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Branchen-Kommentar : Boom am Bau

  • -Aktualisiert am

Viele Bau-Kräne schmücken das Stadtbild Berlins. Auch hier hat der Bau moderner Hochhäuser begonnen. Bild: dpa

Die Bau-Nachfrage in Deutschland ist so groß wie seit 21 Jahren nicht mehr. Dennoch ist die Branche in vielen Teilen überholt, es fehlt an Vorreitern. Und: Den Markt haben längst ausländische Unternehmen übernommen.

          Geld ist nicht alles. Aber es hilft. Immerhin 5,7 Prozent mehr Lohn bei einer Laufzeit von 26 Monaten sollen die Baubeschäftigten im Westen bekommen, im Osten noch einen Schnaps mehr. Vorausgesetzt, die Beteiligten stimmen dem Tarifkompromiss des Schlichters zu. Und danach sieht es aus. Denn das Letzte, was die Branche jetzt braucht, sind Streiks. Dass die Auftragsbücher dünner werden, dafür gibt es auch im siebten Jahr des Immobilienaufschwungs keine Anzeichen.

          Die Betriebe laufen am Limit. Anfang des Jahres meldete das Statistische Bundesamt so viele Aufträge wie seit 21 Jahren nicht mehr. Glücklich ist, wer einen Handwerker kennt. Selbst manch solventer Unternehmenskunde musste seine Erweiterungsinvestition schon verschieben, weil es schlicht kein Angebot gibt. Nicht nur personelle Ressourcen werden knapp, auch materielle. Sand und Kies sind in Ballungsräumen schon gesuchte Güter. Sogar an Gruben für den Bauaushub fehlt es. Kein Wunder, dass die Preise fürs Bauen steigen.

          Es regnet Aufträge

          In einem solchen Umfeld geht es für die Betriebe sprichwörtlich darum, den Löffel herauszuhalten, denn es regnet Brei. Für strategische Weichenstellung fehlt es an Zeit und Muße. Das könnte sich rächen, denn die größten Fehler in Unternehmen werden dann gemacht, wenn es ihnen gutgeht. Die Digitalisierung wackelt auch an den Grundfesten des Baus: Digitalisierte Bauwerksplanung, vernetzte Häuser, Bauroboter, all das wird kommen. Fertige Bauteile, selbst ganze Bauwerke aus 3D-Druckern gibt es schon. Um den Anschluss an die neuen Technologien nicht zu verlieren, braucht es Vorreiter. Von denen aber gibt es zu wenigen, denn der deutsche Bau hat ein Strukturproblem.

          Die Flaggschiffe sind untergegangen. Walter Bau und Holzmann wurden durch eigene Fehler und die Krise hinweggefegt. Bilfinger mutierte auf Druck der Investoren zum Industriedienstleister. Die ehemals stolze Hochtief hängt heute am Gängelband des spanischen Baukonzerns ACS, der - ein Treppenwitz der Geschichte - nur deshalb einsteigen konnte, weil ihm die mit EU-Geld angefeuerte Immobilienblase in Spanien das nötige Kleingeld bescherte. Deutsche Baukonzerne von Weltrang und damit Taktgeber der Branche gibt es nicht mehr. Das Baugeschäft in Europa dominieren Franzosen, der größte Autobahnbauer in Deutschland ist die österreichische Strabag. Für große Projektentwicklungen, mautfinanzierte Straßen oder selbst das Betreiben eines Schulkomplexes sind die meisten Firmen schlicht zu klein. Nur noch wenige beschäftigen festangestellte Mitarbeiter für alle Gewerke. Die Arbeit erledigen Kaskaden von Nachunternehmen.

          Die Atomisierung der Bauwirtschaft

          Dieses System funktioniert auch deshalb, weil in Teilen der Branche eine Atomisierung stattgefunden hat. Nach dem Wiedervereinigungsboom gaben zwar etliche Betriebe auf, viele der damaligen Angestellten aber haben sich selbständig gemacht. 80 Prozent der Betriebe im Bauhauptgewerbe beschäftigen heute weniger als zehn Mitarbeiter. Größe aber ist wichtig: Während der Umsatz von Betrieben mit mehr als 20 Beschäftigten 2017 im Durchschnitt um 8,5 Prozent gewachsen ist, lag die Rate mit weniger Mitarbeitern bei nur einem Prozent. Viele tragen ihre Arbeitskraft in den Markt, mehr nicht. Boom hin oder her, noch mehr arbeiten geht nicht. Die Quote der festangestellten ausländischen Mitarbeiter hat sich seit der Krise 2009 auf 16 Prozent mehr als verdoppelt. Zugleich haben der deutsche Bauboom und die Armut in Teilen Osteuropas kriminelle Strukturen gefestigt. Die Sozialkasse der Bauwirtschaft schätzte schon vor zwei Jahren, dass 80 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse im Roh- und Trockenbau illegal sind.

          In einem solchen Umfeld wird es den Firmen kaum gelingen, junge motivierte Menschen für sich zu gewinnen, ihnen eine langfristige Zukunft zu versprechen. Um den Bau attraktiver zu machen, hatte die rot-grüne Bundesregierung für eine Reihe von Gewerken die Meisterpflicht aufgehoben. So ist bei Gerüstbauern der Meisterbrief nach wie vor vorgeschrieben,  Fliesenleger aber dürfen sich seither auch ohne diesen „großen Befähigungsnachweis“ selbständig machen.

          Die erhofften Folgen sind allerdings nicht eingetreten. Die Eintrittshürde ist zwar weg, aber ein Markt ohne Befähigungsnachweis zieht keine Fachleute an, sondern nur solche, denen nichts anderes übrigbleibt. Nach Aufhebung der Meisterpflicht stieg die Zahl der "Betriebe" zwar rasant an. Das Gros sind allerdings selbständige Einmannfirmen geblieben, kaum mehr als Tagelöhner, die im Akkord Fliesen verlegen. Die Perspektiven sind hier trist, entsprechend stark geschrumpft ist die Zahl der Auszubildenden. Die Zahl der Meisterprüfungen sank um drei Viertel, das Fachwissen schwindet. Statt Wissen zählt in diesem Gewerk nur der Preis.

          Eine Beschäftigungsblase wie nach der Wiedervereinigung gibt es nicht. Eine Stimulierung der Nachfrage, sei es durch das Baukindergeld oder Investitionshektik im Straßenbau, führt in solch einem Markt nur zu steigenden Preisen, das ist die Nachricht an die Politik. Die Nachricht für die Betriebe: Bereitet euch vor. Denn auch am Bau geht der Boom irgendwann zu Ende, dann reicht es nicht mehr, den Löffel herauszuhalten.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

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