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Benko und das Kaufhaus Tyrol : Die Glitzerwelt des neuen Karstadt-Eigners

  • -Aktualisiert am

Kaufhaus Tyrol erstrahlt in neuem Glanz

Handelsexperte Roeb findet das sogar historisch konsequent. „Der Niedergang des Kaufhauses begann in den späten siebziger Jahren mit dem Erfolg der Spezialisten wie Saturn oder H&M“, sagt er. „Deshalb ist es nur logisch, wenn man sich solche Spezialisten heute ins Haus holt, statt weiterhin alles laienhaft selbst zu machen.“

Für das Kaufhaus Tyrol war die Umwandlung durch René Benko die Chance, wieder an alte, bessere Zeiten anzuknüpfen. 1966 nach dem Krieg wiedereröffnet (die enteigneten einstigen jüdischen Gründer wurden nicht vernünftig entschädigt), lief es zunächst prächtig. Erste kleinere Probleme gab es, als das DEZ in Innsbruck eröffnete, das erste Shopping-Center nach amerikanischem Vorbild in Österreich. Später kamen Einkaufszentren in der Innenstadt hinzu. Die Besitzer des Tyrol wechselten mehrmals, aber keiner schaffte es, die Kunden wieder ins Warenhaus zu locken.

Genau diese Konkurrenz-Center wirken heute im Vergleich zum neuen Kaufhaus Tyrol langweilig und austauschbar. Ins Tyrol kommen jetzt 20.000 Besucher am Tag. Sie sorgen dort für einen durchschnittlichen Umsatz von 4500 Euro pro Quadratmeter und Jahr, das sind hochgerechnet um die 150 Millionen Euro. Sowohl Besucherzahl als auch Umsatz wachsen um etwa zwei bis drei Prozent jedes Jahr. Das ist nicht sehr viel, aber: „Völlig gegen den Markt“, sagt Schneemann.

Ist das nun also die Lösung für Karstadt? Es wäre schließlich auch ein Mischmodell denkbar. Das Warenhaus macht das, wo es noch wettbewerbsfähig ist: Lederwaren, Schmuck, Uhren – den Rest überlässt es Fachhändlern. Dann hätte das Kaufhaus vielleicht noch ein, zwei Etagen im Shopping-Center.

Neuer Aufsichtsrat wird über Sanierungskonzept entscheiden

Zwei Probleme gibt es dabei allerdings: Shopping-Center brauchen mehr Platz als Kaufhäuser, wenn sie profitabel sein sollen – und Raum ist teuer. René Benko wird sich genau überlegen, in welcher der vielen Städte, in denen Karstadt heute noch sitzt, sich das überhaupt lohnt. Außerdem ist das Konzept Einkaufszentrum nicht gerade brandneu. Das Mall-Konzept taugt nicht für jedes Karstadt-Haus. Es werden Kaufhäuser schließen.

Benko ist zwar ein schillernder Typ aus der Szene der Schönen und (Neu-)Reichen Österreichs und hat bekannte Freunde auch in Deutschland von Roland Berger bis Wendelin Wiedeking. Doch um radikale Pläne wie beim Tyrol durchzusetzen, muss er die jeweiligen Lokalpolitiker überzeugen. Wie schwierig das ist, zeigt sich gerade 125 Kilometer südlich von Innsbruck in Bozen in Südtirol. Dort wollte Benko etwas Ähnliches schaffen wie in Innsbruck: ein neues großes Luxuskaufhaus nahe dem Bahnhof. Sogleich formierte sich Protest der örtlichen Unternehmer, die ein Gegenangebot fürs Areal abgaben – und so lange auf die lokale Politik einwirkten, bis die das zu bebauende Areal deutlich verkleinerte.

Benko behauptete erst lautstark, nun kein Angebot mehr abzugeben, tat es kurz vor Schluss schließlich doch. So leicht gibt der Mann schließlich nicht auf.

Man kann davon ausgehen, dass die Kämpfe bei Karstadt jetzt erst losgehen. Jetzt muss Benko erst einmal einen neuen Karstadt-Chef finden, am ehesten wohl einer seiner Getreuen, und den Aufsichtsrat mit seinen Leuten neu besetzen. Die Gespräche laufen schon, Namen sind noch nicht bekannt. Erst wenn der neue Aufsichtsrat feststeht, soll er zusammenkommen, um über ein Konzept zur Sanierung von Karstadt zu entscheiden.

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