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Bildung : Wirtschaft verlangt mehr Horte an Grundschulen

  • -Aktualisiert am

Einschulung in Frankfurt an der Oder: Die meisten Horte schließen um 15 Uhr, einige Eltern bräuchten jedoch längere Betreuung über Kinder Bild: ZB

Jede siebte Grundschule bietet keine Nachmittagsbetreuung an. Die Wirtschaft fordert ihren Ausbau. Sonst kommen berufstätige Eltern in die Bredouille.

          Die Nachmittagsbetreuung von Grundschulkindern ist nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) unter 5000 Grundschulen in vielen Gebieten mangelhaft. Das Angebot decke den Bedarf nicht. Selbst in Schulen, die Betreuung anböten, wünschten sich Eltern zusätzliche Betreuung. „Dieser Nachfrage muss dort, aber insbesondere auch an den Schulen nachgekommen werden, die bisher noch keine Betreuung anbieten“, verlangte Kammern-Präsident Hans Heinrich Driftmann. Vor allem in Westdeutschland müsse das Angebot stärker und schneller ausgeweitet werden, um an das weitgehend gute Betreuungsniveau in Ostdeutschland Anschluss zu finden.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Derzeit biete jede siebte Grundschule keine Nachmittagsbetreuung an, ergab die DIHK-Umfrage. Nur 6Prozent der Horte betreuten die Kinder auch noch nach 17 Uhr; jede fünfte Schule mache dagegen vor oder um 15 Uhr zu. Stark ausgeprägt bleibt der Ost-West-Unterschied. Fast alle ostdeutschen Schulen haben eine Nachmittagsbetreuung, in Westdeutschland gebe es weiße Flecken.

          Auch reiche das bestehende Betreuungsangebot nicht aus, um den Bedarf vor Ort zu decken. So berichte gut ein Viertel der Grundschulen vom Wunsch nach längeren Öffnungszeiten und ein Drittel nach mehr Betreuungsplätzen. Dennoch plane die Hälfte dieser Schulen keinen Ausbau des Angebots. Der DIHK vermutet als Grund dafür fehlende Mittel. Ein weiterer kritischer Punkt seien die Schulferien, die mit zwölf Wochen im Jahr länger seien als die Kita-Ferien. Doch nur 22 Prozent der Grundschulen organisierten eine Betreuung für die gesamten Ferien. „Das ist ein Riesenproblem für berufstätige Eltern, die durchschnittlich nur sechs Wochen Urlaub haben“, sagte Driftmann. Zwar gebe es Unternehmen, die für ihre Mitarbeiter Angebote organisieren, etwa ein Büro für die Hausaufgaben nach der Schule bereitstellen oder mit Sportvereinen kooperierten. Aber letztlich sei „die Bereitstellung der Kinderbetreuung“ eine Aufgabe der Länder. Der verstärkte Ausbau der Ganztagesschulen sei „ein richtiger Ansatz“. Denn gerade die „zu kurzen“ Öffnungszeiten stellten Familien vor große Herausforderungen. Immer wieder seien beispielsweise Eltern, die im Handel tätig sind, gezwungen, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Weil die Betreuungszeiten an den Grundschulen sich nicht an den Bedürfnissen der Familien, Eltern und Betriebe orientierten, müssten diese die Folgen ausbaden, sagt Driftmann.

          Immerhin böten gut die Hälfte der Grundschulen den Eltern eine individuelle Auswahl und Abrechnung der Tage, an denen sie ihre Kinder betreuen lassen wollten. Allerdings gehöre bei drei von vier Grundschulen Sprachförderung nicht dazu, auch nicht in Kooperation mit externen Anbietern. An vier von fünf Schulen würden regelmäßig Hausaufgaben betreut, 75 Prozent der Grundschulen bieten ein warmes Mittagessen. Der DIHK appellierte an die Schulen, sich mehr für Kooperationen zu öffnen. So könnten sie die immer höheren Zusatzanforderungen erfüllen, die Eltern und Gesellschaft etwa in den Bereichen musikalischer Bildung, Sport und Sprachen an sie richteten. Applaus erhielt Driftmann vom SPD-Bildungspolitiker Ernst Dieter Rossmann. Ohne verlässliche Betreuung in Kita und Schule bleibe die Vereinbarkeit von Familie und Beruf Wunschdenken. Er bekräftigte das Verlangen seiner Partei nach dem Ausbau der Ganztagesschulen in Deutschland und einem Rechtsanspruch für jedes Kind auf einen Ganztagsplatz spätestens ab 2020.

          In Deutschland gibt es 16 300 Grundschulen, davon 6800 Ganztagesschulen. Es sei unklar, wie viele der anderen Schulen nachmittags mit Horten oder anderen Trägern kooperierten, hieß es beim DIHK. Die Ergebnisse der Befragung seien deshalb „nicht unmittelbar auf die Gesamtsituation der Grundschulen übertragbar“.

          Nur jede fünfte Schule

          bietet Betreuung während der langen Ferien an -

          "ein Riesenproblem für die Eltern", warnt der DIHK.

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