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Betrugsvorwürfe : Die Demontage von Goldman Sachs

  • Aktualisiert am

Die grünlich schimmernde Goldman-Sachs-Zentrale in New York überragt die Baustelle des World Trade Centers Bild: AP

Betrugsvorwürfe gegen Goldman Sachs dominieren derzeit die amerikanischen Zeitungen. Der Rufschaden ist riesig. Doch auch für die Börsenaufsicht steht viel auf dem Spiel. Gegen die mächtigste Investmentbank wird die Behörde nur vorgehen, wenn sie über genug Indizien verfügt. Eine Analyse von Norbert Kuls.

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          Der berühmte Investor Warren Buffett, mit seiner Gesellschaft Berkshire Hathaway größter Aktionär der amerikanischen Bank Goldman Sachs, hat bei einer Anhörung vor dem Kongress diese Losung ausgegeben: „Mitarbeiter sollen sich fragen, ob sie willens sind, dass irgendeine erwogene Handlung auf der Titelseite ihrer Lokalzeitung erscheint. Wenn sie diesen Test befolgen, werden sie meine andere Botschaft an sie nicht fürchten: Verliere Geld für die Firma, und ich werde Verständnis zeigen. Verliere auch nur einen Fetzen Reputation, und ich werde unbarmherzig sein.“

          Die Anhörung fand schon vor fast zwanzig Jahren statt. Damals hatte die Investmentbank Salomon Brothers mit einem Skandal zu kämpfen, und Buffett übernahm dort das Ruder. Zur jüngsten Kontroverse um Goldman Sachs hat sich Buffett noch nicht geäußert. Aber er dürfte sich eher unbarmherzig als verständnisvoll zeigen. Schließlich dominieren die Titelseiten der amerikanischen Zeitungen Betrugsvorwürfe der Börsenaufsicht SEC gegen Goldman.

          Allein die IKB verlor einen dreistelligen Millionen-Dollar-Betrag

          Die Investmentbank soll Kunden verschwiegen haben, dass der Hedge-Fonds Paulson & Co. bei der Auswahl von verlustträchtigen Papieren für ein komplexes Paket zweitklassiger Hypothekenanleihen beteiligt war. Solche Wertpapiere standen im Zentrum der Finanzkrise, und Goldman-Kunden wie die deutsche Bank IKB verloren mit diesem Anleihepaket einen dreistelligen Millionen-Dollar-Betrag, während Paulson auf Ausfälle bei Immobiliendarlehen und auf fallende Häuserpreise in Amerika wettete und damit Milliarden verdiente.

          Der Rufschaden von Goldman ist riesig, auch wenn die Bank die Vorwürfe zurückweist. Immerhin wurden ebenfalls E-Mails des angeklagten Goldman-Mitarbeiters Fabrice Tourre öffentlich, in denen er die von ihm geschnürten Anleihepakete als „Monstrositäten“ bezeichnet, deren Wirkung er selbst nicht ganz begriff. Als Kunden von Goldman in seinen Anlage-Giftmüll investierten, rechnete Tourre schon mit dem Zusammenbruch des „ganzen Gebäudes“. Man mag Tourre als Einzelfall eines etwas durchgedrehten Händlers abtun. Aber Goldman propagierte immer eine Unternehmenskultur, die den Kunden an die erste Stelle setzt und in der die Mannschaft mehr zählt als Einzelkämpfer. Daran lassen Typen wie Tourre zweifeln.

          Auch die SEC kämpft um ihren Ruf

          Der neue Chef der Strafverfolger bei der SEC, Robert Khuzami, ist ein erfahrener ehemaliger Staatsanwalt. Die SEC greift nun mit Goldman Sachs die mächtigste und einflussreichste Investmentbank der Wall Street an. Gegen einen solchen Gegner wird die SEC nur vorgehen, wenn sie über genug Indizien verfügt. Für die Behörde steht viel auf dem Spiel, auch sie kämpft um ihren ramponierten Ruf. Sie hat in der Finanzkrise eine schlechte Figur gemacht und spektakuläre Fälle wie den Milliardenbetrug des Börsenmaklers Bernard Madoff verschlafen.

          Das mag zum scharfen Vorgehen gegen Goldman Sachs beitragen. Mit einer überraschenden Presseerklärung während des Börsenhandels sorgte die SEC für hohe Aufmerksamkeit und große Kursabschläge für Goldman-Aktien. Die Behörde wird nun versuchen, Goldman als führendes Haus der Wall Street in die Knie zu zwingen, und auch von anderen Banken eine Abkehr von fragwürdigen Geschäftspraktiken fordern. Am Ende könnte eine stärkere Transparenz bei Produkten wie Anleihepaketen oder Derivaten stehen. Die Klage gegen Goldman Sachs könnte der Auftakt zu einer breiteren und schärferen Regulierung der Wall Street sein. Goldman Sachs hat aufgrund personeller Verflechtungen gute Verbindungen in die Washingtoner Politik, doch mindern die Ermittlungen Goldmans Einfluss auf die Reform der Finanzbranche im amerikanischen Kongress.

          Blankfein weist alle Vorwürfe zurück

          Die Börsenaufsicht spielt den Fall Goldman nach dem Drehbuch von Eliot Spitzer, der als New Yorker Generalstaatsanwalt vor Jahren die Branche wegen Interessenkonflikten von Aktienanalysten aufgemischt hatte. Damals attackierte Spitzer Merrill Lynch, wo sich ebenfalls Mitarbeiter mit E-Mails diskreditiert hatten. Am Ende unterzeichneten alle Investmentbanken ein außergerichtliches Abkommen.

          Die Manager von Goldman Sachs verweisen gern darauf, schneller als andere auf veränderte Situationen zu reagieren. Als die Interessenkonflikte von Analysten zum Thema wurden, gehörte der damalige Goldman-Vorstandschef und spätere Finanzminister Henry Paulson zu den Ersten, die Fehler einräumten.

          Nachfolger Lloyd Blankfein zögert hingegen. Er entschuldigte sich zwar für die Rolle seiner Bank in der Krise, überzeugte aber nicht. Denn gleichzeitig weist Blankfein alle Vorwürfe zurück, zuletzt in einem Brief an die Aktionäre (siehe auch Lloyd Blankfein: Der Kämpfer aus der Bronx). Auch bei der Kritik an hohen Boni lenkte Goldman erst im allerletzten Moment ein wenig ein. Jüngst hat Goldman „ungünstige Öffentlichkeit“ als neuen, wichtigen Risikofaktor für sein Geschäft definiert. Blankfein und seine Truppe sind für das plötzliche Auftreten dieses „Risikos“ verantwortlich. Bei Goldman Sachs ist mehr verlorengegangen als nur ein Fetzen Reputation.

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