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Benko und das Kaufhaus Tyrol : Die Glitzerwelt des neuen Karstadt-Eigners

  • -Aktualisiert am

Außen Kaufhaus, innen Shopping Mall: Das Kaufhaus Tyrol in Innsbruck Bild: Irl, Maria

René Benko hat schon einmal ein Warenhaus umgekrempelt: das Kaufhaus Tyrol in Innsbruck. Ist das ein Vorbild für Karstadt? Wir sind hingefahren.

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          Deutschland ist misstrauisch. Was macht dieser 37 Jahre alte Österreicher, der soeben Karstadt gekauft hat, jetzt aus unseren Innenstädten? Kann René Benko Kaufhaus?

          In seiner Heimat Innsbruck fragt das keiner mehr. Dort hat Benko mit seiner Immobiliengruppe Signa das Kaufhaus Tyrol wieder aufgebaut. Es ist Benkos Gesellenstück. Im Jahr 2004, als er das Haus kaufte, das sonst keiner haben wollte, war er gerade einmal 27 Jahre alt. Er war 33, als es nach großem Umbau wieder eröffnete. Heute ist das Tyrol ein Shopping-Magnet. Die Maria-Theresien-Straße, an der es liegt, schob sich in der Liste der meistfrequentierten Haupteinkaufsstraßen Österreichs zwischen 2010 und 2012 vom 5. auf den 2. Platz.

          Das klingt nach Hoffnung für die teils maroden kleineren und mittleren Häuser von Karstadt. Denn natürlich ist es das Tyrol, das Benko immer im Kopf hat, wenn er über die Zukunft von Kaufhäusern nachdenkt. Kein Warenhaus kennt er besser. Wer sich für die Zukunft von Karstadt interessiert, sollte deshalb nach Innsbruck fahren. Dort kommt er zwangsläufig am Kaufhaus Tyrol vorbei. Es steht genau dort, wo in Deutschland meist ein Kaufhof oder Karstadt steht: mitten auf der Haupteinkaufsmeile. Die Maria-Theresien-Straße mit ihren alten Fassaden führt 300 Meter nach dem Tyrol zum Goldenen Dachl, dem Wahrzeichen Innsbrucks; der Hauptbahnhof ist um die Ecke. Für Benko hat die Stadt die Einkaufsstraße extra in eine Fußgängerzone umgewandelt.

          Geschichte des Kaufhauses Tyrol

          Vom alten Kaufhaus, 1908 von zwei jüdischen Familien gegründet, 1966 als Kaufhaus Tyrol neu eröffnet, ist wenig übrig geblieben außer dem Namen, der vielfach in neuem Design auf der Fassade prangt. Die geknickte Rasterfassade entwarf der britische Stararchitekt David Chipperfield, sie ersetzte die ornamentale Vorderseite des Vorgängers und verleiht der Straße ein neues Gesicht. Zuerst sollte das Tyrol eine wildere Fassade bekommen, mit runden Löchern, die an Schweizer Käse erinnerten. Die Innsbrucker waren empört. Benko lenkte ein und engagierte Chipperfield.

          Der größte Unterschied des heutigen zum einstigen Kaufhaus Tyrol aber findet sich innen: Das Kaufhaus ist nämlich gar kein klassisches Kaufhaus mehr, es ist ein Einkaufszentrum, eine Shopping Mall. Hier haben sich Läden wie G-Star und der H&M-Edel-Ableger Cos eingemietet. Den vierten Stock nimmt Saturn ein. Zweiter Ankermieter ist die Tiroler Supermarktkette MPreis im untersten Geschoss: meterlange Weinregale, Obst in geflochtenen Körben, Oliven in Holzbottichen. „Das ist wie ein Knochen: Oben ein Kundenmagnet, unten ebenso, und die Leute sollen sich dazwischen austoben“, sagt der Kaufhaus-Chef, den man hier Center Manager nennt und der den hübschen Namen Sebastian Schneemann trägt.

          Schneemann sieht aus wie ein Kassierer im MPreis, der sich ein Sakko übergezogen hat: bodenständig zwischen all dem Glitzer. Fröhlich führt der Magdeburger durch die Etagen, über Rolltreppen, zeigt hierhin, dorthin. Decken gibt es wenig, Trennwände zwischen Gängen und Läden auch kaum, dafür jede Menge Glas. Man kann die wolkenverhangenen Berggipfel der Nordkette sehen, das Tageslicht reicht bis ins unterste Stockwerk. Die Schilder über den Läden sind einheitlich silberfarben, weil das gehobener wirkt.

