https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/betriebskitas-ein-herz-fuer-kinder-12055823.html

Betriebskitas : Ein Herz für Kinder

  • -Aktualisiert am

Kindergrippe „Sternchen“ der Daimler AG: Wenn Mama und Papa den Nachwuchs in guten Händen wissen, verbringen sie mehr Zeit im Unternehmen. Bild: Seuffert, Felix

Deutschlands Unternehmen werden familienfreundlicher. Sie richten Betriebskitas ein und zahlen die Notfallbetreuung. Dahinter steckt nicht nur Nächstenliebe, sondern auch Kalkül.

          6 Min.

          Deutschland ist ein kinderfeindliches Land. Hieß es zumindest vor 14 Tagen, nachdem in einer Umfrage nicht mal jeder siebte Deutsche seiner Heimat gute Bedingungen für Kinder attestiert hatte. Von „Deutschlands gescheiterter Familienpolitik“ ist die Rede. Zeitungen kritisieren, mahnen, verteufeln. Die Lebensbedingungen für Familien sind ein heißes Eisen geworden. Eines aber geht in der allgemeinen Erregung seit Jahren unter: In Deutschlands Betrieben tut sich etwas. Weitgehend unbemerkt von der Medienöffentlichkeit hat in den Unternehmen ein Bewusstseinswandel eingesetzt. Nicht ohne Eigennutz entdecken Firmenchefs und Personalverantwortliche ihr Herz für die Kinder der Mitarbeiter. Sie richten Betriebskindergärten ein oder buchen sogenannte Belegplätze bei einem heimischen Träger. Einige zahlen ihren Angestellten eine Notfallbetreuung. Andere erlauben es, dass der Nachwuchs gleich mit in die Firma kommt.

          Beispiel Siemens. Europas größter Elektrokonzern ist nach eigener Aussage das Unternehmen mit den meisten Betriebskitas in Deutschland. Schon 1100 Krippenplätze haben die Münchner an 21 Standorten geschaffen - und bauen schnell weiter. In den nächsten drei Jahren wollen sie ihre Kapazität auf 2000 Plätze fast verdoppeln. 40 Millionen Euro lässt sich der Konzern das kosten.

          Betreuungsplätze bei fast alles Dax-Konzernen

          Beispiel Commerzbank. Das Kreditinstitut hat schon 260 Betreuungsplätze. In diesem und dem nächsten Jahr sollen weitere 80 hinzukommen. Seit eineinhalb Jahren bietet die Bank ihren Angestellten zusätzlich einen Hort mit 80 Plätzen, in dem diese ihre Schulkinder nach Unterrichtsende bis 19 Uhr betreuen lassen können. Außerdem gibt es eine großzügige Notfallhilfe. Falls die reguläre Betreuung unerwartet ausfällt, werden die Kinder der Mitarbeiter stunden-, tage- und zur Not auch wochenweise betreut. Von 6 bis 22 Uhr, bei Bedarf auch am Wochenende. Bis zu 25 Tage. Alles ist kostenlos.

          Die beiden Großkonzerne sind bei weitem nicht die einzigen, die sich der Kinder ihrer Mitarbeiter annehmen. Fast alle Dax-Konzerne halten Betreuungsplätze vor, knapp die Hälfte baut gerade neue oder kauft weitere ein. Im März 2012 - das ist das jüngste verfügbare Erhebungsdatum - gab es nach Angaben des Statistischen Bundesamts 586 Betriebskitas in Deutschland. Das sind zwar nur etwas mehr als 1 Prozent aller Einrichtungen im Land, aber die Trendkurve zeigt aufwärts: Vier Jahre zuvor gab es lediglich 369 dieser Kitas. Entscheidender ist ohnehin die Zahl der Belegplätze. „Gerade kleine und mittlere Unternehmen buchen diese Plätze, weil sie sich keine eigene Betriebskita leisten können“, sagt Stefan Spieker, Geschäftsführer der Fröbel-Gruppe. Er muss es wissen: Sein Trägerverein betreut mehr als 10000 Kinder und betreibt in ganz Deutschland 125 Standorte. Dem Geschäftsführer zufolge kostet es rund 25000 Euro, einen neuen Platz einzurichten. Wer eine mittelgroße Kita mit 60 Plätzen bauen will, muss also erst einmal 1,5 Millionen Euro finanzieren können. Hinzu kommen die laufenden Kosten. Da ein Kitaplatz in vielen Fällen nur am Wohnort des Kindes, nicht aber am Standort des Betriebs staatlich bezuschusst wird, müssen zahlreiche Unternehmen ihre Kitas zudem ohne staatliche Subventionen bauen und betreiben.

          Weitere Themen

          Frieren in der Studentenbude

          Heute in Rhein-Main : Frieren in der Studentenbude

          Erneuter Lockdown an der Goethe-Uni nicht ausgeschlossen. Das Konzept Homeoffice steht auf dem Prüfstand. Und schön gestochene Tattoos gehen in Frankfurt unter die Haut. Die F.A.Z.-Hauptwache blickt auf die Themen des Tages.

          Topmeldungen

          Kabinettssitzung am 10. August 2022: Bundeskanzler Olaf Scholz mit Bundesfinanzminister Christian Lindner, im Hintergrund Bundesumweltministerin Steffi Lemke und Bundesfamilienministerin Lisa Paus

          Streit in der Ampel : Erst schlagen, dann vertragen

          Besonders von der SPD-Linken kommt scharfe Kritik an Lindners Steuervorschlägen. Solcher Streit ist in der Ampel nichts Ungewöhnliches. Die Zusammenarbeit klappt trotzdem.
          Das große Wasserrad samt der Königswelle, das alle Maschinen der Ratinger Fabrik am Laufen hält.

          Erste Fabrik in Deutschland : Wie eine Erfindung Europa auf den Kopf stellte

          Aus einer Mühle wurde vor 240 Jahren die erste Fabrik Deutschlands – das wälzte ganze Gesellschaften um und schuf riesige Reichtümer. Heute gibt es so viele Fabriken, wie noch nie zuvor. Wie sieht es mit ihrer Zukunft aus?

          Trauerfeier in Hamburg : Abschied von Fußball-Idol Uwe Seeler

          Er war einer der Größten, den der deutsche Fußball je hatte. Nun nahmen in Hamburg Tausende Abschied von der im Juli verstorbenen Sport-Ikone, darunter auch zahlreiche prominente Namen. Die Bilder im Überblick.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.