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Thyssen-Krupp : Cevian nimmt Druck aus dem Stahlkessel

Der Großaktionär von Thyssen-Krupp will die Geschäfte im Konzernverbund auf höhere Renditen trimmen. Bild: dpa

Der Großaktionär von Thyssen-Krupp, Cevian, will die Geschäfte im Konzernverbund auf höhere Renditen trimmen. Mit dem Rückzug des Vorstandschefs Hiesinger scheint der Weg für neue Strategien frei zu sein.

          Heinrich Hiesinger ist weg. Selbst auf die Krupp-Stiftung, langjährige Garantin für den Zusammenhalt des Konzerns, scheint kein Verlass mehr zu sein. Haben jetzt Investoren wie Cevian und Elliott freie Bahn, um Tabula rasa zu machen? In der Belegschaft geht die Angst um. Der Konzernbetriebsrat warnte gar vor einer „heuschreckenartigen Zerschlagung“ und Teilversilberung des Essener Industriekonglomerats. Eine neue Strategie lässt auf sich warten, erst muss der Aufsichtsrat die Nachfolge an der Konzernspitze regeln.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          In dieser unübersichtlichen und aufgeladenen Gemengelage versucht die schwedische Beteiligungsgesellschaft Cevian, mit 18 Prozent größter Aktionär hinter der Krupp-Stiftung, die Emotionen zu beruhigen und die Debatte zu versachlichen: Von dem Kampfbegriff der „Zerschlagung“ setzt man sich ab; es gehe in der kommenden Entwicklungsphase eher um eine „Dezentralisierung“, ist die am Wochenende verbreitete Botschaft. Die meisten Industriesparten hätten eine gute Entwicklungsperspektive, doch um endlich bessere Ergebnisse abliefern zu können, brauchten sie innerhalb des Konzerns möglichst schnell mehr unternehmerische Freiheit und Unabhängigkeit vom teuren und komplexen „Head Office“. Die einzelnen Geschäfte müssten deshalb viel stärker aus sich heraus organisiert und geführt werden, auch mit mehr bilanzieller Eigenständigkeit.

          Mit einem Zweistufenplan zurück zu den Branchenbesten

          Vor fünf Jahren waren die Schweden eingestiegen, unmittelbar nachdem Hiesinger den Konzern vor der Pleite gerettet und seine neue Strategie ausgerufen hatte: Weg vom Stahl, hinein in die Industriegeschäfte. Doch sie hatten bisher wenig Freude an ihrem Investment: Die Aktie steht heute praktisch auf dem gleichen Niveau wie 2013. Ob Aufzüge, Autoteile oder Anlagenbau: In den Industriegeschäften hinkt Thyssen-Krupp den Branchenbesten weit hinterher. Die kämen im Schnitt auf doppelt so hohe Margen, hieß es. „Das ist der Grund, warum Hiesinger gehen musste.“ Hiesinger sei nicht zu langsam gewesen, er habe auf Verbundvorteile gesetzt, wo es keine gebe. Zementfabriken und Autoteile oder Aufzüge und U-Boote seien einfach keine Kombinationen, die Synergien versprächen.

          Wohin die Reise gehen soll, hat Mitgründer Lars Förberg wiederholt deutlich gemacht: „Jetzt muss für jede der Sparten konsequent geprüft werden, welche Struktur und welche Eigentumsverhältnisse am besten geeignet sind“, sagte er nach der Abspaltung des Stahls in das Gemeinschaftsunternehmen mit Tata. Doch das könnte ein längerer Prozess werden, die Schweden wollen sich nicht unter Zeitdruck setzen. Schnelle Abspaltungen und Verkäufe seien nicht der richtige Weg, hieß es am Wochenende, auch nicht für Geschäftsfelder wie den Werkstoffhandel oder die Marinesparte, über deren Abtrennung sogar schon unter Hiesinger nachgedacht worden war. Das Vorgehen läuft auf einen Zweistufenplan hinaus: Die einzelnen Geschäftsfelder innerhalb des Konzerns fit machen und möglichst an die „Besten ihrer Klasse“ heranrücken, und dann erst für jede einzelne Sparte schauen, wie es weitergeht. Patentlösungen gebe es nicht, vom Börsengang bis zum Zusammengehen mit anderen sei vieles denkbar.

          Vorstand darf vorerst bleiben

          Wie lange der Umbau dauern darf? Verbesserungen müssten so bald wie möglich kommen, aber man wisse auch, dass solche industriellen Prozesse ihre Zeit benötigten und man habe die Kraft, das durchzustehen, heißt es dazu. Bei Volvo Trucks hatte es nach dem Einstieg von Cevian acht Jahre gedauert, den Lastwagenhersteller zu einem attraktiven Spieler zu machen und einen gewinnbringenden Exit vorzubereiten. Aber ein Maßstab ist das für die Schweden nicht. Und so viel Geduld ist von einem anderen aktivistischen Investor, dem Hedgefonds Elliott, wohl auf keinen Fall zu erwarten. Die Amerikaner sind dafür bekannt, dass sie auch mit robusten Methoden auf den schnellen Gewinn aus sind.

          Als langfristig orientierter Investor stehen die Schweden der Krupp-Stiftung sicherlich näher als die Amerikaner. Für deren Kuratoriumsvorsitzende Ursula Gather und ihre Arbeit gab es denn auch Respektsbekundungen, verbunden mit dem Hinweis freilich, dass die Einsicht in den notwendigen Strategiewechsel auch anderswo wachse. Für das Hochhalten von Traditionen, für das gern gepflegte Image von Thyssen-Krupp als deutsche Industrieikone, bringen die Schweden wenig Verständnis mit. Auch andere traditionsreiche deutsche Unternehmen hätten sich schließlich wandeln müssen, um ihre Zukunft zu sichern und Arbeitsplätze zu bewahren.

          Ob der neue Vorstandschef aus dem Konzern kommen sollte oder eine externe Besetzung besser wäre, ist für Cevian offen. Es gebe kompetente Kandidaten in die eine wie die andere Richtung. Vorerst machen die bisherigen Vorstände Guido Kerkhoff (Finanzen) Oliver Burkhard (Personal) und Donatus Kaufmann (Recht) weiter. Kerkhoff hat in dem Triumvirat eine etwas herausgehobene Stellung. Die Vorstände der einzelnen Sparten berichten jetzt an ihn, außerdem übernimmt er die Vorstandsressorts für Kommunikation, Strategie und Unternehmensentwicklung.

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