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„Bösartiges Bestechungssystem“ : Die schwarzen Kassen von Airbus

Wie viel wusste der ehemalige Airbus-Chef Tom Enders von dem Korruptionsskandal? Bild: dpa

Der europäische Flugzeughersteller Airbus schmierte jahrelang seine Kunden. Die Details, die nun ans Licht kommen, zeigen: Der Konzern ging schamlos und raffiniert vor. Doch was wussten die Chefs?

          4 Min.

          Jedes Jahr im Mai lässt Airbus die Weltpresse nach Toulouse zu den „Innovation Days“ einfliegen. Dort werden die Journalisten mit Daten, Grafiken und Fotos überschüttet, die nur ein Ziel haben: Die technische Überlegenheit der Airbus-Produkte zu belegen. Wie seit Freitagabend offiziell ist, sicherte dagegen oft ein viel banalerer Grund den „Erfolg“ der Produkte: Die Abnehmer waren gründlich geschmiert.

          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.

          Airbus ist der führende Flugzeughersteller der Welt, doch nun ist bekannt, dass der Aufstieg des europäischen Vorzeigeunternehmens lange Zeit auch auf Bestechungsgeld fußte. Justizbehörden aus Frankreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten haben dreieinhalb Jahre ermittelt. Mehr als 30 Millionen Dokumente – dreimal so viele wie die Panama-Papiere – hat Airbus den Behörden überstellt; Hunderte von Verhören, Dutzende von Haus- und Bürodurchsuchungen fanden statt.

          „Bösartiges Bestechungssystem“

          Das Ergebnis nahm eine zierliche Dame am Freitag im Gerichtssaal 2.13 des Pariser Justizpalastes entgegen. Umgeben von vier Anwälten stand Sylvie Kandé de Beaupuy, die Airbus-Direktorin für „Ordnungsmäßigkeit“ („compliance“), dem Richter Stéphane Noël gegenüber. Ja, sie stimme all dem Gesagten zu, sie danke den Behörden für die Zusammenarbeit und sei „erleichtert“. Danach zeichnete sie im Gerichtssaal die Summe von 2,08 Milliarden Euro ab, die Airbus schon wenige Stunden später direkt an den französischen Staatshaushalt überwies.

          Zeitgleich spielten sich ähnliche Szenen in Gerichtssälen in London und Washington ab – ein Novum in der Justizgeschichte. Airbus stimmte wegen der jahrelang betriebenen Bestechung einem Bußgeld von insgesamt 3,6 Milliarden Euro zu. 984 Millionen Euro davon gehen an die britische Regierung, 525 Millionen Euro an die Vereinigten Staaten. „Es handelte sich um ein allgegenwärtiges und bösartiges Bestechungssystem“, befand der amerikanische Richter Thomas Hogan.

          Schamlos und raffiniert

          Die Ermittlungsergebnisse zeigen, wie zielstrebig, schamlos und teilweise raffiniert Airbus in aller Welt Bestechungsgelder verteilte. Hüter über die schwarzen Kassen war die Airbus-Einheit „Strategy and Marketing Organisation (SMO)“. Zwischen 2008 und 2015 arbeiteten dort 150 Beschäftigte, die ein Budget von 300 Millionen Euro verwalten durften. Viele Airbus-Manager wussten, dass die SMO zumindest grenzwertige Geschäfte betrieb. Wenn ein Deal irgendwo hakte, wurde sie eingeschaltet. Was genau die SMO-Leute machten, wollten viele nicht im Detail wissen. Die Hauptsache war der Auftragsabschluss.

          Das Bestechungssystem funktionierte meist über den Umweg sogenannter „Business Partner“. Das sind externe Geschäftsleute, die eigentlich aufgrund ihrer Kenntnisse vor Ort Geschäfte anbahnen.

          In Ghana sollten beispielsweise Airbus-Militärmaschinen vom Typ C-295 verkauft werden. So wurde der Bruder eines hochrangigen ghanaischen Regierungsmitgliedes zum Business Partner erklärt. 2012 bezahlte Airbus 1,8 Millionen Euro an zwei Firmen, die dieser und ein britischer Geschäftsmann hielten – für den Verkauf von gerade einmal zwei C-295. In Sri Lanka wurde die Ehefrau eines Managers von Sri Lanka Airlines als Vermittler benutzt. „Airbus-Beschäftigte boten an, ihrer Briefkastenfirma bis zu 16,8 Millionen Dollar zu zahlen“, schreiben die Ermittler. Am Ende flossen zwei Millionen Dollar.

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