https://www.faz.net/-gqe-u7fn

Bezahlen in der EU : Grenzenlos bargeldlos

  • Aktualisiert am

Bargeldlos zahlen wird einfacher Bild: F.A.Z.-Dieter Rüchel

Die EU-Finanzminister haben sich auf die Einführung eines einheitlichen EU-Zahlungsverkehrsraums verständigt. Die Kunden sollen in Zukunft auch im Ausland an jedem Geldautomaten mit jeder Bankkarte Geld erhalten, die Gebühren könnten deutlich sinken.

          3 Min.

          Die EU-Finanzminister haben sich auf die Einführung eines einheitlichen europäischen Zahlungsverkehrsraums (Sepa) verständigt. Das sagte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück am Dienstag in Brüssel. Damit können grenzüberschreitende Überweisungen, Kartenzahlungen und Lastschriften in der EU künftig so kostengünstig und sicher sein wie innerhalb eines Mitgliedstaates. Eingeführt werden soll Sepa im Jahr 2008.

          Durch die Vereinheitlichung der bisher national unterschiedlichen Systeme und Gepflogenheiten könnten die Gebühren für Zahlungen sinken, hofft die EU-Kommission. Sie rechnet mit 50 bis 100 Milliarden Euro niedrigeren Kosten pro Jahr. Die Geldhäuser werden mit der Rechtsrichtlinie zwar nicht gezwungen, auf die neuen Methoden umzustellen, haben sich aber freiwillig dazu verpflichtet. Das Europäische Parlament wird voraussichtlich Ende April die Richtlinie verabschieden. In nationales Recht wären die Vorgaben dann voraussichtlich erst im Herbst 2009 umgesetzt, also ein Jahr nach dem Start von Sepa.

          Vorteile für die Kunden

          Schon jetzt dürfen zwar grenzüberschreitende Überweisungen in der EU per Verordnung nicht teurer sein als Inlandszahlungen. Doch herrschen nach wie vor große Preisunterschiede für Zahlungsdienste. Techniken und Standards sind von Land zu Land verschieden. Der Kunde kann zum Beispiel mit Bankkarten nicht überall bezahlen.

          Durch Sepa könnten sich nun einige spürbare Vorteile ergeben: Bereits ab dem kommenden Jahr soll es im EU-Ausland grundsätzlich möglich sein, mit jeder Bankkarte an jedem Geldautomaten Geld abzuheben. Auch die in Deutschland hohen Gebühren für den Auslandseinsatz sollen sinken. Damit will die EU großen Kreditkartenfirmen wie Visa und Mastercard das Wasser abgraben, die Geschäften hohe Kosten verursachen. Überweisungen sollen auf dem Konto künftig bereits nach einem Tag gutgeschrieben werden. Bisher dauert es drei Tage oder länger. Bei Überweisungen ins EU-Ausland müssen auch weiter die internationale Kontonummer IBAN und die internationale Bankleitzahl BIC angegeben werden.

          Abbuchungen vom Konto sollen künftig nicht nur in Deutschland, sondern auch im EU-Ausland möglich sein. Damit können etwa Touristen schnell und sicher ihre Einkäufe zahlen. Vorteil: Der exakte Tag der Kontobelastung ist künftig bekannt. Zudem gibt es innerhalb von sechs Wochen ein Widerspruchsrecht. Davon werden Bankkunden nach Angaben der Institute aber frühestens 2010 in allen Staaten profitieren können. Nicht nur Banken, sondern auch private Gelddienstleister wie Western Union können künftig für Einzelkäufe Kleinkredite vergeben. Dieser Punkt war wegen der hohen Zahl überschuldeter Verbraucher umstritten. Nach dem Willen der Finanzminister sollen Kunden den Kredit, etwa beim Kauf eines Kühlschranks, innerhalb von zwölf Monaten abstottern. Das Europaparlament will dagegen eine strengere Frist von zehn Monaten. Hier könnte noch nachgebessert werden. Auch neue Zahlungsformen könnten bald EU-weit Wirklichkeit werden: Etwa das Bezahlen per SMS im Restaurant oder beim Zahnarzt, wie es in Belgien im Mai eingeführt wird.

