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Berliner Gründer : Das Geschäft mit den Teemuffeln

Kommt Tee gegen Kaffee an? Bild: dpa

Fünf Berliner Gründer nehmen sich mit ihrer „5Cups and some sugar GmbH“ Starbucks zum Vorbild. Sie wollen das angestaubte Image des Tees neu aufpolieren. Dabei hat das Team große Pläne.

          3 Min.

          Wer ein Unternehmen im Aufbruch sehen will, ist bei Patrick Ulmer und seinen vier Compagnons in diesen Tagen richtig: Hinter der Backsteinfassade der einstigen Fabriketage in Berlin-Reinickendorf stapeln sich noch Umzugskartons, werden Möbel aufgebaut. Bis September hatte die „5Cups and some sugar GmbH“ ihren Sitz in einem Ladengeschäft im Szenebezirk Friedrichshain. Nun aber ist die Expansion mit Händen zu greifen.

          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Links am Ende des Flurs, der die insgesamt 300 Quadratmeter verbindet, ist die Herzkammer: Eine Batterie von Arbeitspulten, jedes eingerahmt von mehrstöckigen Regalen mit Dutzenden Behältern – hier werden Tees gemischt, grammgenau und ganz nach Kundenwunsch. Zum Beispiel: 40 Prozent Darjeeling, 30 Prozent Assam, 20 Prozent Minze und je 5 Prozent Rosenblüten und Zimt. Diese Kreation soll selbst notorische Kaffeetrinker ins Grübeln bringen. Oder, besser – sie anregen, die Teemischung weiter auf den eigenen Geschmack hin abzustimmen.

          Denn dies ist das Geschäftsmodell: Tee nicht bloß als fertiges Produkt vertreiben, sondern den Kauf zu einem individuellen Erlebnis mit individuellem Ergebnis machen. Bisher ist „5Cups“ vor allem ein Onlineshop, in der heutigen Form existiert er erst seit einem Jahr. Doch die Perspektive ist klar: Langfristig soll ein Netz realer Läden entstehen, schon jetzt entsteht im neuen Domizil eine Probierküche für Teeseminare. Es sind also erkennbar nicht bloß virtuelle Geschäfte. An guten Tagen gingen bereits mehr als 500 Bestellungen ein, berichtet Ulmer. Und die Weihnachtssaison stehe ja erst bevor.

          Kommt jetzt der Tee-Trend?

          Eine Vorläuferfirma „Myteamix“ war seit 2008 am Markt, doch erst 2012 fand das heutige Team zusammen, um die Idee mit ganzer Professionalität voranzutreiben. Jedenfalls scheinen die fünf Gesellschafter („5Cups“) – André Kramp, Eike Pazulla, Ingo Schröder, Patrick Ulmer und Moritz Weeger – mit ihren Berufserfahrungen ein geeignetes Spektrum abzudecken, nebenbei eines, das man in Berlin wohl leichter findet als anderswo: ausgewiesene Teekenner mit fundierten Kenntnissen der Mediengestaltung, Warenwirtschaft und Logistik; Wirtschafts- und Medieninformatiker mit Erfahrung als IT-Projektmanager und Unternehmer; außerdem ein Werbeprofi: Patrick Ulmer.

          Dennoch wirkt es erklärungsbedürftig, warum Teevertrieb ein zukunftsweisendes Geschäft sein soll. Die Suchmaschine findet zu „Tee“ und „Shop“ 265 Millionen Treffer; fast jeder Teeladen ist im Netz präsent. Wozu also auch noch „5Cups“? Der „Kaffee-Trend“, legt der 36-jährige Geschäftsführer dar, habe seinen Zenit überschritten. Nach der ersten Blüte der Latte-Macchiato-Kultur sei nun auch die Produktdifferenzierung – von Doubleshot über Ahornsirup bis laktosefrei – ausgereizt. Überdies stelle sich selbst Starbucks auf den Tee-Trend ein. Das Unternehmen aus Seattle hat 2012 für 620 Millionen Dollar den Teehändler Teavana gekauft.

