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Bertelsmann-Chef Thomas Rabe : Der Überflieger

Thomas Rabe läuft und rudert, um fit zu bleiben. Sein Ziel sind 100 Kilometer - in der Woche. Alternativ: 200 Kilometer Radfahren. Bild: Pilar, Daniel

Er muss Bertelsmann zu neuem Ruhm führen. Dafür stellt er alles auf den Kopf. Mit eiserner Disziplin kämpft er für das Comeback.

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          Es ist mitunter sieben Uhr morgens, wenn die Revolution in Europas größtem Medienkonzern beginnt. Ein hagerer Mann sitzt am Boden, sein Rücken ist gespannt, die Arme gestreckt. Die Beine schieben das Becken, die Hände halten zwei Griffe, sie ziehen an einem Stahlseil. Der Sportler Thomas Rabe rudert.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Nachher wird der Manager Thomas Rabe reden müssen, vor ein paar hundert Mitarbeitern, weltweit sind ihm 100.000 unterstellt. Sie alle will er mitnehmen auf diese Reise. Was soll er sagen? Dass der Konzern ein Wachstumsproblem hat? Nein, ein ausgeprägtes Wachstumsproblem, das klingt dramatischer. Der Sportler beugt die Knie, drückt das Becken auf dem Ergometer nach vorn.

          Rabe sucht den „Sense of Purpose“ für Bertelsmann

          Wie sieht die Zukunft aus? Kommt alles auf den Prüfstand? Zu radikal. Langfristig und schrittweise umbauen, das summt sanfter. Vielleicht stellt er den Mitarbeitern die Sinnfrage. Die Frage nach dem „Sense of Purpose“. Er liebt Englisch, die Sprache der Finanzwelt. 177 Jahre ist Bertelsmann alt, und jetzt steht er an der Spitze, endlich darf er führen. Doch welche Daseinsberechtigung hat dieses Imperium noch? Das ist die Preisfrage. Er muss sie beantworten, dafür haben sie ihn geholt. Thomas Rabe atmet ein. Die Hände ziehen am Seil.

          Ob er von seiner morgendlichen Ruderstunde erzählt oder über das, was er mit Bertelsmann vorhat - seit Thomas Rabe vor vier Monaten auf den Posten des Vorstandsvorsitzenden gerückt ist, halten die Bertelsmänner die Luft an am Stammsitz im ostwestfälischen Gütersloh, in Berlin, New York, Luxemburg. Überall dort, wo der Gigant mit 15 Milliarden Euro Jahresumsatz seine Geschäfte betreibt. Bertelsmann, das ist ein Konzern, der vieles macht: Fernsehen (RTL), Zeitschriften (Stern, Spiegel), Musikrechte (Iggy Pop, Nena). Auch weniger Glamouröses wie Datenbanken oder Adresshandel spült Geld in die Kassen, sogar Schulden treibt Bertelsmann für andere Firmen ein.

          Liz Mohn beherrscht den Bertelsmann-Konzern.

          Internetkonzerne wie Google wachsen rasant, Bertelsmann stagniert. Deswegen verlor Chef Hartmut Ostrowski das Vertrauen von Bertelsmann-Eigentümerin Liz Mohn. Für den Defensivspieler Ostrowski wechselte sie einen Stürmer ein. Thomas Rabe war zwar Finanzvorstand, was langweilig klingt, doch da kennt man Rabe schlecht. Der Mann ist von Schöpfungsdrang getrieben. Nicht weniger wird von ihm erwartet: den Konzern neu erfinden. „Voll auf Angriff“, lautet sein Auftrag.

          Es wird höchste Zeit. Reinhard Mohn wurde mit dem Buchclub groß, in den Achtzigern brachte Bertelsmann den Deutschen das Privatfernsehen, in den Neunzigern machte man mit dem Internet Kasse. Wofür das Medienunternehmen heute steht in einer Welt, die aufgeteilt ist zwischen Facebook, Google, Apple und Amazon, kann indes keiner mehr so genau sagen. Der Sense of Purpose ist verschütt gegangen in Gütersloh, der einst stolze Konzern hat ein verlorenes Jahrzehnt hinter sich. Nur das Brauchtum hat überdauert, das bertelsmannsche Prinzip der Dezentralität steht wie gemeißelt: Die Geschäftsführer in den Satelliten dürfen schalten und walten.

          Sogar ein Börsengang ist möglich

          Ein weiteres Mantra, noch wichtiger: Bertelsmann ist Familiensache. Keine sechs Jahre ist es her, da musste der Konzern auf Drängen der allmächtigen Liz Mohn fremde Anteilseigner ausbezahlen. Fast hätten die Milliarden den Konzern stranguliert. „Die Belastung für das Unternehmen war groß“, sagt Rabe, „da soll keiner etwas anderes erzählen.“ Auch für ihn persönlich. Er musste die Finanzierung aushandeln.

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