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Wunderkind : Der Überflieger in Berlins Start-up-Szene

Tamaz Georgadze ist 39 Jahre alt und Unternehmer. Er war auch schon Schachspieler, Referent des georgischen Präsidenten Schewardnadse und Partner bei McKinsey. Bild: Victor Hedwig

Abitur mit 12, Studium mit 15, dazu zwei Doktortitel: Der Georgier Tamaz Georgadze ist ein Ausnahmetalent – und sammelt Milliarden von deutschen Sparern ein.

          Tempo schön und gut, aber was wird aus einem „Wunderkind“, das mit vier Jahren die Besten des Landes im Schach schlägt, das mit zwölf Jahren Abitur macht und mit fünfzehn ein Wirtschaftsstudium abschließt? Wie lange hält es so jemanden auf der Überholspur? Trägt es ihn irgendwann aus der Kurve oder zu historischen Taten? Gescheiterte Genies kennt nicht nur die Literatur, und dass übermäßiges Talent automatisch zu Reichtum führt, ist eine längst widerlegte Legende. Der Zusammenhang zwischen Begabung und Karriere ist flüchtig. Landet so ein Überflieger irgendwann im Chefbüro, steckt er verkannt im Mittelbau fest, oder stürzt er gar ab?

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wir treffen Tamaz Georgadze, ein ebensolches Ausnahmetalent, um diesen Fragen nachzuspüren. Erste Erkenntnis: Der Mann – hohe Stirn, dunkle Hornbrille – hat es äußerlich schadlos überstanden, wie er durchs Leben gerauscht ist; Schule, Studium, Karriere, alles ging zack, zack. Heute ist Georgadze 39 Jahre alt und Unternehmer, Gründer des Finanzportals „Weltsparen“ in Berlin, das Milliarden Euro kreuz und quer durch Europa schickt. Auf die Frage, wie sich so ein Wunderkind die Zukunft ausmalt, zuckt er nur mit den Schultern: „Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht, es ging immer einfach voran.“ Nur ging in seinem Fall halt alles deutlich fixer als bei anderen Menschen.

          Geboren wird er 1978 in Georgien, der Vater ist Ingenieur, die Mutter Lehrerin. Die Familie gehört damals zur Mittelschicht, das Land zur Sowjetunion. In Moskau regiert ein graugesichtiger Kommunist, Leonid Breschnew mit Namen. Der kleine Tamaz fällt früh durch sein Talent im Schach auf. Er eifert darin seinem Onkel nach, einem Schachgroßmeister. Mit vier, fünf Jahren misst der Bub sich bereits in Wettkämpfen mit Erwachsenen, in der Klasse der U21. Mit Bravour besiegt der Knirps die deutlich älteren Gegner. „Natürlich ist Georgien nur ein kleines Land“, erzählt Georgadze heute, „aber dort war ich einer der Besten im Schach.“ Eine Profi-Karriere erscheint greifbar, da ist er gerade fünf Jahre alt.

          Als die Einschulung naht, muss die Familie entscheiden: Vollzeit-Schachspieler oder Schule. Die Eltern wählen die Schule. Die erste und zweite Klasse besucht der Sohn noch regulär (er muss nebenher Russisch lernen, das bremst), in der dritten Klasse zieht er das Tempo an. Der Hochbegabte überspringt jede zweite Klassenstufe. „Ich habe am Ende der Sommerferien die Abschlussprüfungen der nächsten Klasse abgelegt und bin dann gleich in die nächsthöhere gekommen.“ Irgendwann wird das komisch. Die Klassenkameraden haben mit fünfzehn, sechzehn andere Dinge im Kopf als er mit zehn oder elf. Ein Außenseiter sei er aber nie gewesen, betont der Unternehmer. Er liest als kleiner Junge viel, Wirtschafts- und Politikbücher, hat ansonsten aber Hobbys wie die anderen auch. Wasserball ist sein Sport. „Alle fanden, ich sei ein ganz normales Kind“, beteuert Georgadze in perfektem Deutsch. Außerdem sei die Springerei in seiner Heimat so außergewöhnlich nicht. Es habe mehrere Schüler wie ihn gegeben. Genauer gesagt: zwei oder drei, verstreut über das ganze Land und auch nicht gleichzeitig, sondern über Jahrzehnte verteilt. Nächste Erkenntnis: Hochbegabte stapeln gerne tief. Befragt nach seinen speziellen Stärken, wiegelt Tamaz Georgadze ab: „Mir fällt logisches Denken leicht. Vom Schach her denke ich viele Züge im Voraus.“

          War’s das schon?

          Nach Deutschland führt ihn der Zufall: Er erhält ein Promotionsstipendium der Universität Gießen. Zu dem Zeitpunkt, Mitte der neunziger Jahre, ist er immerhin schon volljährig, das macht die Einreise einfacher. Allein gewohnt hat er zuvor noch nie: In Tiflis teilt er sich die Studentenwohnung mit einem älteren Cousin, zudem ist die Mutter meist in der Nähe, schließlich ist der Student in Wahrheit ein Teenager, gerade 13 Jahre alt, als Georgien die Unabhängigkeit erklärt im Jahr 1991. In den bürgerkriegsähnlichen Zuständen im Kaukasus verlassen viele junge Georgier in den folgenden Jahren ihre Heimat. So mancher versucht sein Glück in Deutschland, auch Georgadze.

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