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Bio-Pionier Rapunzel : „Uns wird es sicher niemals bei Aldi oder Lidl geben“

  • -Aktualisiert am

Joseph Wilhelm: Der Unternehmer hält sein ältestes Produkt in den Händen – Müsli. Bild: Jan Roeder

Die Allgäuer sind seit mehr als 40 Jahren eine feste Größe in der Bio-Branche. Hier wurde aus Idealismus ein beachtlicher Erfolg. Das Unternehmergespräch mit Joseph Wilhelm, Gründer und Geschäftsführer von Rapunzel.

          4 Min.

          Ist das hier wirklich ein Örtchen tief im Unterallgäu oder nicht doch eine Revoluzzerhochburg in einem rebellischen Großstadtviertel? Der bunte Bulli in Flower-Power-Optik auf dem alten Molkereigelände sieht nach wilden siebziger Jahren aus. Und das gelbe Ortsschild davor trägt eine politische Botschaft: gentechnikfreie Zone. Die Adresse, Rapunzelstraße 1, führt zur Lösung.

          Uwe Marx
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Hier in Legau, nahe der bayerisch-baden-württembergischen Grenze, ist der Hauptsitz des Bio-Pioniers Rapunzel Naturkost, der sich seit Mitte der siebziger Jahre ökologisch-vegetarischem Essen verschrieben hat: Müslis, Ölen, Nüssen, Trockenfrüchten, Brotaufstrichen und so weiter. 600 Produkte verkauft Rapunzel heute, der Jahresumsatz beträgt 185 Millionen Euro. Aus dem kleinen Augsburger Bio-Laden von einst, in dem Idealismus und Naivität Hand in Hand gingen, ist einer der führenden Bio-Hersteller Europas geworden. Aber die Anfänge sind noch immer präsent.

          In Legau ist Rapunzel mit Abstand die größte Attraktion. Der Ort hat eine Handvoll Häuser, keinen Bahnhof, dafür aber ein Unternehmen mit Dauerausstellung zur eigenen Geschichte, einem kleinen Kino und mehr als 200 von insgesamt knapp 600 Beschäftigten; im nahen Bad Grönenbach steht das eigene Logistikzentrum. Ehrensache, dass in Legau neben der Produktion und reichlich Büros ein Bio-Laden dazugehört. Das nächste „Eine-Welt-Festival“ auf dem Rapunzel-Gelände ist in Vorbereitung, ein 20 Meter hoher Aussichtsturm seit kurzem der neue Besuchermagnet, und an einem der vielen Gebäude wird schon wieder angebaut. Das Unternehmen floriert. Absehbar war das nicht. „Ich hatte nie den Plan, wohlhabend zu werden“, sagt Joseph Wilhelm. Er gehörte mit seiner damaligen Frau jener Selbstversorger-Gemeinschaft auf einem Bauernhof bei Augsburg an, die die Keimzelle von Rapunzel war. „Der finanzielle Erfolg war uns egal. Stattdessen hatten wir eine klare Vorstellung von einer lebenswerten Zukunft.“

          Den Idealen praktisch folgend

          Daran hat sich nichts geändert. Wilhelm – 63 Jahre alt, Sommerhose, Freizeithemd, lässige Lederschuhe, keine Socken – ist bis heute das Gesicht des Unternehmens. Ein vitaler Bauernsohn, der seit Jahrzehnten seinen Idealen folgt – mit Sinn für das Praktische, nicht fürs Dogmatische. Als er 1974 Rapunzel mitgründete, die ersten Brote im Holzofen backte und die ersten Müslis mischte, war er ein wilder Lockenkopf mit Fidel-Castro-Bart und einer einfachen Idee: Er wollte gesunde Lebensmittel aus kontrolliert-biologischem Anbau herstellen. Das, was er und einige Gleichgesinnte sich vorstellten, gab es zum Teil noch gar nicht zu kaufen. Von der Lockenpracht ist nach all den Jahren nichts mehr übrig, aber die Idee blieb.

          Was aus ihr im Einzelfall werden kann, lässt sich an dem Nuss-Nougat-Aufstrich Samba erkennen, den Rapunzel vor fast 30 Jahren auf den Markt brachte. Er gehört zu den erfolgreichsten Produkten des Unternehmens und sollte anfangs vor allem eine Alternative zu Nutella und Co. sein – den Kindern war das Naschen ja doch nicht auszutreiben. Heute steht in Legau eine Abfüllanlage für Samba und Nussmuse, die eine Kapazität von 36 Tonnen am Tag hat. Gleich nebenan packen Verpackungsroboter an. Mit Süßem kennt sich Rapunzel aus: Das Unternehmen, das in Margit Epple eine zweite Geschäftsführerin hat, brachte auch die erste Bio-Schokolade der Welt auf den Markt.

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