          Karstadt wird nicht komplett verschwinden

          Alles ganz schön, aber auch nicht die Neuerfindung des Konsums, die sich so viele von jedem neuen Karstadt-Retter erhoffen. Eine moderne Shopping Mall in der Innenstadt eben. Das Besondere ist die sehr gute Lage, die häufig gerade Kaufhäuser kennzeichnet – und das Geschick Benkos, mit dem er Immobilien rund um das alte Kaufhaus zusammenkaufte und die Politik überzeugte, dass er komplett neu bauen durfte, um aus einem maroden Traditionshaus etwas viel Größeres zu machen.

          Ist das jetzt das Konzept, das auch für viele Karstadt-Häuser funktionieren könnte: Immobilien rundherum dazukaufen, neu bauen, ein Shopping-Center daraus machen? Die Benko-Leute sind eifrig bemüht, diesen Eindruck zu vermeiden. Wieder und wieder betonen sie, das Tyrol sei alles, nur „keine Blaupause für Karstadt“.

          Ein Karstadt-Haus gibt es allerdings schon, das in eine ähnliche Richtung gehen könnte – nur in weitaus größerer Dimension: am Kurfürstendamm in Berlin. Benko und zwei andere Investoren versuchen dort Gerüchten zufolge, einige Immobilien rundherum zu kaufen. Entstehen könnte ein riesiges Einkaufszentrum, mutmaßen Immobilienexperten. Einziger Beweis dafür, dass da etwas im Busch ist, ist allerdings bislang, dass die drei Investoren beim Kartellamt beantragt haben, das Karstadt-Gebäude am Ku’damm gemeinsam zu erwerben, das bislang Benko allein gehört.

          Was so ein Einkaufszentrum für das Karstadt-Haus bedeuten würde, ist zudem unklar. Eigentlich läuft es am Ku’damm sehr gut. Dass Karstadt also komplett verschwindet wie das einstige Kaufhaus Tyrol in Innsbruck, ist unwahrscheinlich. Aber zwischen Kaufhaus und Shopping-Center sind natürlich alle möglichen Zwischenformen vorstellbar.

          Umwandlung vom Kaufhaus zum Shopping-Center

          Thomas Roeb, der sich an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg mit dem Einzelhandel befasst, kann sich gut vorstellen, dass Karstadt-Häuser von Benko „zumindest teilweise in Shopping-Center umgewandelt werden“. Denn die Zentren, wenn sie in guter Lage sind, funktionieren besser als die Kaufhäuser. Aus einem simplen Grund: „Sie sind professioneller“, sagt Roeb. Jeder Ladenbetreiber biete seine Warengruppe als Lebensaufgabe an. „Das klappt besser, als wenn einer versucht, alles zu tun.“ Das bestätigt eine Beobachtung, die viele Warenhaus-Besucher kennen: Die Esprit-Ecke im Karstadt ist oft schlechter als der Esprit-Laden ein paar hundert Meter weiter.

          Ein deutscher Besucher, den wir im Kaufhaus Tyrol befragen, sieht es ebenso. „Im Kaufhaus habe ich ein halbes Stockwerk Herrenoberbekleidung mit 37 Sakkos und kann mich nicht entscheiden“, sagt Florian Schüle aus Ahrweiler. „In einem Geschäft, das meinem Stil entspricht, vielleicht nur drei oder vier, die mir aber gefallen.“

          Für die Karstadt-Verkäufer sind solche Aussagen keine gute Nachricht. Denn eines ist klar: Je mehr ihr Kaufhaus zum Shopping-Center wird, desto mehr müssen sie um ihre Stelle fürchten. Denn Cos, H&M und Co. haben ihre eigenen Verkäufer. Die Karstadt-Betriebsräte sind nervös, wollen nichts Grundsätzliches sagen, bevor ein Konzept vorliegt. Schließlich gibt es auch Schätzungen, bis zu 20 Karstadt-Häuser seien so unrentabel, dass sie ganz geschlossen werden könnten. Im Vergleich dazu wäre jede Shopping-Center- Lösung die bessere.

