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Ben & Jerry’s gegen Regierung : Eiscreme und Ausbeutung

Ein Truck von Ben & Jerry’s in Washington Bild: Picture-Alliance

Der Eishersteller kritisiert die Migrationspolitik der britischen Regierung und erntet einen Sturm von bösen Kommentaren. Kritiker erinnern, dass der Konzern selbst illegale Migranten ausgebeutet hat.

          3 Min.

          Politisch zugespitzte PR-Botschaften sind ein zweischneidiges Schwert für Unternehmen. Einerseits können sie viel Aufmerksamkeit erregen und manchen Kunden gefallen. Andererseits gibt es immer das Risiko, dass Polit-Marketing nach hinten losgeht. Diese Erfahrung hat nun auch der amerikanische Eiscreme-Hersteller Ben & Jerry’s gemacht, der sich schon seit längerem mit Polit-Marketing einmischt, vorzugsweise zu progressiven Themen wie LGBT-Rechte, Klimawandel, Migrationspolitik und jüngst Black Lives Matter.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          In dieser Woche griff Ben & Jerry’s via Twitter die britische Innenministerin Priti Patel an, die für ihre harte Haltung in der Migrationspolitik bekannt ist. Patel bemüht sich aktuell darum, Bootsmigranten zu stoppen, die in gefährlicher Fahrt über den Ärmelkanal von Frankreich nach Britannien kommen. In diesem Jahr waren es schon mehr als 4300, zumeist Menschen aus Afrika oder dem Nahen Osten.

          Handelt es sich um Heuchelei?

          Die Londoner Regierung spricht von illegalen Migranten und einer Migrationskrise. Das PR-Team von Ben & Jerry‘s twitterte nun, es gebe keine „Migrationskrise“, die echte Krise sei der Mangel an Menschlichkeit, Migranten aufzunehmen, die vor Klimawandel und Folter flüchteten. Allerdings kommen die Bootsmigranten aus Frankreich, entgegnet die Londoner Regierung – dies sei ein sicheres Land.

          Die Twitter-Botschaft von Ben & Jerry’s hat eine riesige Diskussion im Netz und in den Medien ausgelöst, die aber für den Eisproduzenten eine eher unerfreuliche Wendung nahm. Es gab zwar viel Zustimmung von Fans und politisch Gleichgesinnten, der schwarze Polit-Aktivist Femi Oluwole zeigte sich auf Twitter lachend mit einer Eispackung: „Ich stehe hinter Ben & Jerry’s“, schrieb er.

          Aber dann kam vehementer Widerspruch und massive Heuchelei-Vorwürfe wurden laut. Bis auf die Titelseite der britischen Ausgabe der „Financial Times“ brachte es der Streit. Die Zeitung "Times" titelte schon deutlich negativer: „Ben & Jerry’s bekommt die kalte Schulter gezeigt."

          Das Ganze drohte für die Eismarke zu einem Reputationsschaden zu werden, denn die Twitter-Sprüche wurden als verlogenes „Virtue Signalling“ (Signalisieren der eigenen Tugendhaftigkeit) zurückgewiesen. Konservative Zeitungen wie die „Daily Mail“ droschen mit voller Wucht auf den Eishersteller mit den linksliberalen Gründern Ben Cohen und Jerry Greenfield ein, der im Jahr 2000 vom internationalen Konsumgüterkonzern Unilever übernommen wurde, aber noch immer recht unabhängig geführt wird.

          „Überteuertes Junkfood“

          Aus dem Innenministerium hieß es, die Eiscreme von Ben & Jerry’s sei in Wahrheit „überteuertes Junkfood“. Der Außenstaatssekretär James Cleverly schrieb ironisch eine Bestellung: „Kann ich bitte eine Kugel von statistisch falschen Tugendsignalen haben mit meiner total überteuerten Eiscreme?“

          Die britische Regierung steht auf dem Standpunkt, dass die Migranten im Ärmelkanal keine Flüchtlinge seien, denn sie könnten in Frankreich Asyl beantragen. Außerdem seien es Schlepper und Menschenschmuggler, welche die Boote bereitstellen. Gegen Unilever hat die Londoner Regierung dieses Frühjahr den Vorwurf erhoben, 141 Millionen Pfund an Steuern mit Tricks vermieden zu haben.

          Besonders peinlich aber ist für Ben & Jerry’s, dass wütende Netzkritiker daran erinnern, dass der Eishersteller selbst wegen menschenunwürdiger Behandlung von Migranten am Pranger stand. Ben & Jerry’s hat große Mengen Milch von Farmen in Amerika bezogen, die teils illegale mexikanische Migranten beschäftigten und ausgebeutet haben. „Wie Vieh“ seien die Arbeiter behandelt worden, sagen Kritiker.

          „Nahe an der Sklaverei“, schrieb der „Guardian“, der vor zwei Jahren ausführlich berichtete, dass die Zulieferer von Ben & Jerry‘s die Migranten bis zu vierzehn Stunden am Tag schuften ließen und sie auf Strohlagern in Schuppen ohne Heizung unterbrachten. Es kam zu Protesten vor Ben-&-Jerry’s-Büros in sechzehn Städten. Damals musste der Eishersteller zerknirscht sein moralisches Versagen eingestehen und seinen Arbeitern bessere Bedingungen in der Zukunft versprechen.

          „Ben & Jerry's haben ihre eigenen migrantischen Arbeiter misshandelt und nicht richtig bezahlt”, kritisierte der Aktivist, Radiomoderator und Tory- und Brexit-Unterstützer Mahyar Tousi, selbst ein Einwanderer, auf Twitter. „Jetzt untergraben sie die Position von legalen Migranten, indem sie illegale Einwanderung und kriminelle Menschenschmuggler unterstützen“.

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