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Betrugsfall in Südkorea : ABB-Manager verschwindet mit 100 Millionen Dollar

Muss sich gerade unangenehme Fragen gefallen lassen: ABB-Chef Ulrich Spiesshofer Bild: EPA

Die Geschichte klingt wie ein Krimi: Ein Manager des Schweizer Industriekonzerns ABB veruntreut in Südkorea 100 Millionen Dollar. Jetzt ist er abgetaucht und Interpol ermittelt.

          Es liest sich wie das Drehbuch für eine Vorabend-Krimiserie auf RTL2: Ein unscheinbarer Finanzangestellter in einer Industriefirma werkelt jahrelang brav vor sich hin. Doch hinter der Maske des unbescholtenen Familienvaters verbirgt sich kriminelle Energie. Geschickt umgeht er alle Kontrollen und zweigt Millionenbeträge aus dem Betrieb auf eigene Konten ab. Die Vorgesetzten merken nichts - bis zu dem Tag, an dem der Mann spurlos verschwindet. Die Suche beginnt. Und schon bald schwant den Ermittlern: Sie haben es mit einem ausgebufften Betrüger zu tun. Der Schaden ist gewaltig. Dieser Plot ist vermutlich zu simpel, um es jemals auf den Bildschirm zu schaffen. Aber für den Schweizer Industriekonzern ABB ist er so ähnlich gerade zur Realität geworden.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          „ABB hat in ihrer südkoreanischen Niederlassung kriminelle Handlungen in Verbindung mit Unterschlagung und Veruntreuung von Geldern erheblichen Ausmaßes aufgedeckt“, teilte das Unternehmen am Mittwoch mit. Konkret geht es um Oh Myung-se, den bisherigen Schatzmeister der ABB-Tochtergesellschaft in Seoul. In seiner Funktion als Kassenwart, der als sogenannter Vice-President im Rang nur eine Stufe unterhalb des lokalen Finanzchefs angesiedelt ist, soll er auf betrügerische Art rund 100 Millionen Dollar veruntreut haben.

          Oh Myung-se steht im Verdacht, systematisch Unterlagen und Bankdokumente gefälscht und dabei auch mit Dritten zusammengearbeitet zu haben. Dem Vernehmen nach ging es dabei offenbar „nur“ um persönliche Bereicherung. Bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass Gelder abgezweigt wurden, um Politiker oder Auftraggeber zu bestechen und zu schmieren.

          Massenweise Bankbelege und Bankauszüge fingiert?

          ABB hat die örtliche Polizei sowie Interpol eingeschaltet. Der Konzern äußert sich nicht zu den Details des Betrugs. Aber nach den Informationen aus der Pressemitteilung und aus verschiedenen Quellen in Seoul lässt sich folgender Hergang erkennen: Der Schatzmeister, ein Südkoreaner, der schon seit 20 Jahren in Diensten von ABB steht, hat zunächst im Kleinen angefangen, Geld beiseite zu schaffen. Als er damit nicht auffiel, wurden die Beträge langsam größer.

          Offenbar hat Oh Myung-se massenweise Bankbelege und Bankauszüge fingiert. Dabei ging er nicht nur überaus akribisch vor. Für einen Betrug dieses Ausmaßes muss er Verbündete gehabt haben. Vermutlich saßen externe Bankmitarbeiter mit im Boot. Ob es auch intern Komplizen gegeben hat, ist noch unklar und Gegenstand der Ermittlungen. Aufgeflogen ist der Schatzmeister offenbar nicht, weil interne Kontrollen nicht gegriffen hätten. Seine Vorgesetzten schöpften erst Verdacht, als ihr Kassenwart plötzlich nicht mehr zur Arbeit erschien. Das war am 7. Februar.

          Als er auch am nächsten Tag unentschuldigt fehlte und telefonisch nicht erreichbar war, läuteten die Alarmglocken. Oh Myung-se ist abgetaucht, hat seine Ehefrau mit den zwei Kindern sitzen lassen. Vermutlich ahnte er, dass die Sache bald auffliegen würde. Vielleicht gab es eine ihn belastende Forderung einer Bank, von der der Schatzmeister wusste, dass er sie nicht verschleiern würde können. Die Ermittler haben seine Spur aufgenommen - bisher allerdings ohne Erfolg.

          Veröffentlichung des Geschäftsberichts muss verschoben werden

          ABB selbst hat eine ganze Heerschar von Spezialisten eingesetzt, um den illegalen Strom der veruntreuten Gelder nachvollziehen zu können - natürlich auch in der Hoffnung, wenigstens einen Teil davon wieder zurückzuholen. Zugleich prüft das Unternehmen, ob Dritte für den Schaden in Anspruch genommen werden können. Dazu dürften wohl auch die Wirtschaftsprüfer zählen. Einstweilen wird der Vorfall allerdings die Ertragsrechnung spürbar belasten. Wegen der laufenden Untersuchung verschiebt der Konzern die Veröffentlichung des Geschäftsberichts auf den 16. März. Bisher hatte der Vorstand nur untestierte Zahlen vorgelegt.

          Demnach betrug der Gewinn im vergangenen Jahr 1,96 Milliarden Dollar. Nun werden es wohl rund 100 Millionen Dollar weniger sein. Nach Aussage von ABB handelt es sich um einen Einzelfall: Man habe sofort die Bankkontostände in aller Welt überprüft und festgestellt, dass der Missstand ausschließlich Südkorea betreffe. ABB verfolge eine Nulltoleranzstrategie in Bezug auf unethisches Verhalten. Trotzdem oder gerade deshalb stellt sich nun auch die Frage nach personellen Konsequenzen.

          Diese richtet sich nicht nur an das ABB-Management in Südkorea, sondern auch an jenes im Hauptquartier in Zürich. Für das Controlling im Konzern ist naturgemäß der Finanzvorstand Eric Elzvik zuständig. Nach dessen Rücktritt muss allerdings niemand mehr rufen: Wie bereits im Oktober angekündigt, wird Elzvik den Konzern in Kürze verlassen. Seinen Posten übernimmt Anfang April der bisherige Nokia-Finanzchef Timo Ihamuotila. ABB kommt in Südkorea auf einen Umsatz von weniger als 1 Milliarde Dollar. Auch in dieser Relation ist der veruntreute Betrag von 100 Millionen Dollar stattlich, selbst wenn er sich über viele Jahre aufsummiert hat. In Seoul beschäftigt der Konzern rund 800 Mitarbeiter.

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