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Beteiligung an Kohleprojekt : Australier legen Siemens Daumenschrauben an

Demonstranten im australischen Brisbane protestieren gegen ein geplantes Kohlebergwerk, das der indische Industriekonzerns Adani errichten will. Bild: dpa

Klimaaktivisten wollen die Deutschen daran hindern, die umstrittene Kohlegrube des indischen Adani-Konzerns zu beliefern. Angesichts der Feuer-Katastrophe wird es für Siemens-Chef Kaeser schwer, den Auftrag durchzuwinken.

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          Für PR-Strategen ist es einer der größeren anzunehmenden Unfälle: Ausgerechnet während verheerende Feuerwalzen im Südosten Australiens die Klimadebatte anheizen, muss Siemens über die Beteiligung am wohl umstrittensten Kohleprojekt weltweit dort entscheiden. Am 11. Dezember hatte der Konzern den Auftrag gewonnen, die Signaltechnik für die 200 Kilometer lange Eisenbahnlinie zwischen der geplanten riesigen Kohlegrube Carmichael des indischen Adani-Konzerns in Australien zu bauen. Schon damals griffen Umwelt- und Klimaschützer die Deutschen scharf an. Unter Druck ergriff der Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser am 15. Dezember die Initiative, indem er auf Twitter ankündigte, die Entscheidung zeitnah prüfen zu wollen. „Sie verdienen eine Antwort“, schrieb er seinen Kritikern.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Nun plant die Aktivisten-Gruppe Market Forces Opfer der australischen Brände, die etwa ihre Häuser verloren, zur Hauptversammlung von Siemens Anfang Februar nach München zu fliegen. Dort könnten sie Kaeser scharf angreifen, stimmte er nun dem Adani-Engagement zu: Denn zahlreiche Banken, Investoren und Versicherungen haben über die Jahre eine Zusammenarbeit mit der Kohleindustrie im Allgemeinen und Adani im Besonderen schon abgelehnt – so dass Siemens weiter isoliert würde. „Die Idee, eine neue Kohlegrube öffnen zu wollen, wenn schon ein Fünftel der Fläche Deutschlands in den australischen Feuern verbrannt ist, ist nichts anderes als ekelhaft“, sagt Market-Forces-Direktor Julien Vincent.

          Rolle des Klimawandels

          Die Buschfeuer spielen – so zynisch dies klingt – den Gegnern der Mine in die Hände und machen es für Kaeser schwer, den Auftrag noch durchzuwinken. Siemens sei „Ziel Nummer eins“ der Kampagne „Galilee Blockade“, die Adanis Mine verhindern will, sagt deren Sprecher Ben Pennings. In den Tagen der Katastrophe wird auch im konservativen Australien immer offensichtlicher, dass die Erderwärmung mit ihren Dürren in Australien Voraussetzungen schuf, die den Feuern nun Nahrung liefern. Zugleich treiben die Brände den Klimawandel weiter voran: Denn bislang sollen sie schon mehr als 340 Millionen Tonnen Kohlendioxid freigesetzt haben. Im ganzen Jahr 2018 hatte Australien aber nur 532 Millionen Tonnen emittiert – ohne verheerende Feuer. „Unsere Buschfeuer-Krise gibt einen Einblick in das, um was es geht“, sagt Pennings denn nun auch.

          Im Verhältnis ist der Auftrag auch für Siemens Australien klein, aber er könnte eine Richtungsentscheidung fordern. Denn wenn München Australiens Kohleminen nicht mehr akzeptiert, dürfte es unerklärlich werden, das Kohlegeschäft in Indien oder China zu ermöglichen. Der Vertrag aus Australien wird auf 31 Millionen Australische Dollar (19,14 Millionen Euro) taxiert.

          Ersatz für Siemens dürfte schwer zu finden sein

          Für den indischen Adani-Konzern könnte es freilich entscheidend werden, die Deutschen an Bord zu behalten. Ihm dürfte es schwer fallen, Ersatz für die Lieferung von Siemens zu finden. Dessen führende Konkurrenten bei der Signaltechnik, Alstom und Hitachi Rail, haben die Beteiligung an der rufschädigenden Kohleförderung schon abgelehnt, heißt es in Australien. Die australischen Gesetze aber fordern eine zeitgemäße Ausstattung der Bahnstrecken durch deren Eigentümer. „Adani braucht erstklassige Signaltechnik, um die Sicherheitsanforderungen zu erfüllen. Siemens ist der einzige verbliebene Hersteller, der Adani noch beliefern will. An dessen Entscheidung könnte Milliarden Tonnen Kohledioxid-Emissionen hängen“, sagt Pennings.

          Adani hatte schon massive Schwierigkeiten, die Finanzierung der riesigen Grube sicherzustellen. Es dauerte Jahre, die immer wieder neuen Umwelthürden der Bundes- und Landesregierung zu nehmen. Die Inder wollen die Kohle in ihr Heimatland liefern. Australische Kohle-Politiker – selbst der heutige Ministerpräsident Scott Morrison trat 2017 mit einem Brocken Kohle im Parlament auf – weisen darauf hin, dass die australische Kohle günstigere Brennwerte aufweise als die indische. Damit verbessere ihr Export weltweit die Klimabilanz sogar.

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