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Bernd Lunkewitz im Porträt : Der Abenteurer

„Geld macht nicht glücklich. Aber auch nicht unglücklich.” (Bernd Lunkewitz) Bild: dpa

Er ist Marxist. Und Immobilienspekulant. Der Kauf des Ost-Berliner Aufbau-Verlags brachte ihm Renommee. Jetzt steht alles auf dem Spiel. Ein Porträt des früheren Verlegers Bernd Lunkewitz.

          Immobilien oder Bücher? Das war hier die Frage. Bernd Lunkewitz hat sich für beide entschieden: hat seine Immobilien behalten und einen Verlag gekauft. Einen Pleite-Verlag, aber einen mit Tradition. „Aufbau“ war der Vorzeigeverlag der DDR: Ost-Autoren wie Christa Wolf, Christoph Hein und Erwin Strittmatter veröffentlichten hier, „Aufbau“ verlegte auch Heinrich Mann oder Lion Feuchtwanger, außerdem Klassiker wie Fontane oder Hölderlin. Doch nach der deutschen Vereinigung stand der Verlag vor dem Aus.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zwei Anrufe an einem Freitag im April 1991 haben das Blatt gewendet. Beim ersten Mal hat es beim früheren Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann geklingelt. „Sie kennen doch viele Leute mit dicker Brieftasche“, sagte Ulrich Wechsler, damals bei der Treuhand der Fachmann für Verlage, zuvor im Vorstand von Bertelsmann. Er suche jemanden, der den Aufbau-Verlag kaufen wolle: „Vier Millionen Cash.“ Damals natürlich noch Mark. Beim zweiten Mal klingelte das Telefon bei Lunkewitz. „Willst du ewig Häuser bauen, oder könnte es dich reizen, in den Verlegerberuf zu wechseln?“, fragte Hoffmann. Es hat Lunkewitz auf der Stelle gereizt. Am nächsten Tag traf er sich mit Wechsler um 9 Uhr im Frankfurter Hof, um 12 Uhr war die Vereinbarung perfekt. Knall auf Fall war der Frankfurter Immobilienunternehmer Lunkewitz zum Verleger geworden. Rund eine Million Mark habe er für das Buch-Flaggschiff der DDR gezahlt, sagen die Archive.

          Rätselhafte Motive

          Der reine Zufall ist es nicht gewesen, der ihn zum Büchermachen gebracht hat. Es war die Sehnsucht nach Höherem. Das Immobiliengeschäft habe ihm nicht mehr genügt, sagt Lunkewitz. Mit etwas mehr als 40 Jahren habe er vor der Frage gestanden, was er mit dem Rest seines Lebens anfangen solle. Die Frage stellt sich jetzt, da er 60 ist, noch einmal. Denn Lunkewitz ist nicht mehr Aufbau-Verleger. Er hat der Geschäftsführung des Verlags knapp mitgeteilt, dass er keine weiteren Mittel mehr aus seinem privaten Vermögen zur Verfügung stellen werde, woraufhin „Aufbau“ Insolvenz angemeldet hat.

          Die Branche rätselt seit Tagen über Lunkewitz' Motive. Hat er die Lust am Verlegerberuf verloren? Kann er es sich nicht mehr leisten, weiter Geld zu verlieren? Er habe schon in der Vergangenheit Gemälde seiner Gerhard-Richter-Sammlung verkauft, um Geld zur Stabilisierung von „Aufbau“ zu bekommen, heißt es. Hat er sich mit dem Rückzug bessere Chancen eröffnet für seinen bevorstehenden Prozess gegen die Bundesrepublik Deutschland? Denn Lunkewitz fühlt sich von der Treuhand betrogen, der Verkauf von „Aufbau“ an ihn war nicht rechtmäßig, weil der wahre Eigentümer der „Kulturbund“ war. Von ihm hat er 1995 „Aufbau“ ein zweites Mal erworben - rechtmäßig dieses Mal. Zurückgeblieben ist ein Rechtswirrwarr bei den Lizenzen. Angeblich will Lunkewitz vom Bundesfinanzministerium bis zu 50 Millionen Euro Schadensersatz erstreiten. Lunkewitz selbst hält sich bedeckt, Anfragen beantwortet er nicht. Die Lage ist unklar.

          Schwer vorzustellen, dass Lunkewitz aus einer Laune heraus alles aufgibt, was er während der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte als Verleger aufgebaut hat. Man darf sich fast sicher sein, dass er noch einen Trumpf in der Hinterhand hält. Oder dass er sich aus der schwierigen Situation herausschlängelt. Wie damals aus der grünen Minna, wohin Polizisten Lunkewitz einmal in den wilden siebziger Jahren verbrachten, weil er in Frankfurt auf dem Gebäude eines amerikanischen Militärkaufhauses eine Vietcong-Fahne aufgepflanzt hatte. Der gertenschlanke Lunkewitz soll sich durch die beiden Gitterstäbe am Rückfenster in die Freiheit gequetscht haben, heißt es. Daraufhin sei in allen hessischen Polizeiwagen quer zu den Gitterstäben eine zusätzliche Stange eingezogen worden, in Polizeikreisen damals „Lunkewitz-Spange“ genannt.

          Als Kapitalist Marxist geblieben

          Bei einer Demonstration gegen die NPD in seiner Heimatstadt Kassel soll Lunkewitz sich sogar eine Verwundung zugezogen haben. Ein Leibwächter des damaligen NPD-Führers Adolf von Thadden habe ihm mit einer Pistole in den Oberarm geschossen, was Lunkewitz zum Helden der linken Szene gemacht habe.

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