          Kaufhaus Tyrol erstrahlt in neuem Glanz

          Handelsexperte Roeb findet das sogar historisch konsequent. „Der Niedergang des Kaufhauses begann in den späten siebziger Jahren mit dem Erfolg der Spezialisten wie Saturn oder H&M“, sagt er. „Deshalb ist es nur logisch, wenn man sich solche Spezialisten heute ins Haus holt, statt weiterhin alles laienhaft selbst zu machen.“

          Für das Kaufhaus Tyrol war die Umwandlung durch René Benko die Chance, wieder an alte, bessere Zeiten anzuknüpfen. 1966 nach dem Krieg wiedereröffnet (die enteigneten einstigen jüdischen Gründer wurden nicht vernünftig entschädigt), lief es zunächst prächtig. Erste kleinere Probleme gab es, als das DEZ in Innsbruck eröffnete, das erste Shopping-Center nach amerikanischem Vorbild in Österreich. Später kamen Einkaufszentren in der Innenstadt hinzu. Die Besitzer des Tyrol wechselten mehrmals, aber keiner schaffte es, die Kunden wieder ins Warenhaus zu locken.

          Genau diese Konkurrenz-Center wirken heute im Vergleich zum neuen Kaufhaus Tyrol langweilig und austauschbar. Ins Tyrol kommen jetzt 20.000 Besucher am Tag. Sie sorgen dort für einen durchschnittlichen Umsatz von 4500 Euro pro Quadratmeter und Jahr, das sind hochgerechnet um die 150 Millionen Euro. Sowohl Besucherzahl als auch Umsatz wachsen um etwa zwei bis drei Prozent jedes Jahr. Das ist nicht sehr viel, aber: „Völlig gegen den Markt“, sagt Schneemann.

          Ist das nun also die Lösung für Karstadt? Es wäre schließlich auch ein Mischmodell denkbar. Das Warenhaus macht das, wo es noch wettbewerbsfähig ist: Lederwaren, Schmuck, Uhren – den Rest überlässt es Fachhändlern. Dann hätte das Kaufhaus vielleicht noch ein, zwei Etagen im Shopping-Center.

          Neuer Aufsichtsrat wird über Sanierungskonzept entscheiden

          Zwei Probleme gibt es dabei allerdings: Shopping-Center brauchen mehr Platz als Kaufhäuser, wenn sie profitabel sein sollen – und Raum ist teuer. René Benko wird sich genau überlegen, in welcher der vielen Städte, in denen Karstadt heute noch sitzt, sich das überhaupt lohnt. Außerdem ist das Konzept Einkaufszentrum nicht gerade brandneu. Das Mall-Konzept taugt nicht für jedes Karstadt-Haus. Es werden Kaufhäuser schließen.

          Benko ist zwar ein schillernder Typ aus der Szene der Schönen und (Neu-)Reichen Österreichs und hat bekannte Freunde auch in Deutschland von Roland Berger bis Wendelin Wiedeking. Doch um radikale Pläne wie beim Tyrol durchzusetzen, muss er die jeweiligen Lokalpolitiker überzeugen. Wie schwierig das ist, zeigt sich gerade 125 Kilometer südlich von Innsbruck in Bozen in Südtirol. Dort wollte Benko etwas Ähnliches schaffen wie in Innsbruck: ein neues großes Luxuskaufhaus nahe dem Bahnhof. Sogleich formierte sich Protest der örtlichen Unternehmer, die ein Gegenangebot fürs Areal abgaben – und so lange auf die lokale Politik einwirkten, bis die das zu bebauende Areal deutlich verkleinerte.

          Benko behauptete erst lautstark, nun kein Angebot mehr abzugeben, tat es kurz vor Schluss schließlich doch. So leicht gibt der Mann schließlich nicht auf.

          Man kann davon ausgehen, dass die Kämpfe bei Karstadt jetzt erst losgehen. Jetzt muss Benko erst einmal einen neuen Karstadt-Chef finden, am ehesten wohl einer seiner Getreuen, und den Aufsichtsrat mit seinen Leuten neu besetzen. Die Gespräche laufen schon, Namen sind noch nicht bekannt. Erst wenn der neue Aufsichtsrat feststeht, soll er zusammenkommen, um über ein Konzept zur Sanierung von Karstadt zu entscheiden.

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