt, kann sie sich auch vom ungeliebten Gängelband der Trierer Dienstaufsichtsbehörde ADD befreien. Die Aufsicht muss bis dato den Haushalt der hochverschuldeten Stadt genehmigen, was immer wieder zu Streit geführt hat. Im Sommer hatte die Behörde den Haushalt 2022 komplett gekippt, weitere Sparbemühungen und eine Erhöhung der Grundsteuer gefordert.

          Mit den BioNTech-Millionen könnte sich die Lage der Stadt nun fundamental verändern. Ebling geht davon aus, dass die von BioNTech mit erdachte und für den neuartigen Impfstoff wesent­liche mRNA-Technologie die Welt genauso verändern könnte wie dereinst die Druckkunst, die schließlich ebenfalls in Mainz, von Johannes Gutenberg, entwickelt worden sei. Für erste ist jedenfalls der Spaß zurück in der Fastnachtshochburg Mainz. „Der Haushalt“, sagt Ebling, „hat noch nie soviel Spaß gemacht.“

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