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Betriebsrenten : Unternehmen leiden unter absurd hohem Steuerzins

Büros in Frankfurt Bild: Reuters

Niedrige Zinsen lassen die Pensionsrückstellungen steigen, das Steuerrecht ignoriert diese Belastung. 100.000 Unternehmen sind betroffen. Das Institut der Wirtschaftsprüfer IDW fordert, den Zinssatz deutlich zu senken. Eine Studie zeigt: Diese Forderung ist berechtigt.

  • -Aktualisiert am
          2 Min.

          Die betriebliche Altersvorsorge belastet mittelgroße Unternehmen besonders. Denn niedrige Zinsen lassen die Pensionsrückstellungen steigen, was sich in den Bilanzen kleinerer und mittlerer Unternehmen gravierender auswirkt als bei größeren. Zudem ignoriert das Steuerrecht diese Belastung. Woran das liegt und wozu das führt, hat eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) untersucht. Auftraggeber war die Stiftung Familienunternehmen, die Ergebnisse liegen der F.A.Z. vor.

          Mark Fehr
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Betroffen sind Firmen, die ihren Mitarbeitern zugesagt haben, ihnen im Alter eine Betriebsrente zu zahlen. Das trifft laut IW auf 100.000 Unternehmen zu. Im Rahmen solcher Direktzusagen verdienen sich die Arbeitnehmer die spätere Rente durch ihre aktuelle Tätigkeit im Unternehmen, ohne dafür auf Teile ihres Gehalts verzichten zu müssen. Unternehmen müssen für diese Form der Vorsorge Pensionsrückstellungen in ihrer Bilanz aufbauen, um sich schon heute für die Last der späteren Rentenzahlungen an die künftigen Pensionäre zu wappnen.

          Das Steuerrecht ignoriert das historische Zinstief

          Das unterscheidet die Direktzusagen von einem anderen Modell der betrieblichen Altersvorsorge, bei dem Arbeitnehmer auf Teile ihres Gehalts verzichten und sich dadurch eine vom Arbeitgeber garantierte und verzinste betriebliche Rente ansparen. Für diese Gehaltsumwandlung sind keine Rückstellungen erforderlich.

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          Dagegen machten die für Direktzusagen aufgebauten Pensionsrückstellungen laut IW-Analyse 310 Milliarden Euro aus, deutlich mehr als in Zeiten, in denen die Zinsen am Kapitalmarkt noch höher waren. So sind für die Hälfte der Unternehmen die Pensionsrückstellungen je Mitarbeiter seit 2009 um mindestens 42 Prozent gestiegen, ohne dass sich deren Rentenzusage dadurch erhöht hätte. Grund für die größere Pensionslast ist vielmehr der Einbruch des Zinsniveaus. Das deutsche Handelsgesetzbuch verlangt, dass Unternehmen ihre Pensionsrückstellungen in der Bilanz mit einem durchschnittlichen Marktzins berechnen. Dieser hat sich seit der Finanzkrise 2008/2009 von 5 Prozent auf 2,3 Prozent mehr als halbiert. Sinkt der Rechnungszins, muss ein Unternehmen das für die spätere Rente nötige Kapital rechnerisch schon sehr viel früher zurücklegen.

          Da geht es Unternehmen ganz ähnlich wie Sparern, die sich wegen fehlender Zinsen deutlich stärker anstrengen müssen, um Vermögen zu bilden. Der durch das vorgezogene Sparen entstehende Aufwand mindert den Gewinn und das Eigenkapital der Unternehmen. So schätzt das IW, dass für jeden Prozentpunkt, den der Rechnungszins sinkt, die Pensionsrückstellungen in den Firmenbilanzen um insgesamt 40 bis 47 Milliarden Euro steigen. Im Durchschnitt haben sich die Pensionsrückstellungen je Unternehmen von 14 Millionen Euro im Jahr 2009 auf knapp 22 Millionen Euro im Jahr 2019 erhöht. Das entspricht einem Anstieg um 57 Prozent.

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          Diese Umbrüche spielen sich nicht nur auf dem Papier ab, sondern lassen die Unternehmen auch finanziell bluten. Grund ist, dass das Steuerrecht das historische Zinstief bisher ignoriert hat und weiter mit einem unrealistisch hohen Zins von 6 Prozent rechnet. Anders als in den für kaufmännische Zwecke erforderlichen Handelsbilanzen spiegelt sich der steigende Aufwand für die Pensionsrückstellungen in den für steuerliche Zwecke aufzustellenden Steuerbilanzen nicht wider. Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen, bezeichnet es als absurd, dass niedrige Rechnungszinsen die Gewinne und das Eigenkapital schmälerten, während die nicht erzielten Gewinne trotzdem besteuert werden müssten.

          Zwar hat das Bundesverfassungsgericht im August die hohe Verzinsung von Steuerschulden mit 6 Prozent für verfassungswidrig erklärt, doch eine Anpassung auch für das gesamte Steuerrecht fehlt bisher. Das Institut der Wirtschaftsprüfer IDW hat daher gefordert, auch den Zinssatz für die Abzinsung von Pensionsrückstellungen in der Steuerbilanz deutlich zu senken. Die Zahlen der IW-Studie zeigen nun, wie berechtigt diese Forderung ist.  

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