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Wunderkind : Der Überflieger in Berlins Start-up-Szene

Für den Doktortitel in Entwicklungswirtschaft braucht er in Gießen vier, fünf Jahre. „Wie andere auch“, betont er, als sei es ihm peinlich, dass er immer der Schnellste, Beste, Jüngste war. Erst auf Nachfrage verrät er, was er zu der Zeit noch alles nebenher gemacht hat: Er lernt Deutsch, schreibt parallel seine Doktorarbeit in Georgien (VWL), studiert obendrein Jura und schließt das erste Staatsexamen mit Prädikat ab. Diese Erfolge machen den jungen Mann durchaus stolz, auch wenn er den Vorsprung gegenüber Altersgenossen kleinredet. „Ich verzehre mich nicht vor Selbstzweifeln“, sagt Georgadze. Sein beruflicher Werdegang liest sich auch nicht danach: Wirtschaftsstudium in Tiflis, ein Jahr Referent des georgischen Präsidenten Eduard Schewardnadse, Jurastudium in Deutschland, Doppelpromotion, anschließend zehn Jahre McKinsey, die letzten drei davon als Partner in der Unternehmensberatung. Andere verzehren sich ein Leben lang nach diesem Titel, bei ihm setzt mit Anfang 30 eine Grübelphase ein: War’s das schon? Oder kommt da noch was? „Nach ein paar Jahren als Berater flacht die Lernkurve ab“, sagt er. „Das ist schade für die persönliche Entwicklung.“

Viele Berater haben mit Ende 40, Anfang 50 finanziell ausgesorgt und wechseln in einen ruhigeren Modus als „Privatier“, verwalten ihr Vermögen und übernehmen dazu wohlklingende wohltätige Aufgaben. Georgadze schreckt die Vorstellung, als „ausgemusterter Mecki“ im Vorruhestand zu landen. Also wagt er einen Neustart.

Er verzichtet auf Titel, Geld und Sicherheit von McKinsey und gründet 2014 in Berlin mit zwei Kumpels, Ex-Meckis wie er, ein eigenes Unternehmen. Dazu mietet das Trio von Freunden einen muffigen, kleinen Kellerraum in einem Berliner Hinterhof, den andere Start-ups zuvor als unzumutbares Loch abgelehnt hatten.

Als Anfangsausrüstung genügen ein paar Laptops, und los geht es mit „Weltsparen“, einer dieser jungen IT-Firmen, die sich Fintech nennen, weil sie die Banken angreifen, sich einzelne Teile von deren Geschäft vorknöpfen, dafür ein digitales Modell entwickeln – und den Etablierten irgendwann den Garaus machen. Das zumindest ist die Idee.

Die Plattform von „Weltsparen“ zielt auf jene Sparer, die für ein paar Zehntel mehr Rendite weite Wege gehen. Georgadze sucht für sie Banken innerhalb der Europäischen Union, die in Nullzins-Zeiten noch etwas bieten fürs Geld, so wenig es auch sein mag. Gewöhnlichen Privatkunden war der Zugang zu vielen ausländischen Banken lange Zeit zu kompliziert. Jetzt müssen sie sich nur registrieren, den Rest erledigt das Online-Portal mit verschiedenen Partnerbanken, im Moment 35 an der Zahl. In Deutschland ist das in erster Linie die MHB-Bank in Frankfurt (die zum Finanzinvestor „Lone Star“ in Dallas gehört). Georgadzes Firma selbst besitzt keine Banklizenz, sie vermittelt nur, das aber flott, die Zahl der Kunden ist auf 95.000 gestiegen, das betreute Vermögen auf 4,5 Milliarden Euro. Bis zum Jahresende solle die Fünf-Milliarden-Grenze überschritten werden, sagt der Chef: „Bis zur ersten Milliarde haben wir noch über zwei Jahre gebraucht, bis zur zweiten Milliarde waren es nur noch zehn Monate, die dritte und vierte Milliarde haben wir in jeweils vier Monaten geknackt.“ Die Menschen gewöhnen sich offenbar zunehmend ans Online-Banking und fassen Vertrauen in Internetportale.

Zum Erfolg braucht es mehr als Intelligenz

Dabei sind die Renditen dort bei weitem nicht sensationell: Etwas mehr als ein Prozent bietet Weltsparen für einjährige Papiere, wirklich mager, aber besser als gar kein Zins von einer deutschen Großbank. Und weil immer weniger Leute sich damit abfinden wollen, tun sich immer mehr Internetfirmen auf, die ebenfalls versprechen, das Geld in lohnenderes Gefilde zu lotsen. Klarer Marktführer dabei ist Georgadzes Weltsparen, mit doppelt so vielen Kunden wie Zinspilot, der Nummer zwei, die gerade die Nummer drei (Savedo) übernommen hat. In der Berliner Gründerszene sprechen sie deshalb voller Hochachtung von dem Georgier. „Tamaz ist ohne Zweifel der schlaueste Mensch, dem ich im Leben je begegnet bin“, bestätigt ein anderer Jungunternehmer, selbst durchaus erfolgreich und selbstbewusst. Damit ist freilich noch nichts über die unternehmerischen Qualitäten gesagt: Zum Erfolg braucht es mehr als Intelligenz; Führungskompetenz, Verkaufstalent, all solche Sachen. Glück gehört auch dazu.

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