          „Eine Summe, die ins Gewicht fällt“

          EU-Kommission und Europäische Zentralbank (EZB), die Antreiber des Projektes, wollen das Durcheinander beenden. Grenzüberschreitendes Wirtschaften und letztlich das Wachstum sollen damit gefördert werden. Um das zu erreichen, soll nicht nur der verschwindend geringe Anteil grenzüberschreitender Zahlungen, sondern der gesamte Inlandszahlungsverkehr einheitlich werden.

          Zu den möglichen Einsparungen von 50 bis 100 Milliarden Euro pro Jahr sagte Steinbrück: „Das ist eine Summe, die ins Gewicht fällt“. Er ist überzeugt, dass die in Deutschland bereits günstigen Bankdienste für die Verbraucher noch billiger werden.

          Aufwand wie bei der Euro-Einführung

          „Das ist, als würden alle Volkstänze in Europa vereinheitlicht“, verdeutlicht ein Zahlungsverkehrsexperte die Dimension des Vorhabens. Der Aufwand für Banken und Kunden ist nach Einschätzung der Bundesbank etwa so groß wie bei der Euro-Einführung. In den Banken und Sparkassen stehen Investitionen in Milliardenhöhe an. Privatkunden müssen sich an neue Überweisungsformulare gewöhnen und Aufträge zum Bankeinzug neu erteilen.

          Viel Arbeit kommt auf Großunternehmen zu, die wie Allianz oder Telekom von Millionen Kundenkonten Rechnungsbeträge einziehen und für die Euro-Lastschrift alle Ermächtigungen dazu erneuern müssen. Doch europaweit tätige Unternehmen haben auch Vorteile: Sie können ihren auf mehrere Länder verteilten Zahlungsverkehr an einem Standort konzentrieren und die Kosten deutlich senken.

          Viele Hürden

          Das Großprojekt hatte allerdings viele Hürden zu überwinden. Lange Zeit weigerten sich die Banken, den Zahlungsverkehr grundlegend zu überholen. Der Anteil der grenzüberschreitenden Zahlungen war zu gering, um den Aufwand zu rechtfertigen. Die EU drängte schließlich auf die große Lösung und erklärte zum Ziel, auch den Inlandszahlungsverkehr in Europa zu vereinheitlichen. Dennoch setzte die Politik stets auf die Selbstverpflichtung der Banken. Diese begannen mit den Vorbereitungsarbeiten 2002 und gründeten den europäischen Zahlungsverkehrsrat (EPC). Seit zwei Jahren steht der Zeitplan, 2008 mit Sepa zu beginnen. Ein Datum für das endgültige Aus der vertrauten nationalen Instrumente gibt es nicht. Die Banken wollen das abhängig machen von der Bereitschaft der Kunden, sich umzustellen.

          Ein wichtiger Kunde zieht bisher noch nicht richtig mit: die öffentliche Hand. Die Mitgliedsstaaten wollten keine Zusagen geben, zu den frühen Nutzern zu gehören, um rasch eine große Menge an Geldtransfers zu erreichen. Denn nur, wenn die Masse der Zahlungen mit den neuen Methoden erledigt wird, können die Kosten und Preise sinken. Die öffentlichen Verwaltungen in Deutschland wollen aber abwarten, ob Sepa-Zahlungen wirklich besser oder billiger als die bisherigen Verfahren sind. Damit kann es länger dauern als bis 2010, ehe alle Europäer einheitlich bezahlen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Diego Maradona : Die Schönheit des Spiels

          Keiner verkörperte den Fußball wie Diego Maradona – und das nicht trotz, sondern vielleicht gerade wegen seiner vielen Schwächen. Eine Würdigung dieser Jahrhundertfigur des Sports.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.