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Prager Hoffnungswert : Bierbrauen als Erbe der Weltkultur

Prost! Bild: AP

Der Abwärtstrend beim Bierkonsum kennt viele Gründe: veränderte Konsumgewohnheiten, Corona, die Inflation. Kann die UNESCO Tschechiens Bierbrauer retten?

          3 Min.

          Der Bierdurst der Tschechen ist weltberühmt. Seit Jahren führen sie unangefochten die Weltranglisten der biertrinkenden Nationen an – mit weitem Abstand zum Beispiel vor Österreich, Deutschland und Polen. Doch auch in der Tschechischen Republik verliert die Tradition der Brauwirtschaft unter dem Einfluss der Corona-Pandemie und durch veränderte Lebensgewohnheiten an Bedeutung.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          „Als Unternehmer durchleben wir eine schwierige Zeit“, sagt František Šámal, der Vorstandschef des Tschechischen Verbands der Brauereien und Mälzereien, die 60.000 Arbeitsplätze bieten. Noch sei die Covid-Pandemie nicht abgeklungen, „und wir stehen bereits vor anderen, noch nie da gewesenen Herausforderungen: Inflation, der Krieg in der Ukraine, steigende Inputkosten und Rohstoffknappheit.“ Kann die jetzt betriebene Aufnahme in das UNESCO-Verzeichnis der immateriellen Weltkulturgüter den Abwärtstrend stoppen?

          Denn abwärts geht es mit dem Bierkonsum auch bei den Nachbarn im Südosten. Im Jahre 2009 hatte er mit 153 Litern je Person seinen bisherigen Höchststand erreicht. 2020 waren es noch 135 Liter, im vergangenen Jahr fiel der Konsum nach jüngsten Angaben des Brauereien- und Mälzereien-Verbands auf 129 Liter. Das sind zwar immer noch 40 Liter mehr, als ein Durchschnittsdeutscher mit 95 Litern konsumierte, markiert aber das niedrigste Niveau seit 1989, wie das tschechische Statistikamt ausweist.

          Noch besser vermarkten

          Um fast 3 Prozent sank der Ausstoß allein im vergangenen Jahr – von 20,2 auf 19,6 Millionen Hektoliter. Gut zwei Drittel davon, 14,3 Millionen Hektoliter, wurden im Inland abgesetzt. „In zwei Jahren Covid hat jeder Einwohner bereits 30 Pint weniger getrunken, und mit 129 Litern haben wir die fünftniedrigste Menge überhaupt erreicht“, resümiert der Verbandsvorsitzende František Šámal. Ein Grund dafür ist der Einbruch des Tourismus während der Pandemie, als Kneipen, Traditionsgaststätten und Restaurants nicht nur für Einheimische versperrt blieben.

          Daran allein liegt es aber nicht, dass die Nachfrage nach Pilsner Urquell, Budweiser, Gambrinus oder Staropramen in Böhmen und Mähren seit Jahren zurückgeht. „Wir folgen dem Trend, der in Westeuropa vor 30 Jahren herrscht“, sagt der Biermarktexperte Tomáš Maier von der Tschechischen Universität für Landwirtschaft der Nachrichtenseite idnes.cz. Während die ältere Generation starker Trinker aussterbe, griffen Jüngere auch zu Craft-Bieren und anderen Getränken. Maier setzt darauf, dass der Rückgang des heimischen Verbrauchs gestoppt werden kann, wenn die Pandemie überwunden sei.

          „Handwerkliches Bierbrauen“

          Auch Bauereiverbandschef Šámal sieht einigen Anlass zur Zuversicht. Trotz des Produktionsrückgangs habe man mit dem Export von tschechischem Bier das zweitbeste Ergebnis der Geschichte erreicht. Gut ein Viertel des Gerstensafts ging in den Export, das Gros mit 2,7 Millionen Hektoliter nach Polen, Deutschland, Österreich und die Slowakei. Ein Teil des Defizits aus dem mageren Reisejahr 2021 wurde also dadurch kompensiert, dass man den Trinkern das Bier nach Hause verkaufte.

          Flaschenbier bleibe mit einem Anteil von 45 Prozent am gefragtesten, der Anteil der Dosenbiere nehme zu. Auch wachse das Interesse an Bierspezialitäten. Entsprechend habe man auch für dieses Jahr „eine Menge Bierneuheiten vorbereitet“. Die reichten von Spezialitäten „zu verschiedenen Anlässen und Jubiläen oder neue Geschmacksrichtungen von alkoholfreien Bieren“, heißt es.

          Tschechiens Bierbrauer gehen also auch hier mit der Mode, wollen aber zugleich die Tradition ihrer bis auf das 13. Jahrhundert zurückreichenden Braukunst bewahren – und sie noch besser vermarkten. Deshalb streben sie die Aufnahme der tschechischen Bierkultur in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes an.

          Zunächst soll „Bierkultur als Phänomen der tschechischen Volkskultur“ in der Liste der immateriellen Güter der traditionellen Volkskultur in der Region Pilsen erscheinen. „Aber es ist noch ein weiter Weg bis zum Jahr 2026“, sagt Šámal. Er glaube fest daran, dass die tschechische Bierkultur auf die renommierte UNESCO-Schutzliste komme. Belgisches Bier und Bierkultur hätten das im Jahr 2016 auch geschafft.

          In Deutschland steht das „handwerkliche Bierbrauen“ lediglich auf der nationalen Liste immateriellen Kulturerbes. Tschechien hat dagegen schon bewiesen, dass es versteht, seine Volkskunst auch international schützen zu lassen: Denn Falknerei, Puppentheater und mundgeblasener Weihnachtsschmuck etwa stehen schon auf der Liste der UNESCO.

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