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Betrug : Versicherer auf der Suche nach schwarzen Schafen

Unfall oder nicht - das ist hier die Frage Bild: picture-alliance / dpa

Seit 1993 gibt es eine Warndatei der Versicherer mit Daten von 4 Millionen Personen und 5 Millionen Fahrzeugen. Nun stellt sich die Branche neu auf. Doch Verbraucherschützer bleiben skeptisch. Den Schaden schätzt der Verband auf jährlich 4 Milliarden Euro.

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          Kaum war das neue iPhone 4 auf dem Markt, häuften sich plötzlich die Meldungen über Haftpflichtschäden beim iPhone 3. Die Steigerung der Fälle sei "signifikant" gewesen, sagt Peter Philipp, Experte für Sachkriminalität beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Bei elektronischen Geräten hat die Assekuranz häufig mit falschen Angaben ihrer Kunden zu kämpfen.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin in der Wirtschaft.

          "30 Prozent aller gemeldeten Laptop-Schäden sind Betrug", stellt Thomas Lämmrich fest, beim GDV für Kriminalitätsbekämpfung zuständig, und schildert einen typischen Fall. Eine Vase sei auf den Laptop gefallen, hatte der Kunde behauptet. Die Schilderung passte jedoch nicht zu den Erkenntnissen des Gutachters, der verschiedenste Schäden an dem Gerät nachwies. Die Folge: Wegen bewusst falscher Angaben wurde der Kunde an das Hinweis- und Informationssystem (HIS) gemeldet, die sogenannte "Schwarze Liste" der Branche.

          Verband sieht Betrug hinter jedem zehnten Schadensfall

          Seit 1993 gibt es diese Warndatei der Versicherer mit Daten von 4 Millionen Personen und 5 Millionen Fahrzeugen. Sie soll dem Kampf gegen den Versicherungsbetrug dienen, der sich laut GDV hinter jedem zehnten Schadensfall verbirgt. Den Schaden aufgrund fehlerhafter oder betrügerischer Angaben schätzt der Verband auf jährlich 4 Milliarden Euro.

          Dabei geht es nicht nur um "Autobumser-Banden", die absichtlich Autos anfahren und die Schäden abrechnen. Häufig betroffen sind auch die Privathaftpflicht- und die Hausratversicherung. Bei Online-Versteigerungen beschädigter Elektrogeräte werde oft eine Anleitung mitgeliefert, auf welche Weise der Schaden am geschicktesten der Versicherung zu melden sei, berichtet Philipp.

          Schwarze Liste soll transparenter werden

          Die meisten Versicherungskunden wissen nicht von der Liste, an der Datenschützer seit Jahren herbe Kritik üben. Auf den Druck hin wurde das HIS zum 1. April auf neue Beine gestellt. Transparenter soll es sein und den Datenschutzbestimmungen entsprechen. Die Daten werden nicht mehr vom GDV gesammelt und auf CD-ROM verschickt, sondern als Online-Auskunftei von einem eigens gegründeten Unternehmen der Bertelsmann-Gruppe verwaltet. Auch erfolgt die Abfrage getrennt nach Versicherungssparten, so dass es kein "Gesamtprofil" eines Kunden gibt.

          Zudem wurde die Möglichkeit der 100 beteiligten Versicherer eingeschränkt, sich über Kunden auszutauschen. Schon seit zwei Jahren gilt, dass Versicherte eine Nachricht erhalten, sobald sie dem HIS gemeldet werden. Auch haben Kunden die Möglichkeit, beim Betreiber postalisch unter Beifügen einer Ausweiskopie anzufragen, ob sie eingetragen sind (Rheinstraße 99, 76532 Baden-Baden). Zudem kann man sich über fehlerhafte Einträge beschweren. Gelöscht werden die Daten nach fünf Jahren. Nicht beteiligt am System sind die privaten Krankenversicherer.

          Datenschutzrechtlich stelle die neue Datenbank eine Verbesserung dar, sagt Thorsten Rudnik, Sprecher des Bunds der Versicherten (BdV). An der grundsätzlichen Kritik aber hält er fest: "Der Versicherungsbetrug spielt bei HIS nur eine untergeordnete Rolle." Die meisten der registrierten Personen hätten mit Betrug nichts zu tun, würden aber unter einen Generalverdacht gestellt. Im Fall eines Eintrags müsse man damit rechnen, dass ein Versicherungsantrag abgelehnt werde, ohne richtig geprüft worden zu sein, sagt Rudnik. Beim GDV wird ein solcher Automatismus bestritten. Nur bei 15 Prozent aller Kunden führe ein HIS-Eintrag dazu, dass eine Versicherung nicht zustande komme, heißt es.

          Verbraucherschützer bleiben skeptisch

          Die Kriterien, nach denen eine Meldung erfolgt, kritisiert BdV-Sprecher Rudnik als zu weitreichend. In der Rechtsschutzversicherung werden Kunden registriert, die vier Schadensfälle in zwölf Monaten gemeldet haben. Die Kraftfahrzeugsparte erfasst Autos, die einen Totalschaden erlitten haben oder bei denen hohe Schäden über Gutachten beglichen wurden. Auch Zeugen auffälliger Autounfälle können in die Liste geraten. Neuerdings kommt auch in die Datenbank, wer in der Sachversicherung drei Schäden innerhalb von 24 Monaten meldet - unabhängig davon, ob eine Auszahlung stattfindet.

          Gemeldet wird zudem jeder, der sich gegen Berufsunfähigkeit (BU) mit einer jährlichen Rente von mindestens 9000 Euro im Jahr abgesichert hat. Wird bei einer anderen Versicherung ein weiterer BU-Antrag gestellt, kann diese ab einer Summe von 12 000 Euro sehen, dass schon eine Absicherung besteht. Je näher die BU-Rente dem Einkommen komme, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit einer Berufsunfähigkeit, heißt es dazu als Begründung beim GDV. In der Liste befinden sich auch Kunden mit erhöhtem Risiko durch Beruf oder Hobby, wie etwa Sprengstoffexperten oder Fallschirmspringer. Ein Grund für einen Eintrag ist auch die Absicherung gegen den Todesfall ab 100 000 Euro.

          Darüber hinaus gibt es den sogenannten 60-Punkte-Katalog, den die Versicherungen im Schadensfall anlegen können, dessen Details aber nicht offengelegt werden. Nur so viel ist bekannt: Wer drei Monate nach Vertragsabschluss einen Schaden meldet, bekommt 20 Punkte. Im geschilderten Laptop-Fall gab es direkt 60 Punkte und damit eine Meldung an die Warndatei.

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