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Dubiose Geschäfte : Betrug in der Windindustrie

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Doch damit nicht genug: Den Mitarbeitern des Landvolks und von Tochterfirmen soll er viel zu hohe Gehälter gezahlt haben; überdies Honorare für Tätigkeiten, zu denen sie nach ihrem Arbeitsvertrag ohnehin verpflichtet gewesen seien. So sei die Frau des verbandseigenen Steuerberaters – bis dahin zuständig für „einfache Bürotätigkeiten“ – ohne jegliche Qualifikation zur „Windexpertin“ mit einem Monatsgehalt von mehr als 5000 Euro befördert worden. Obendrein habe sie 180.000Euro netto für die Erstellung von mehreren (nahezu identischen) Verkaufsprospekten bekommen.

Scheinrechnungen und zu große Spenden

Doch auch für Untergeschäftsführer und Steuerberater gab es ein Zubrot. 1,3 Millionen Euro haben sie für angebliche Planungsleistungen von Windparks erhalten. „Geradezu absurd“ findet das Anwalt Große Vorholt: Wenn sie diese Leistungen tatsächlich erbracht haben sollten, sei dies ohnehin auf Grundlage ihres Arbeitsvertrags geschehen. Die Aufklärungsarbeit gestaltet sich allerdings wegen löchriger Buchführung und ausgefallener Gesellschafterversammlungen schwierig – manche Zahlungen flogen erst auf, als die Prüfer sich von der Bank neue Kontoauszüge erstellen ließen. Belege, Rechnungen oder schriftliche Verträge waren oft nicht zu finden. In anderen Fällen handelt es sich laut Große Vorhalt um „typische Scheinrechnungen“.

Mit Spenden von insgesamt 1,1 Millionen Euro hat der frühere Vorsitzende demnach außerdem seine Kompetenzen überschritten. In einem Fall war er selbst Vorsitzender des Lenkungsgremiums der begünstigten Stiftung, im anderen Fall bekam seine Tochter dann vom Empfänger ein Stipendium. Und schließlich soll er bei einer Tochtergesellschaft eines Arbeitgeberverbands, dessen Präsident er war, ein „Konzept zur Beschäftigung von osteuropäischen Saisonarbeitern“ in Auftrag gegeben haben, das der Landvolk-Verband gar nicht gebrauchen könne.

Viele Vorwürfe könnten verjährt sein

Der einstige Vorstandsvorsitzende weist all diese Anschuldigungen entschieden zurück. In seiner langjährigen Tätigkeit habe er „stets die Interessen des Landvolks und seiner Mitglieder verfolgt und gewahrt“, teilte sein Hamburger Anwalt auf Anfrage mit. In allen Funktionen habe er „zum enormen wirtschaftlichen Vorteil des Landvolks und seiner Mitglieder“ gehandelt. Der Verteidiger zeigt sich überzeugt, dass alle Vorwürfe der Pflichtwidrigkeit oder persönlichen Bereicherung vollständig widerlegt würden.

Zivilrichter und Strafjustiz haben also noch einiges zu klären. Das fällt nicht leicht: Das Verfahren sei zu groß, um von einer regulären Staatsanwaltschaft bearbeitet zu werden, befand ein Strafverfolger aus Verden – ein Jahr nach Eingang der Anzeige. Die tatsächliche Dimension des Falls sei erst durch die umfangreichen Schriftsätze der Landvolk-Anwälte deutlich geworden. Auf seinen Wunsch kümmert sich nun eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität um die Ermittlungen. Den Verdächtigen spielt die Verzögerung in die Hände: Ein Großteil der Vorwürfe sei mittlerweile verjährt, fürchtet Große Vorholt.

Finanziell scheint sich das Engagement für die Alternativenergie jedenfalls ausgezahlt zu haben. Eine Rendite von 4760 Prozent auf die Kommanditistenanteile des einstigen Vorstandschefs und seines Geschäftsführers hat das Finanzamt ausgerechnet. Demnach strichen sie eine Gewinnzuteilung von jeweils 500.000 Euro auf die insgesamt von ihnen eingezahlten 21.000 Euro ein. Für Anwalt Große Vorholt hat diese Form der „Nachhaltigkeit“ auch eine politische Dimension: „Das Ganze zeigt die Krankheiten des Erneuerbare-Energien-Gesetzes – da wird mit viel Geld um sich geworfen.“

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