          Individuelle Geschenke und ein vielfältiges Misch-Konzept

          Noch immer, sagt Ulmer, dächten Millionen Menschen bei Tee an abgepackte Brühbeutel oder Grippe. Genau hier liege großes Potential. Er schwärmt davon, „Teemuffel zu begeistern“ und von Kundenbindung durch Anregung zur Individualität. Die Umsetzung: Wer sich seine Bestellung zusammengemischt hat, kann dem Tee bei „5Cups“ sogar einen eigenen Namen geben; dieser wird mit der Zutatenliste auf die Packung gedruckt. Das sei ein „Geschenk-Erlebnis“, so Ulmer. Und es sei im Übrigen auch für Firmen interessant, die gerade nach originellen Weihnachtspräsenten im Dienste der eigenen Kundenbindung fahnden.

          Der Grundstock des Geschäfts sind 50 Teesorten und Zutaten, das ist aus der Perspektive der Warenwirtschaft beherrschbar. Große Teehändler mögen größere Sortimente haben, doch das Misch-Konzept treibt die Vielfalt faktisch gen unendlich. Die betriebswirtschaftliche Kehrseite ist, dass anspruchsvolle Handarbeit nötig ist: das Abwiegen und Mischen immer wieder unterschiedlicher Bestellungen an den „Mischpulten“. Es gebe bereits Kontakt zu einem Anlagenbauer, der beim Automatisieren helfen könne, sagt Ulmer. Doch diese Investition sei noch zu groß.

          „Ein durch und durch positives Produkt: Tee“

          Erstes Etappenziel ist, dass sich das Geschäft selbst trägt, das sei für 2014 nun in Reichweite. „Das erste Gründungsjahr haben wir fünf voll aus eigener Tasche finanziert“, berichtet er. Das sei quasi Teil des Gründungsschwurs gewesen: „Ist jeder von uns bereit, für diese Idee notfalls sein letztes Hemd zu geben?“ Mit Banken hätten sie gesprochen, ohne sich viel zu erwarten. Doch führte in diesem Jahr ein anderer Finanzierungsweg zum Erfolg: Über „Companisto.de“, eine Internetbörse für Investitionskapital, sammelten sie binnen 29 Tagen 300.000 Euro ein; die erste Zielmarke von 150.000 Euro war schon nach einer Woche erreicht. Da sei die Erleichterung riesig gewesen, erinnert sich Ulmer. Immerhin war dies nebenbei der Beweis, dass viele Unbefangene an „5Cups“ glauben: Genau 741 Finanziers, die zwischen fünf und 20.000 Euro investiert haben.

          Das Gründerteam
          Das Gründerteam : Bild: 5Cups

          Doch warum lässt sich ein Werbeprofi mit zwölf Jahren Berufserfahrung auf so etwas ein? „Ich wollte nicht länger gute Kommunikation für oft nur mäßige Produkte machen“, sagt er. Andere Werber würden irgendwann mit Engagements für Greenpeace idealistisch – „wir stecken hier alles in ein durch und durch positives Produkt: den Tee“. Und in dessen Verpackung. Denn sie steht für den zweiten großen Erfolg dieses Jahres: Für die Gestaltung der Pappbehälter erntete „5Cups“ den Designpreis „Red-Dot-Award“.

          Das alles klingt jedenfalls ganz und gar nicht nach Teebeuteln oder Grippe. Geht es nach den fünf Berlinern, wird der TeeTrend sogar bald Cocktailbars erfassen – denn auch für Longdrink-Kreationen biete das duftende Produkt viel Potential. Für geeignete Geschäftsanbahnungen hat sich die „5Cups and some sugar GmbH“ soeben auf der Szenemesse „Barkonvent“ der deutschen Barkeeper-Elite präsentiert.

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