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Beteiligungsfonds : Vorstoß ins Abenteuerland

  • -Aktualisiert am

Pillen aus dem Hause Private Equity Bild: ddp

Die Private-Equity-Branche ist kurz davor, Neuland zu betreten und sich an Pharmakonzerne heranzuwagen. Die Beteiligungsfonds wollen die Konsolidierung der Branche selbst in die Hand nehmen.

          3 Min.

          In der Schweiz haben sie sich vor zwei Jahren noch die Zähne ausgebissen. Nun könnten die Firmenjäger dafür in Deutschland zuschnappen. Denn der Dax-Konzern Altana lotet den Verkauf seiner Pharmasparte aus, und im Bieterverfahren tummeln sich eine Menge Beteiligungsfonds. Sollte einer von ihnen zum Zuge kommen, würde er für die Private-Equity-Branche riskantes Neuland betreten.

          Noch nie wurde in der jüngeren Zeit ein größeres forschendes Pharmaunternehmen von Beteiligungsfonds erworben. „Das wäre der erste Fall", sagt Volker Booten, Partner von Price Waterhouse Coopers (PWC). Beim ersten größeren Versuch vor zwei Jahren unterlagen die Finanzinvestoren dem deutschen Bayer-Konzern im Rennen um das Geschäft mit rezeptfreien Produkten (OTC) des Schweizer Konzerns Roche.

          Die Branche durcheinanderwirbeln

          Glaubt man manchen Beteiligungsmanagern, streben diese nun nichts Geringeres an, als die Branche kräftig durcheinanderzuwirbeln. Im Gesundheitssektor waren Finanzinvestoren schon durchaus emsig. Dabei standen jedoch Biotechnologie-, Medizintechnik- und Diagnosegerätehersteller im Vordergrund.

          Zuletzt hatte die zum Wallenberg-Clan gehörende EQT Partners, die nun einer der Bieter für die Altana-Sparte ist, die schwedische Medizintechnik-Gruppe Gambro für mehr als 4 Milliarden Euro geschluckt. Das ist bislang eine der größten Transaktionen im Gesundheitsbereich durch privates Beteiligungskapital gewesen.

          Bisher nur Generika-Firmen übernommen

          Im Pharmasektor griffen sich die Beteiligungsfonds dagegen nur vereinzelt Unternehmen aus dem Bereich der Nachahmer-Medikamente (Generika) heraus. Eine der größten Übernahmen war der Kauf der dänischen Nycomed durch eine Allianz der drei Finanzinvestoren Blackstone, Nordic Capital und Credit Suisse Private Equity. Ebenjenes Bündnis bemüht sich nun um die Pharmasparte von Altana.

          In Deutschland schnappte sich der amerikanische Beteiligungsfonds Advent International die Generika-Sparte Viatris von Degussa. Und der britische Finanzinvestor 3i griff sich die beiden Pharmaunternehmen Betapharm und Lichtwer.

          Kaufen - umstrukturieren - verkaufen

          Betapharm und Viatris sind gute Beispiele für das Vorgehen der Beteiligungsfonds in der Generika-Branche. In beiden Fällen erwarben die Finanzinvestoren das Unternehmen, richteten sie neu aus und verstärkten deren Vertrieb und Marketing.

          Ein paar Jahre später verkauften sie sie wieder an Wettbewerber. Im Fall von Betapharm war die indische Dr. Reddy's Labs der Käufer, bei Viatris der schwedische Pharmakonzern Meda.

          Die Branche konsolidieren

          Doch mit ihrer Pirsch auf die forschende Pharmabranche verfolgen die Renditejäger ein ganz anderes Ziel. Sie wollen die Konsolidierung der Branche selbst in die Hand nehmen. Das haben sie schon vor einigen Jahren in der Chemiebranche vorexerziert. Finanzstarke Beteiligungsfonds wie Blackstone und KKR hatten mittelgroße Chemiefirmen wie Celanese oder Dynamit Nobel gekauft und durch weitere Zukäufe die Branche mit konsolidiert.

          Die Pharmabranche böte hierzu ein ähnlich gutes Spielfeld. Dieses Terrain ist geprägt von einer Vielzahl an nationalen, mittelgroßen Familienunternehmen, denen heutzutage oftmals das Geld fehlt, um allein die explodierenden Forschungskosten aufzubringen. Allein in der Krebsforschung (Onkologie) gibt es schätzungsweise mehr als 30 europäische Unternehmen mit einem Umsatz von 1 bis 2 Milliarden Euro, davon sind etwa 22 börsennotiert und somit potentiell zu vereinnahmen.

          Neue Einkaufsmacht

          Noch bis vor kurzem fehlte den Beteiligungsfonds für derartige Konzerne das Geld. Doch eine gute Handvoll von ihnen hat in den vergangenen beiden Jahren mehr als 10 Milliarden Dollar schwere Fonds geschlossen und kann nun mit einer geballten Einkaufsmacht den Markt aufmischen.

          „Fonds wie KKR, Blackstone oder Apollo schauen sich derzeit alle Übernahmekandidaten an, sofern sie nur eine bestimmte Größe haben - egal ob es ein Pharmakonzern oder ein Baustoffzulieferer ist“, sagt ein Beteiligungsmanager.

          Eine große Gemeinsamkeit

          Auf den ersten Blick scheinen Private Equity und Pharma freilich nicht gut zusammenzupassen: Die einen lieben niedrige Kosten und gekürzte Investitionen, die anderen hohe Forschungsausgaben. Bei genauerem Hinsehen gibt es aber eine große Gemeinsamkeit. Beide sind sehr renditeorientiert. Selbst wenn man die immensen Ausgaben für Forschung und Entwicklung abzieht, bleiben hohe operative Renditen von mitunter 30 Prozent im Jahr übrig.

          „Wenn man die Altana-Sparte für 5 Milliarden Euro kaufen und 4 Milliarden Euro davon mit Schulden finanzieren würde, dann könnte man die Kredite in weniger als fünf Jahren wieder abbezahlt haben“, erläutert ein Berater der Beteiligungsbranche. Und im Gegensatz zu anderen Branchen erhöht die Forschungspipeline eines Pharmaunternehmens wegen der hohen Risiken in der Regel nicht den Kaufpreis. „Wenn ich Microsoft kaufe, zahle ich einen Aufschlag von 30 Prozent für die kommende Produktgeneration. In der Pharmabranche zahle ich dafür nichts.“

          Pharmakonzerne können kaum noch abspecken

          Zur Chemiebranche besteht nach den Worten von PWC-Partner Booten ein großer Unterschied: Die meisten Pharmakonzerne sind schon sehr schlank, viel Spielraum für Kostensenkungen gibt es hier nicht. Es sei denn, man kauft weitere Unternehmen hinzu und bündelt deren Vertrieb und Marketing. „Die Strategie wird auch in diese Richtung gehen.“

          Der Haken daran: Auch wenn es viele mittelgroße Unternehmen gibt, heißt das noch lange nicht, daß sie auch zum Verkauf stehen - und wenn, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, daß ein Wettbewerber den Zuschlag erhält. „Die Pharmabranche macht das häufig unter sich aus“, sagt Thomas Spinner, Investment Director des Beteiligungsfonds Advent International.

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